Mitarbeiter arbeiten am PC in den Büros im Google Finanzcenter in Schanghai.

23.6.2017 | Von:
Friedericke Hardering

Die Suche nach dem Sinn: Zur Zukunft der Arbeit - Essay

Individueller Sinn von Arbeit
Von einer Krise des Sinns wird aber auch in einem anderen Kontext gesprochen, nämlich dann, wenn der Sinn innerhalb der Arbeit problematisch wird und Beschäftigte ihre Arbeit nicht mehr als sinnvoll erleben. Während dies früher als ein Problem insbesondere geringqualifizierter und stark fragmentierter Tätigkeiten galt, finden sich mittlerweile auch Hinweise auf solche Problematiken aus hochqualifizierten Beschäftigungssegmenten: Auch Ärztinnen und Ärzte, Hochschullehrende oder IT-Fachkräfte klagen mittlerweile darüber, dass sie durch zahlreiche neue, besonders administrative Aufgabenanteile gar nicht mehr zu ihrer eigentlichen Arbeit kommen. Berichtet wird davon, dass für subjektiv wichtige Aufgaben immer weniger Zeit ist und gleichzeitig scheinbar sinnlose Arbeiten zunehmen.[4] Ausgehend von solchen Befunden könnte vermutet werden, dass sich auch in größeren Surveys eine Krise des Sinns in der Arbeit abzeichnet. Bemerkenswerterweise zeigen nun verschiedene Befragungen, dass Beschäftigte in Deutschland mehrheitlich einen Sinn in ihrer Arbeit erkennen können: Laut DGB-Index Gute Arbeit, der jährlich das Arbeitserleben und auch das Erleben sinnvoller Arbeit von abhängig Beschäftigten in Deutschland erfragt, gaben 2016 etwa 81 Prozent der Befragten an, einen Sinn in ihrer Arbeit zu sehen.[5] In der Europäischen Erhebung über die Arbeitsbedingungen (European Working Conditions Survey) gaben 86 Prozent der Befragten an, immer oder meistens das Gefühl zu haben, eine nützliche Arbeit zu tun.[6]

Die Daten muten zunächst äußerst positiv an und scheinen Thesen eines wachsenden individuellen Sinnverlustes oder zunehmender Entfremdung zu widerlegen. Doch diese Interpretation ist zu kurz gegriffen, da bereits ältere Studien über monotone und stigmatisierte Arbeit immer wieder zeigen konnten, dass Beschäftigte auch sinnlose Arbeiten als sinnvoll deuten können: Sie richten dann ihre Aufmerksamkeit nicht auf die belastenden oder gleichförmigen Aspekte der Arbeit, sondern konzentrieren sich auf den größeren Nutzen ihres Tuns. So bewerten sie ihre Arbeit neu und schreiben ihr einen neuen Sinn zu. Die Sinnzuschreibung dient ihnen dazu, ihre Arbeitsidentität zu stabilisieren und handlungsfähig zu bleiben.

Die Bewertung des Sinnerlebens von Beschäftigten gibt also vielmehr Einblicke in subjektive Deutungsleistungen, Ressourcen und Bewältigungsprozesse, als dass sie Aufschluss über Fehlentwicklungen in der gesellschaftlichen Organisation von Arbeit bietet. Kritik von Beschäftigten an der Zunahme als sinnlos empfundener Aufgaben oder daran, dass es immer schwerer wird, gute Arbeit zu leisten, wird über diese Bewertungen nicht abgebildet. Zusammengenommen bedeutet dies, dass sich ein hohes Sinnerleben von Beschäftigten, welches sich in Befragungen zeigt, und ein subjektives Leiden unter Sinnverlust und Erfahrungen der Entfremdung nicht ausschließen. Ein eindeutiges Bild über die Erfahrung von Sinnverlust oder Sinnlosigkeit in der Arbeit lässt sich daraus nicht ableiten. Vielmehr zeigt sich, dass positive Bezüge auf den Sinn in der Arbeit und Erfahrungen des Verlustes von Sinnhaftigkeit differenziert erfasst und analysiert werden müssen.

Jenseits dieser Befunde zeigt sich insgesamt eine höhere gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Fragen des Sinns und des Sinnerlebens in der Arbeit, die einerseits auf die stärkere Einbindung und Forderung von Subjektivität in der Arbeit, andererseits aber auch auf zunehmende Belastungserfahrungen und Entfremdungstendenzen zurückzuführen sind. Dadurch werden individuelle Reflexionsprozesse angeregt, die nicht selten zu einer Kritik an der Norm der Normalarbeit und zu einem Nachdenken über neue Arbeitskonzepte führen.

Neue Sinnsuchende der Arbeitswelt

Wer sich aktuell auf die Suche nach neuen Arbeitskonzepten begibt, wird in Wirtschaftsmagazinen, Blogs und Vlogs schnell fündig: So mehren sich Beiträge über anderes Arbeiten, in denen die Geschichten einzelner Vordenkerinnen oder Vordenker der neuen Arbeit erzählt und zu einem heroisch verklärten Wandlungsnarrativ verdichtet werden. Das Narrativ basiert vielfach auf einer gleichen Struktur: Danach sorgt eine berufliche oder private Krise dafür, den gelernten und lukrativen Beruf aufzugeben, um sich einer subjektiv und gesellschaftlich sinnvolleren Tätigkeit zuzuwenden. Im Zuge der Umorientierung werden vormalige Arbeitsvorstellungen revidiert und durch neue, subjektiviertere Vorstellungen von Arbeit ersetzt.

Die Wünsche nach einer neuen, anderen und auch sinnvolleren Arbeit werden vielfach mit bestimmten Gruppen assoziiert, die eine Art Vorreiterrolle einnehmen und ein neues Arbeitsverständnis reklamieren.[7] Die wohl populärste Gruppe, die für das Einfordern neuer Werte steht, ist die sogenannte Generation Y. Die zwischen 1980 und 1995 Geborenen werden seit einigen Jahren als neue Arbeitsmarkakteure mit veränderten Wertevorstellungen gehandelt. Wichtig sei ihnen, so eine häufige Interpretation ihres Generationsnamens, besonders das Y (Why?), das Warum ihres Arbeitens. Wie wir aus verschiedenen Studien wissen, will die Generation Y allerdings nicht nur mehr Sinn in der Arbeit, sie fordert nicht weniger selbstbewusst auch eine bessere Vereinbarkeit der verschiedenen Lebensbereiche und einen sicheren Arbeitsplatz.

Eine weitere Gruppe, die neue Werte einfordert, sind freiwillige Berufswechselnde, die sich infolge einer beruflichen Krise umorientieren und nun einer anderen, subjektiv bedeutsameren Tätigkeit nachgehen. Auch sie werden wie die Generation Y als Gruppe angeführt, die höhere Ansprüche an die Vereinbarkeit reklamiert und der vor allem nach dem Erreichen persönlicher Karriereziele das gesellschaftliche Wohl am Herzen liegt.

Zuletzt findet sich im Kontext der Postwachstumsbewegung ein neues Nachdenken über die Gestaltung von Arbeit und Wirtschaft. Charakteristisch ist hier der Wunsch nach einer nachhaltigen und ressourcenbewussten Arbeit, die sich am individuellen Bedarf orientiert. Noch grundlegender werden innerhalb dieser Bewegung auch die eigenen Konsumvorstellungen kritisch reflektiert und gemeinsame Formen des solidarischen Wirtschaftens erprobt. Die Sharing-Economy, die Rückbesinnung auf das Selbermachen der Do-it-yourself-Bewegung oder Urban-Gardening-Projekte lassen sich als Ausdrucksformen neuer Suchbewegungen nach anderen Formen des Wirtschaftens werten. Doch welche Schlagkraft haben die in solchen Konzepten zum Ausdruck kommenden neuen Werte im gesellschaftlichen Gefüge? Werden sie bereits zur neuen Normalität, oder fallen sie empirisch kaum ins Gewicht?

Fußnoten

4.
Vgl. Christoph Handrich/Carolyn Koch-Falkenberg/Gerd-Günter Voß, Professioneller Umgang mit Zeit- und Leistungsdruck. Baden-Baden 2016, S. 155ff; Friedericke Hardering, Wann erleben Beschäftigte ihre Arbeit als sinnvoll? Befunde aus einer Untersuchung über professionelle Dienstleistungsarbeit, in: Zeitschrift für Soziologie 1/2017, S. 39–54, hier S. 45.
5.
Vgl. Institut DGB-Index Gute Arbeit, DGB-Index Gute Arbeit. Der Report 2016, Wie die Beschäftigten die Arbeitsbedingungen in Deutschland beurteilen, Berlin 2016.
6.
Vgl. Eurofound, Sixth European Working Conditions Survey 2015, http://www.eurofound.europa.eu/surveys/data-visualisation/sixth-european-working-conditions-survey-2015«.
7.
Vgl. Heather Hofmeister/Friedericke Hardering, Auf der Suche nach dem Sinn. Die Bedeutung der Arbeit für das Leben, in: Forschung & Lehre 7/2014, S. 520ff.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Friedericke Hardering für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.