Archiv im Finanzamt, Berlin

31.3.2017 | Von:
Berthold Vogel

Arbeiten im Amt. Beschäftigungsverhältnis und Arbeitsbewusstsein im öffentlichen Dienst

Arbeitsethos und Institutionenverstand

Es gilt, die Beschäftigten selbst stärker in den Blick zu nehmen. Doch hier besteht eine Lücke in Politik und Wissenschaft. Zwar wird die Zukunft des Wohlfahrtsstaates vielstimmig und kontrovers bedacht. Doch die Personen beziehungsweise die Dienstklassen, die diese Zukunft repräsentieren und tragen werden, spielen in den Debatten der Politik, der Verwaltungswissenschaften oder der Soziologie nur eine randständige Rolle. Dabei ist von erheblichem Interesse, in welcher Weise, in welchem Bewusstsein, mit welcher Haltung und mit welchem beruflichen Selbstverständnis die Lehrerinnen und Pflegekräfte, die Busfahrer und Verwaltungsangestellten, die Ärzte und Rettungsassistenten ihre Tätigkeiten ausführen. Denn zweifelsohne ist die von ihnen geleistete Arbeit am Gemeinwohl auch mit Haltungsfragen und Berufseinstellungen verknüpft. Wo, wenn nicht an diesen Orten der Arbeitswelt, erwarten wir Arbeitsethos, Engagement und professionelles Wissen – und eben nicht nur Jobkultur und Dienst nach Vorschrift. So hebt auch der Verwaltungswissenschaftler Wolfgang Seibel hervor, dass wir uns Verwaltungsangestellte wünschen, die "mehr tun als nur ihre Vorschriften zu befolgen – Verwaltungsangehörige, die sich darüber Gedanken machen, wie ihr Tun oder Unterlassen unter moralischen Gesichtspunkten zu bewerten ist".[18] Dieser Sichtweise auf die Herstellung und Erbringung öffentlicher Güter liegt die Überzeugung zugrunde, dass die Lebensqualität einer Gesellschaft etwas mit der Leistungsqualität ihrer öffentlichen Güter zu tun hat; und dass diese Leistungsqualität wiederum mit der Qualität der Arbeitsbedingungen öffentlicher Dienstleisterinnen und Dienstleister verknüpft ist. Nicht nur Institutionen und Strukturen zählen, sondern auch diejenigen, die diese durch ihr Amtsverständnis gestalten. Sie verwirklichen durch ihr Engagement und ihr professionelles Handeln öffentliche Güter als republikanische Institutionen und tragen damit entscheidend zur Fundierung eines demokratischen Gemeinwesens und des gesellschaftlichen Zusammenhalts bei.[19]

In diesem Zusammenhang kommt etwas ins Spiel, das die Rechtsphilosophin und Verfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolff "Fundus an gesellschaftlichem Institutionenverstand" genannt hat.[20] Dieser sei für die Verwirklichung von sozialer und rechtsstaatlicher Demokratie unentbehrlich. Institutionen leben eben nicht nur aus einer abstrakten Rechtsordnung heraus, sondern sie werden vom normativen Konsens derer getragen, die sie nutzen, vor allem aber derer, die sie ausfüllen und ihnen Gestalt geben. Eine Beschäftigung mit öffentlichen Gütern und Diensten muss diesen "Institutionenverstand" berücksichtigen und wissenschaftlich zur Kenntnis nehmen.[21]

Der Hinweis auf den Institutionenverstand enthält einen starken normativen Impuls: Für die Bewirtschaftung der öffentlichen Angelegenheiten bedarf es eines Personals, das sich seiner selbst sicher sein kann. Dabei liegen die entscheidenden Fragen auf der Hand: Wie sehen Pflege und Sicherheitsleistungen, Beratungen und Erziehungsbemühungen derer aus, die selbst zu tun haben, um über die Runden zu kommen? Fördert die permanente Selbstbehauptung in Benchmarking-Prozessen Gemeinwohlorientierung? Wie sehen öffentliche Güter aus, die von Arbeitskräften hergestellt werden, die sich mühsam von Vertrag zu Vertrag hangeln? Bildet sich hier der notwendige Fundus an Institutionenverstand, von dem Lübbe-Wolff spricht? Wohl kaum – aber es ist die Aufgabe der Bewirtschaftung öffentlicher Güter und Dienste, den normativen Stabilitätskern demokratischer Gesellschaften zu sichern. Sonst werden demokratische Institutionen fragil.

Jobmentalität und Amtsethos passen nicht zusammen. Gemeinwohl erfordert Loyalität und Verbindlichkeit. Wer daher über die Zukunft öffentlicher Güter spricht, der kann über Fragen der Entlohnung, des beruflichen Aufstiegs, der sozialen Anerkennung und der professionellen Weiterbildung des Personals nicht schweigen. Öffentliche Güter und Dienste, Daseinsvorsorge und Gemeinwohl sind nicht nur abstrakte Strukturen, sie sind im Kern berufliche Praxis und Arbeitswirklichkeit. In diesen Arbeitswirklichkeiten manifestieren sich unterschiedliche gesellschaftliche Interessen, aber im besten Fall auch Leidenschaften für das soziale Ganze. Und über den Begriff des Institutionenverstandes wird der Gedanke des Amtes, des Amtsethos und des Amtsverständnisses auf neue und substanzielle Weise belebt.

Fußnoten

18.
Seibel (Anm. 6), S. 87.
19.
Vgl. Maurizio Viroli, Die Idee der republikanischen Freiheit. Von Machiavelli bis heute, Zürich–München 2002.
20.
Gertrud Lübbe-Wolff, Rede zur Verleihung des Hegel-Preises, Stuttgart 24.7.2012.
21.
Vgl. Berthold Vogel, Wohlstandskonflikte. Soziale Fragen, die aus der Mitte kommen, Hamburg 2009; Flecker et al. (Anm. 12); Franz Schultheis et al. (Hrsg.), Im öffentlichen Dienst. Kontrastive Stimmen aus einer Arbeitswelt im Wandel, Bielefeld 2014.
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