Mitarbeiter arbeiten am PC in den Büros im Google Finanzcenter in Schanghai.

23.6.2017 | Von:
Friedericke Hardering

Die Suche nach dem Sinn: Zur Zukunft der Arbeit - Essay

Debatten versachlichen, Ambivalenzen nicht ausblenden
Gerade die Digitalisierung hat eine stark polarisierte Debatte über Chancen und Gefahren für die Arbeit angestoßen. Um den Wandel entlang von Vorstellungen einer wünschenswerten Arbeit zu gestalten, bedarf es weder Schreckensszenarien, nach denen massenhaft Arbeitskräfte freigesetzt werden, noch ist ein überbordender Optimismus mit Blick auf die neuen Freiheitsgrade in der Gestaltung von Arbeit zielführend.

Den Chancen, die sich aus der Digitalisierung sowie aus flexibleren und selbstbestimmteren Arbeitsformen ergeben, stehen auch vielfältige neue Risiken gegenüber. Dies zeigt sich beispielsweise im Bereich des Crowdworking, wo sich einerseits flexible Möglichkeiten der Arbeitsgestaltung finden, andererseits soziale Absicherungsmechanismen aber weitestgehend fehlen. Ohne eine nachhaltige Gestaltung der neuen Arbeit besteht die Gefahr, dass sich die neuen Freiheiten in Potenziale der Selbstausbeutung verkehren. Hohe Gestaltungschancen in der Arbeit sind für die einen ideal und wünschenswert, für andere hingegen bedeuten sie Stress. Deshalb sind auch Schutzmechanismen vor einer weitreichenden Entgrenzung wichtig. Die Gefahren flexibler Arbeit dürfen nicht individualisiert werden, sondern müssen in Unternehmen und politisch abgefangen werden. Eine konstruktive Gestaltung der Arbeitswelt wird dann möglich, wenn Trends und Best Practices, aber auch problematische Nebenfolgen von Entwicklungen frühzeitig und fundiert erforscht und nachjustiert sowie in einem objektiven Umfeld debattiert werden können.

Gute Arbeit fördern
Nebst allen Verheißungen der Arbeit 4.0 und ihrer Potenziale verweist die Spaltung der Arbeitsgesellschaft auf die Notwendigkeit der Gewährung von guter Arbeit, also von Erwerbsarbeit, die sich an der Würde von Beschäftigten orientiert und Existenzsicherung bietet.

Gute Arbeit steht als Leitbild sowohl für faire Löhne als auch für sichere Beschäftigungsverhältnisse und für die Eindämmung von belastender und einseitiger Arbeit. Aus der Arbeitsforschung sind zudem die Faktoren einer gesundheitsförderlichen, guten Gestaltung von Arbeitsplätzen bekannt: Dazu zählen ein Mindestmaß an Aufgabenkomplexität, Autonomie, Entwicklungsmöglichkeiten, soziale Einbettung und Anerkennung. Nicht minder wichtig ist, die eigene Arbeit im produktiven Zusammenhang zu sehen und nicht ausschließlich mit fragmentierten Aufgabenanteilen betraut zu sein. All diese Faktoren tragen zu einer Humanisierung der Arbeit bei, die trotz jahrzehntelanger Forderungen noch nicht hinreichend realisiert ist.

Alternative Arbeitsformen aufwerten
Die Debatte um New Work zeigt, dass Arbeit auch jenseits der fordistischen Nine-to-five-Normalarbeit zu denken und ein erweitertes Verständnis von Arbeit unabdingbar ist. Selbst in der Hochphase des Fordismus der 1950er und 1970er Jahre hatte die informelle Ökonomie die Funktion, die Normalarbeit zu stützen und ihre Defizite auszugleichen. Informelle Arbeiten wie Nachbarschaftshilfe, familiäre Sorge und Pflegearbeiten oder Selbsthilfe waren und sind für die Funktionsfähigkeit der Normalarbeit unabdingbar. Doch mangelt es nach wie vor an der Akzeptanz und Wertschätzung für solche Tätigkeiten. Dementsprechend sind aktuell Antworten darauf zu finden, wie wir gesellschaftlich als wichtig und nützlich erachtete Arbeiten wie Care-Arbeit aufwerten und anderen Formen der Freiwilligenarbeit mehr Wertschätzung zukommen lassen können. Eine Möglichkeit der Aufwertung könnte bereits dadurch gelingen, dass über bessere zeitliche Verzahnungsmöglichkeiten unterschiedlicher Arbeitsformen nachgedacht wird. Aktuell finden sich bereits Konzepte wie die Elternzeit oder die Arbeitsfreistellung für die Pflege Angehöriger, die darauf zielen.

Damit Arbeit nicht, wie Bergmann meinte, einer "milden Krankheit" gleichkommt, sind darüber hinaus auch die Gegengewichte zur Arbeit im Diskurs über zukünftiges Arbeiten mitzudenken. Detachment – im Sinne einer mentalen Distanzierung von der Arbeit –, Muße und Antiwork als Kritik an der Erwerbsarbeitsfixierung sind hier die Stichworte, die in der beschleunigten Arbeitswelt an Relevanz gewinnen werden, um die Balance zwischen Arbeit und Nichtarbeit wieder ins Lot zu bringen. Für die Politik stellt sich hier die Aufgabe, eine bessere soziale Absicherung auch jenseits der Normalarbeit zu gewährleisten.

Sicherlich können die genannten Punkte, die zusammen zu denken sind, nur als erste Schritte in Richtung einer Transformation der Arbeitswelt gewertet werden, die an die Bedürfnissen der Menschen anschließt und neue Sinnperspektiven der Arbeit eröffnet. Werte können die Handlungspraxis anleiten, aber auch die Praxis kann Werte verändern. Zwar ist auch die Diskussion über den Wandel Teil des Veränderungsprozesses, nichtsdestoweniger ist die Zeit reif für neue Modelle und Prototypen und damit für ein engagiertes Arbeiten an einer Zukunft der Arbeit, die gute Arbeit in ihren verschiedenen Erscheinungsformen Wirklichkeit werden lässt.

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