Mitarbeiter arbeiten am PC in den Büros im Google Finanzcenter in Schanghai.

23.6.2017 | Von:
Friedericke Hardering

Die Suche nach dem Sinn: Zur Zukunft der Arbeit - Essay

Neue Werte in der Arbeit?

Bereits in den 1970er Jahren im Zuge der Wertewandeldiskussion wurde über das Auftreten neuer Arbeitswerte verhandelt. Diskutiert wurde, ob die Sicherheit und Stabilität des fordistischen Arrangements dafür sorgen, dass neue Werte wie Selbstverwirklichung an Bedeutung gewinnen und die Beschäftigten sich mehr denn je für die Inhalte der Arbeit statt für den Lohn interessieren. Solche Debatten über die Relevanz unterschiedlicher Werteorientierungen in der Arbeit haben immer wieder gezeigt, dass sich das Interesse für die Inhalte der Arbeit und für die materielle Sicherheit nicht gegeneinander ausspielen lassen: Beide Aspekte sind für die Beschäftigten wichtig und sind Bestandteil der Erwartungen an gute Arbeit. Individuell finden sich jedoch je nach Lebenslage und -situation ganz unterschiedliche Gewichtungen der Erwartungen an Arbeit.

Wie aktuelle Befragungen zur Wichtigkeit verschiedener Aspekte der Arbeit zeigen, fühlen sich viele Beschäftigte aktuell stark verunsichert, weshalb auch die Sicherheit der Arbeit und die Stabilität des Arbeitsverhältnisses für sie besonders wichtig sind. Auch die Zusammenarbeit mit netten Kollegen, gute Führung, guter Lohn und der Einsatz eigener Fähigkeiten sind aus Sicht der Beschäftigten wichtige Aspekte guter Arbeit.[8]

Jenseits solcher allgemeinen Befunde gibt es ganz heterogene Anspruchsmuster an Arbeit, die sich durch je unterschiedliche Priorisierungen auszeichnen. Eine Untersuchung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, in der Erwerbspersonen in Deutschland interviewt wurden, unterscheidet sieben "Wertewelten", die für je andere Sichtweisen ihrer Angehöriger auf Arbeit stehen[9]: Die Wertewelt mit der größten Zustimmung stellt die Sicherheit und Sorgenfreiheit in der Arbeitswelt ins Zentrum (28 Prozent der Befragten). Daneben findet sich eine Vielzahl anderer Wertewelten: So beziehen sich zwei Wertewelten auf Leistung (11 Prozent) und auf Leistungsgerechtigkeit (15 Prozent). Eine andere Wertewelt stellt den Wunsch nach einer guten Balance von Arbeit und Leben ins Zentrum (14 Prozent) und wieder eine andere stellt den Wunsch nach einer starken Solidargemeinschaft heraus (9 Prozent). Zwar zeigt sich bei den Wertewelten ein Überhang tradierter Vorstellungen der Arbeitswelt, die Sicherheit und Leistungsgerechtigkeit hoch bewerten, nichtsdestoweniger finden sich auch andere Wertewelten: Die Wertewelt der Selbstverwirklichung konzentriert sich auf zukünftige Potenziale der Arbeit für eine autonomere und bessere Arbeitsgestaltung (10 Prozent) und die Wertewelt "Sinn außerhalb seiner Arbeit suchen" steht schließlich für ein breiteres Verständnis von Arbeit (13 Prozent). Danach ist Erwerbsarbeit nicht die einzig sinnvolle Form der Arbeit; wichtiger ist der gesellschaftliche Beitrag des Tuns sowie wie die Orientierung an Altruismus und sozialer Gerechtigkeit. Hier findet sich eine andere Sicht auf Arbeit, die sich nur in einigen Bereichen der Arbeitswelt jenseits des Mainstreams finden lässt.

Die prozentuale Verteilung verdeutlicht, dass solche alternativen Arbeitskonzepte entgegen ihrer medialen Präsenz bisher nur vereinzelt auftreten. Trotzdem bieten sie enormes Potenzial für die zukünftige Gestaltung der Arbeitswelt. Doch welche Möglichkeiten der Gestaltung bieten sich an, und welche konkreten Modelle für den Umbau der Arbeitswelt werden aktuell diskutiert? Die Debatte um New Work bietet Antworten.

New Work gestalten

Wofür genau New Work steht, ist alles andere als eindeutig: Einerseits werden damit organisationale und technische Veränderungen der Arbeit beschrieben, beispielsweise die flexibleren Möglichkeiten der Arbeitszeitgestaltung durch digitale Arbeit. Andererseits steht New Work für ein neues, erweitertes Arbeitsverständnis, welches die Zentralität der Erwerbsarbeit im Leben aufzubrechen sucht und darauf zielt, auch anderen Formen der Arbeit wie Subsistenz- oder Care-Arbeit Raum zu geben. New Work steht somit für ein neues Denken über Arbeit und für das Ausprobieren neuer Arbeitskonzepte. Mit New Work wird der vorherrschende Arbeitsbegriff grundlegend infrage gestellt. Der Begriff geht auf den Sozialphilosophen Frithjof Bergmann zurück, der in den 1980er Jahren vor dem Eindruck des Niedergangs der amerikanischen Automobilindustrie die Idee einer neuen Arbeit entwickelte. Wesentlich ging es ihm darum, die Abhängigkeit von der Lohnarbeit zu reduzieren und andere Arbeitsformen wie Selbstversorgung und selbstbestimmte Arbeit zu revitalisieren.

Die "neue Arbeit" besteht nach Bergmann aus drei Elementen: einem Drittel Erwerbsarbeit, einem Drittel Selbstversorgung und einem Drittel Arbeit, die man "wirklich, wirklich will".[10] Mit einem solchen Modell sollten die Defizite der Erwerbsarbeit abgefedert werden, die sich durch monotone Tätigkeiten, aber auch durch Unterbrechungen wie Phasen der Arbeitslosigkeit ergeben, und die zentrale Stellung von Erwerbsarbeit für Gesellschaft und Individuum aufgebrochen werden. In der aktuellen New-Work-Diskussion spielt Bergmanns Modell nur noch als historische Referenz eine Rolle. Die bei Bergmann angelegte Kritik der Zentralstellung von Erwerbsarbeit als einzige Form der Arbeit ist aber nach wie vor aktuell.

Auch Unternehmen haben bereits das Potenzial der New-Work-Formel erkannt und diskutieren unter diesem Konzept vor allem neue Formen der Arbeitsorganisation und flexible Arbeitszeitmodelle, die sich an den unterschiedlichen Bedarfen der Beschäftigten nach Sabbaticals, Elternzeit oder Altersteilzeit orientieren. Für die Unternehmen eröffnet sich dadurch die Chance, Mitarbeitende langfristig zu binden. Die Etablierung eines neuen Arbeitsverständnisses und eine Aufwertung anderer Arbeitsformen findet durch solche organisationalen New-Work-Konzepte jedoch nicht oder nur rudimentär statt. Für eine grundlegende Debatte über Sinn und Zukunft der Arbeit ist es deshalb wichtig, den Begriff New Work nicht vorschnell auszuhöhlen oder auf organisationale Arbeitszeitmodelle zu reduzieren. Auf Basis der neuen und alten New-Work-Diskussion lassen sich abschließend drei Anregungen nennen, die für die Gestaltung einer Arbeitswelt im Umbruch Orientierung bieten können:

Fußnoten

8.
Vgl. Freiburger Forschungsstelle Arbeits- und Sozialmedizin (ffas)/Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH (infas)/Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik (FFP), Gewünschte und erlebte Arbeitsqualität, Abschlussbericht, Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Berlin 2014.
9.
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales/Nextpractice, Wertewelten. Arbeiten 4.0, Berlin 2016.
10.
Frithjof Bergmann, Neue Arbeit, neue Kultur, Freiamt im Schwarzwald 20085.
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