Magneten mit dem Porträt Martin Luthers aus einem Cranach-Gemälde liegen am 25.09.2015 im Lutherhaus in Eisenach (Thüringen) auf einem Tisch.

23.12.2016 | Von:
Dorothea Wendebourg

Reformationsjubiläen und Lutherbilder

Einer von vielen
Anders entwickelte sich der Lutherbilderreigen in den USA. Hier feierten die Lutheraner erstmals 1817 mit großem Aufwand ein Reformationsjubiläum und waren damit die ersten, die in dem noch jungen Staat die Geschichte der eigenen Konfession "zum Gegenstand der Erinnerungskultur machten".[12] Mit dem Rückblick auf die Reformation verband sich die Bestimmung des eigenen Standpunktes in dem Land, in dem man erst seit Kurzem lebte. So wurde die Wiederentdeckung des Evangeliums durch den Kirchenlehrer Martin Luther als Vorgeschichte der Verbreitung des Evangeliums verstanden, die unter ganz anderen Bedingungen durch die Ansiedlung des Luthertums auf dem neuen Kontinent geschah: "Das Licht, das Luther angesteckt, bestrahlt auch diese Lande (…). Hier, wo die schwärzeste Finsternis das Land wie Nacht bedeckte; wo tödlich gift’ger Schlangenbiss der Wilden schreckend weckte, da stehen Tempel Gottes nun (…)", sang man beim Jubiläum.[13]

Es war der der Jubiläumstradition des 17. und 18. Jahrhunderts entsprechende Kirchenlehrer Luther, der in solchen Tönen, überwiegend in deutscher Sprache und von Gemeinden, die an der Verbindung zu Deutschland festhielten, gepriesen wurde. Doch bei der Feier von 1817 hatte auch der "Aufklärer Luther" seine Advokaten und das ebenfalls in charakteristischer, dem US-Kontext angepasster Manier: Der als "glorious revolution" gepriesenen Reformation verdanke man die "happy effects" von Glaubensfreiheit, Mündigkeit und allgemeiner Bildung, und da die Glaubensfreiheit "parent of civil freedom" sei, verdanke man der Reformation indirekt auch die politische Freiheit – welche vor allem in den Vereinigten Staaten verwirklicht sei.[14] Die Pfarrer und Gemeinden, die in diesem Geist feierten, taten das in englischer Sprache. Wie die deutschen Lutheraner feierten sie gemeinsam mit anderen, in Amerika freilich weit vielfältigeren evangelischen Kirchen. Doch anders als in Deutschland folgte hier aus der Feier des Thesenanschlags als gesamtprotestantisches Schlüsselereignis, dass Luther weniger hervorgehoben, sondern in die Riege aller Reformatoren eingereiht erschien.

"This nobler German"
Das war beim Jubiläum von 1883 ganz anders. Der Grund lag nicht nur darin, dass es hier um die Feier von Martin Luthers Geburtszentenar ging, sondern auch in der Tatsache, dass die amerikanischen Lutheraner mittlerweile an Zahl und öffentlichem Gewicht zugenommen hatten. So wurde der Wittenberger Reformator nun in zahllosen Schriften und Reden gepriesen, von Lutheranern ebenso wie von Protestanten aus anderen Kirchen und auch, wenngleich nicht ohne Widerspruch, von US-amerikanischen Juden.[15] Und nun wurden nicht nur von der Reformation als ganzer, sondern besonders von Luther her die Linien der gesamtgesellschaftlichen Wirkungen gezogen: "Luther opened the Bible and revealed our inheritance, by the force of religious conviction we have gained our civil and religious liberty", schrieb ein presbyterianischer Theologe.[16] Während die Deutschen begannen, "Luther den Deutschen" auf den Schild zu heben, stellte ein amerikanischer Historiker fest: "To Martin Luther, above all men, we Anglo-Americans are indebted for national independence and mental freedom."[17] Und ein methodistischer Theologe schrieb mit deutlichem Brückenschlag zur US-Geschichte: "Find the birthplace of liberty – Wittenberg. There was the World’s ‚Declaration of Independence‘ written, and Martin Luther’s Reform is the apostle and prophet of human freedom."[18]

Dass man bei aller Betonung der internationalen und die Vereinigten Staaten besonders betreffenden Bedeutung Luthers immer die deutsche Herkunft des Reformators gewürdigt hatte, machte es 1917 beim Jubiläum schwieriger, in den USA enthusiastisch von Luther zu sprechen. Denn seit einem halben Jahr standen Deutschland und die Vereinigten Staaten miteinander im Krieg. Das Jubiläum wurde durchaus begangen, doch der Überschwang von 1883 war dahin. Vielfach wurde nun der Akzent mehr auf die religiös-theologische Seite von Luthers Wirken als auf die gesellschaftlichen "happy effects" gesetzt. Diese konnten gleichwohl auch weiterhin herausgestellt werden – nun freilich als solche, die sich in den Vereinigten Staaten und nicht in Deutschland durchgesetzt und die die USA, nicht Deutschland, zum wahren Erben Luthers gemacht hätten. Das zu betonen, war ein besonderes Anliegen der amerikanischen Lutheraner skandinavischen Hintergrunds, die ihren Glauben nicht als spezifisch deutsche Konfession kompromittiert und sich selbst nicht dem Verdacht politischer Illoyalität ausgesetzt sehen wollten. So mahnten sie ihre Glaubensgenossen, sich den übernationalen Luther nicht durch "intellektuellen Raub" nehmen zu lassen, und betonten, dass Luther und Thomas Jefferson "kinsmen" seien: "The religious liberty, which was won by the heroism of Martin Luther, was a precursor of the civil liberty which (…) 1776 has become our heritage."[19]

Was Deutschland betraf, ließ sich in dieser Perspektive ein gutes, an Luther orientiertes von dem schlechten, jetzt Krieg führenden Deutschland unterscheiden. So konnten die Amerikaner von einem methodistischen Landsmann aufgefordert werden, "this nobler German" zu folgen und nicht "the modern sceptical and superstitious Germany which would germanize mankind with the help of Krupp guns, poison gases, and liquid fire"; in Erinnerung an "Luther, Kant, Lessing, Goethe, Schiller, Bach, Mendelssohn and Beethoven, Steuben, Herkimer, De Kalb, Carl Schurz und Franz Sigel" sollten sie aufschreien "against Kaiserism and despotism", wie Luther es mit seinen Worten "Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir" in Worms getan habe.[20]

"Prophet der Deutschen"
In Deutschland schritt indessen der "deutsche Luther" weiter fort. Bei den Jubiläen der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, insbesondere 1921 bei der großen 400-Jahr-Feier von Luthers Auftritt auf dem Wormser Reichstag, sollte der "Held von Worms" dem militärisch geschlagenen, sich durch den Versailler Vertrag gedemütigt fühlenden, wirtschaftlich am Boden liegenden deutschen Volk Halt und Zuversicht geben.[21] 1933, in dem Jahr, das nicht nur die Machtübernahme der Nationalsozialisten, sondern zehn Monate später auch den 450. Geburtstag Martin Luthers brachte, schien vielen die ersehnte Wende zum Besseren gekommen. Luther wurde zum "Propheten der Deutschen", der sie verheißen hatte.[22] Die Gefolgsleute des neuen Regimes in der evangelischen Kirche, die Deutschen Christen, planten, das Jubiläum zu einer missionarischen Veranstaltung ihrer neu gegründeten Reichskirche zu machen: Aus dem "großen Lutherfest", "dem Gedenktag, der nur rückwärts blickt, wird das Weihefest für ein neues Haus der deutschen Kirche Martin Luthers. (…) Die Stunde der Volksmission ist da", erklärte die neue Reichskirchenregierung.[23] Denn wenn die Protestanten sich geschlossen in den Dienst dieses Reiches stellten, würden umgekehrt die der Kirche entfremdeten, doch von Hitlers Regime begeisterten Massen sich der nun wahrhaft deutschen evangelischen Kirche wieder zuwenden. Dieses Jubiläumsprogramm konnte auf die kurze Formel "Luther und Deutschland!"[24] gebracht werden und ließ sich verdichten zu der Variante "Luther und Hitler".[25]

Eine marginale Rolle spielte bei dem Jubiläum die sogenannte Judenfrage, was das antisemitische Hetzblatt "Der Stürmer" beklagte und mit dem wiederholten Vorwurf an die evangelische Kirche verband, sie "schweige" Luthers antijüdische Schriften wie schon immer auch jetzt "tot".[26] Doch der Jubiläumsredner einer Großkundgebung der Berliner Deutschen Christen rühmte die "völkische Sendung Luthers"; sie ziele darauf, dass das Christentum "artgemäß" werde, wozu die Anwendung des Arierparagrafen in der Kirche und die Befreiung vom Alten Testament gehöre.[27] Das war freilich ein Programm, das zwar einen harten Kern befriedigte, aber die mit dem Jubiläum verbundenen Hoffnungen durchkreuzte, denn nach diesem Auftritt liefen den Deutschen Christen die Anhänger davon.

So verhallten jene Stimmen nicht ungehört, die den deutsch-völkischen Luther zurückwiesen und die ganze Tendenz, die Bedeutung Luthers an politisch-kulturellen Wirkungen zu bemessen, für unsachgemäß erklärten: Luther sei vielmehr, wie das unter anderem von dem Theologen Dietrich Bonhoeffer erarbeitete "Betheler Bekenntnis" betonte, "ein treuer Zeuge der Gnade Jesu Christi", und sein Dienst sei "nicht auf das deutsche Volk beschränkt".[28] Er sei nicht mehr und nicht weniger als ein die Heilige Schrift auslegender "Lehrer der christlichen Kirche", wie der Schweizer Theologe Karl Barth schrieb.[29] Mit diesen Stimmen war eine Rückkehr zum Kern des Lutherbildes gegeben, das die Jubiläen des 17. und 18. Jahrhunderts bestimmt hatte.

Wegbereiter der proletarischen Revolution
Es verwundert nicht, dass das erste Lutherjubiläum nach dem Untergang des "Dritten Reiches", der wenige Monate nach der Niederlage erstaunlich festlich begangene 400. Todestag des Reformators 1946, ganz von diesem kirchlich-theologischen Lutherbild bestimmt war. Der "deutsche Luther" hatte gründlich ausgedient, nun erwartete man von dem Ausleger der Heiligen Schrift Aufrichtung im allgemeinen Zusammenbruch. Doch im selben Jahr begann mit der Neuauflage von Friedrich Engels "Der deutsche Bauernkrieg" von 1870 in der entstehenden DDR eine andere Linie, die Verbreitung und Prägung sozialistischer Lutherbilder. Zunächst im Gefolge Engels’ als "Fürstenknecht" denunziert, dem Thomas Müntzer als plebejischer Revolutionär gegenüberstand, wurde der Wittenberger Reformator in dem Maße, in dem der sozialistische deutsche Staat zu seiner Legitimierung positiver historischer Anknüpfungspunkte bedurfte, neu bewertet.[30]

Der 450. Jahrestag der Reformation 1967 und vollends der 500. Geburtstag Martin Luthers 1983 wurden nicht nur von der Kirche begangen, sondern auch von staatlicher Seite mit großem Aufwand gefeiert.[31] Beide Male kam eine Lutherbriefmarke heraus – 1983 übrigens auch in anderen Ländern des Ostblocks. Luther galt jetzt als "einer der größten Deutschen".[32] Als Träger der "frühbürgerlichen Revolution", die eine notwendige Stufe auf dem Weg zur proletarischen Revolution darstelle, spielte der Reformator nun eine positive Rolle im Geschichtsbild der sozialistischen Volksrepublik. Der "Aufklärer Luther" und der "deutsche Luther" waren in neuer Weise zusammengekommen. Im Zuge der parallel zu den staatlichen veranstalteten kirchlichen Feiern hingegen wurde darauf bestanden, dass die eigentliche Bedeutung des Reformators in seiner kirchlich-theologischen Rolle liege.

"Vater im Glauben"
Was sich gleichzeitig im Westen diesseits und jenseits des Atlantiks abspielte, kann kaum auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Das Jubiläum von 1983 wurde auf allen Ebenen und mit Veranstaltungen aller Art gefeiert. Vielerorts gab es ebenfalls Lutherbriefmarken, nicht allein in der Bundesrepublik, sondern auch in anderen europäischen Ländern, darunter solche ohne lutherische Tradition, sowie in mehreren Staaten des amerikanischen Kontinents. Darin kam bildlich einmal mehr zum Ausdruck, dass man in dem Wittenberger Reformator eine Gestalt würdigte, die über den Raum der Kirche hinaus von weltweiter Bedeutung sei; welches Bild von Martin Luther genau hinter der Würdigung stand, konnte offen bleiben.

Zugleich wurden kritische Töne laut: In der Bundesrepublik prangerten evangelische Pfarrer und Medien besonders Luthers antijüdische Schriften an, und in den USA wurden diese nun erstmals einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Auffällig war die starke Beteiligung von Katholiken an diesem Jubiläum. Und sie prägten nochmals ein neues Lutherbild: Luther, der überkonfessionell gemeinsame "Vater im Glauben".[33] Es ist das jüngste in der langen Reihe der Lutherbilder. In den Jahrzehnten seither ist es verblasst. Wie es scheint, wird das Jubiläum 2017 kein eigenes prägen und auch keines aus der Vergangenheit in den Mittelpunkt stellen – doch dann soll ja auch die Reformation und nicht ein einzelner Reformator gefeiert werden.

Fußnoten

12.
Wolfgang Flügel, Die Selbstdarstellung deutscher Einwanderer im Reformationsjubiläum 1817, in: Klaus Thanner/Jörg Ulrich (Hrsg.), Reformationsvergegenwärtigung als Standortbestimmung (1717–1983), Leipzig 2012, S. 71–99, hier S. 81.
13.
Zit. nach ebd., Anm. 64.
14.
Frederick Henry Quitman, zit. nach ebd., S. 96.
15.
Vgl. Wendebourg (Anm. 8), S. 245f.
16.
Zit. nach Hartmut Lehmann, Martin Luther in the American Imagination, München 1988, S. 182.
17.
Frederic Henry Hedge, zit. nach ebd., S. 179.
18.
Zit. nach ebd., S. 183.
19.
Zit. nach ebd., S. 284.
20.
Frank Wakeley Gunsaulus, zit. nach ebd., S. 276.
21.
Vgl. Dorothea Wendebourg, Das Reformationsjubiläum des Jahres 1921, in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 110/2013, S. 316–361.
22.
Siehe etwa Hans Preuß, Martin Luther. Der Prophet, Gütersloh 1933; ders., Luther und Hitler, in: Allgemeine Evangelisch-Lutherische Kirchenzeitung 66/1933, Sp. 970–979, Sp. 994–999.
23.
Aufruf der Reichskirchenregierung zum Jubiläum, in: Gesetzesblatt der Deutschen Evangelischen Kirche 1933.
24.
Hermann Dörries, Luther und Deutschland, Tübingen 1934, S. 19.
25.
Hans Preuß, Luther und Hitler, Erlangen 1933.
26.
So z.B. im Jubiläumsartikel in: Der Stürmer 46/1933, S. 4; siehe auch Der Stürmer 22/1943, S. 3 sowie 49/1943, S. 3.
27.
So der Berliner Gauobmann Reinhold Krause auf der sogenannten Sportpalast-Kundgebung am 13.11.1933. Vgl. Wendebourg (Anm. 1), S. 274.
28.
Zit. nach Kurt Dietrich Schmidt (Hrsg.), Bekenntnisse und grundsätzliche Äußerungen zur Kirchenfrage des Jahres 1933, Göttingen 1934, S. 107f.
29.
Karl Barth, Luther, in: Theologische Existenz heute 4/1933, S. 8–16, hier S. 11.
30.
Siehe auch den Beitrag von Luise Schorn-Schütte in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
31.
Siehe auch Wendebourg (Anm. 1), S. 276f.
32.
Erich Honecker zit. nach Rudolf Mau, Beobachtungen zum Lutherjubiläum 1983 in der DDR, in: Theologische Literaturzeitung 138/2013, S. 1045–1058, hier S. 1050.
33.
Siehe Gottfried Maron, 1883 – 1917 – 1933 – 1983: Jubiläen eines Jahrhunderts, in: ders., Martin Luther und seine ökumenische Bedeutung, Göttingen 1993, S. 188–208, hier S. 198.
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