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26.5.2002 | Von:
Petra Bröscher
Gerhard Naegele
Christiane Rohleder

Freie Zeit im Alter als gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe?

Seit Jahrzehnten vollzieht sich ein Strukturwandel des Alters. Nun geraten die Zeit- und Kompetenzressourcen älterer Menschen zunehmend in den Fokus der wissenschaftlichen Betrachtung.

Strukturwandel des Alters

Die nachberufliche und nachfamiliäre Lebensphase in der bundesdeutschen Gesellschaft verändert sich auf eine bislang unbekannte Weise. Während "Alte" bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine soziale Minorität darstellten und als Gruppe gesellschaftlich weitgehend unbedeutend blieben [1] , konstituierte sich durch die strukturellen Veränderungen der Organisation von Arbeit, insbesondere der Lohnarbeit, sowie die Einführung sozialer Sicherungssysteme und der Zunahme des Lebensalters erst in den letzten 50 bis 60 Jahren die immer größer werdende soziale Gruppe der Älteren [2] . Unter sozialstruktureller Perspektive ist "Alter" dabei auf Grund der "Institutionalisierung des Lebenslaufs" [3] und der damit verbundenen Chronologisierung und Dreiteilung des Lebenslaufs vor allem durch das sozial geregelte Ausscheiden aus Erwerbszusammenhängen charakterisiert, unabhängig von Merkmalen der Erwerbsfähigkeit.


In den letzten Jahrzehnten ist in nahezu allen Industrieländern ein einschneidender "Strukturwandel des Alters" zu verzeichnen, der durch "Verjüngung", "Entberuflichung", "Feminisierung", "Singularisierung" und "Hochaltrigkeit" gekennzeichnet ist [4] . Besonderen Einfluss auf die zeitliche Ausweitung der Altersphase üben nach wie vor die Veränderungen in der Arbeitswelt aus. So ist seit den siebziger Jahren die Erwerbsquote der älteren männlichen Arbeitnehmer konstant rückläufig [5] . Auffällig ist dabei der drastische Rückgang der Erwerbsbeteiligung bei Männern im Alter von 60 bis 65 Jahren [6] , aber auch in der Gruppe der 55- bis 60-Jährigen sanken in den alten Bundesländern die Erwerbsquoten von 89,1 Prozent im Jahr 1970 auf 78 Prozent 1996 [7] . Ebenfalls rückläufig ist die Erwerbsbeteiligung von Männern über 65 Jahre. Nur wenige planen über ihr Renteneintrittsalter hinaus eine Erwerbstätigkeit. Nach neueren Studien liegt die Erwerbstätigkeit bei den unter 70-Jährigen bei unter 7,1 Prozent, bei den 70- bis 85-Jährigen bei 2,9 Prozent [8] .


Die Erwerbsquote älterer Frauen entwickelt sich als Folge der vermehrten Teilnahme am Erwerbsleben im mittleren Lebensalter gegenläufig. Sie stieg in den alten Bundesländern von 37,2 Prozent 1970 auf 48,8 Prozent 1996. Der Übergang in den Ruhestand konzentriert sich eindeutiger auf das 60. Lebensjahr, während er bei den Männern in der Altersspanne von 57 bis 65 Jahren erfolgt [9] .


Zwar kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht von einem Gültigkeitsverlust der männlichen Normalbiographie gesprochen werden, aber durch die faktische Verkürzung der Lebensarbeitszeit erhält die Erwerbsarbeit im Lebenslauf ein anderes Gewicht. Die einst "normale" Altersgrenze ist zum äußersten Arbeitslimit geworden, aber auch die Gefahr frühzeitigen unfreiwilligen Ausscheidens aus dem Erwerbsleben steigt - so bilden ältere Arbeitnehmer ab 45 Jahren in der Gruppe der Langzeitarbeitslosen mittlerweile eine Zweidrittel-Mehrheit [10] .

Die "Freisetzung des Alters in der Arbeitswelt" ist dabei vor allem Folge betrieblicher Personalstrategien, die weniger Leistungsproblemen Älterer geschuldet sind, sondern vielmehr Resultat zumeist völlig altersneutraler betriebswirtschaftlicher Anlässe [11] . Als bedeutsam erweist sich dabei der Trend zur Frühverrentung, der durch die unterschiedlichsten Ablösungsstrategien älterer Arbeitnehmer ihre faktisch eintretende Arbeitslosigkeit kaschieren hilft. Zwar begrüßen viele Betroffene Regelungen, die ihnen einen frühzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben ermöglichen [12] , aber sowohl individuell als auch gesellschaftlich wirkt sich der Frühverrentungstrend ambivalent aus. Beispielsweise begleiten differente materielle Absicherungen die unterschiedlichen Frühverrentungsformen und tragen damit auch zur sozialen Ungleichheit im Alter bei [13] .

Unter sozialstruktureller Perspektive hat die Verkürzung der Lebensarbeitszeit eine gravierende Konsequenz - immer mehr Menschen scheiden zu einem immer früheren Zeitpunkt aus dem Erwerbsleben aus, ohne sich "alt" zu fühlen. Viele Ältere sind nicht mehr erwerbstätig, aber durchaus noch erwerbsfähig, und mit zunehmend besseren gesundheitlichen, materiellen und Bildungsressourcen ausgestattet. Auch auf Grund der gestiegenen Lebenserwartung kann die nachberufliche Lebensphase bis zu 25 Jahre und länger dauern. Die Selbstzuschreibung "Alt" erfolgt zumeist erst ab dem 70. bis 75. Lebensjahr und damit weit nach dem Eintritt in den Ruhestand [14] .

Dieses Auseinanderklaffen von "sozialem" und "biologischem" Alter hat eine zunehmende Differenzierung des Alters zur Folge. So wird bereits vom "dritten" und "vierten" Lebensalter gesprochen bzw. von "Jungsenioren, Senioren und Hochaltrigen" [15] . Während Letztere dabei vor allem unter der Perspektive wachsender Hilfs- und Pflegebedürftigkeit öffentliche Aufmerksamkeit finden, richtet sich das öffentliche Interesse an den "jungen", "fitten" "Alten" zunehmend auf ihre Kompetenzen und Ressourcen.

In der gerontologischen Diskussion ist dabei ein Perspektivwechsel zu verzeichnen. Lange Zeit stand die Frage der individuellen Bewältigung des Übergangs in den Ruhestand und des damit in arbeitszentrierten Gesellschaften verbundenen Verlustes an sozialer Integration, Anerkennung und Partizipationsmöglichkeiten im Vordergrund. Insbesondere im männlichen Lebenslauf galt die Erwerbsaufgabe als kritisches Lebensereignis, zu dessen Bewältigung gesellschaftliche Unterstützung vonnöten sei. Kritisch hinterfragt wurde in diesem Zusammenhang die empirisch nie eindeutig belegte Theorie des notwendigen "Disengagements" Älterer, d. h. der Annahme, dass der Rückzug Älterer aus sozialen Rollen der Erwerbs- und Familienarbeit eine individuell wie gesellschaftlich funktional notwendige Vorbereitung auf den Tod sei [16] . Statt dessen wurde aus der Perspektive der "Aktivitätstheorie" betont, dass "erfolgreiches Alter(n)" im Sinne (weitgehend) selbständigen, gesunden und befriedigenden Alter(n)s durch körperliche, aber auch soziale Betätigung positiv beeinflusst werde und dementsprechend die Rolleneinbußen im Ruhestand durch neue Aktivitäten kompensiert werden sollten.

Angesichts der kürzer werdenden Lebensarbeitszeiten, der kontinuierlich steigenden Zahl Älterer und der damit verbundenen zunehmenden Belastung der sozialen Sicherungssysteme wird in den letzten Jahren jedoch verstärkt die Frage aufgeworfen, ob es sich eine Gesellschaft überhaupt noch leisten kann, die vorhandenen Zeit- und Kompetenzressourcen Älterer ungenutzt zu lassen [17] . Damit entwickelt nicht nur "Aktivität", sondern zunehmend auch "Produktivität" einen normativen Charakter für die Gestaltung des Alters bis hin zu Überlegungen, die vor allem auf die - dann allerdings unentgeltliche - Wiederverpflichtung Älterer abzielen [18] . Vor allem im Hinblick auf den steigenden Hilfe- und Pflegebedarf bei Hochaltrigkeit erscheinen Modelle in der Form "Ältere helfen Älteren" wünschenswert und förderungswürdig; in der derzeit boomenden Ehrenamtsdiskussion werden Ältere als eine der vorrangigen Zielgruppen identifiziert. In Vergessenheit geraten im Zuge dieser Debatten die (bereits langjährig ausgeübten) familiären Pflegeleistungen Älterer gegenüber ihren hochaltrigen Eltern. Sie scheinen im breiten Spektrum der inter- und intragenerationellen Hilfeleistungen Älterer ein nach wie vor stabiler Faktor zu sein. Obgleich auch die "Alltagsaushilfen" zwischen den Generationen im Zuge der Individualisierung einem Wandel unterliegen, praktizieren gerade die älteren Generationen familiäre Solidarität zugunsten der erwachsenen Kinder und deren Familien durch nennenswerte finanzielle Unterstützungsleistungen wie auch durch die faktische Ausübung von "Großeltern-Diensten" zugunsten der Enkelkinder und ihrer Eltern [19] .

So erstaunt angesichts der geleisteten Beiträge Älterer zur Generationensolidarität, dass bei den hier vorgestellten Forderungen in ihrer Argumentationsweise vielfach die Anerkennung von bereits ausgeübten sozialen Aktivitäten sowie der Tatbestand unterschiedlicher Lebenslagevoraussetzungen für aktives wie produktives Alter(n) nicht ausreichend berücksichtigt werden. Wie die folgenden Ausführungen zeigen, ist Zeit auch im Alter eine Ressource, die nicht nur entpflichtete - freie - Zeitanteile enthält.

Fußnoten

1.
Vgl. Gertrud M. Backes, Alter(n) als "Gesellschaftliches Problem"?, Zur Vergesellschaftung des Alter(n)s im Kontext der Modernisierung, Opladen 1997.
2.
Vgl. Gertrud M. Backes/Wolfgang Clemens, Lebenslagen im Alter - Erscheinungsformen und Entwicklungstendenzen, in: dies. (Hrsg.), Lebenslagen im Alter. Gesellschaftliche Bedingungen und Grenzen, Opladen 2000.
3.
Martin Kohli, Die Institutionalisierung des Lebenslaufs: historische Befunde und theoretische Argumente, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, (1985) 1, S. 1-29.
4.
Vgl. Hans Peter Tews, Neue und alte Aspekte des Strukturwandels des Alters, in: Gerhard Naegele/Hans Peter Tews (Hrsg.), Lebenslagen im Strukturwandel des Alters, Opladen 1993.
5.
Vgl. Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (Hrsg.), Landessozialbericht. Arbeitnehmer und Arbeitnehmerhaushalte mit Niedrigeinkommen, Bergheim 1998.
6.
Vgl. Martin Kohli, Altern in soziologischer Perspektive, in: Paul Baltes/Jürgen Mittelstraß (Hrsg.), Zukunft des Alterns und gesellschaftliche Entwicklung, Berlin-New York 1992.
7.
Vgl. Gerhard Naegele, Arbeit und Alter - Neueres zur Entberuflichung des Alters und zur Notwendigkeit einer Trendwende, in: Peter Zeman (Hrsg.), Selbsthilfe und Engagement im nachberuflichen Leben. Weichenstellungen, Strukturen, Bildungskonzepte, Regensburg 2000, S. 30.
8.
Vgl. Harald Künemund, "Produktive" Tätigkeiten in der zweiten Lebenshälfte, in: Martin Kohli/Harald Künemund (Hrsg.), Die zweite Lebenshälfte - Gesellschaftliche Lage und Partizipation, Ergebnisse des Alters-Survey, Band 1, Berlin 1998, S. 326.
9.
Vgl. Martin Kohli, Altersgrenzen als gesellschaftliches Regulativ individueller Lebensgestaltung: ein Anachronismus?, in: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 33 (2000), Suppl. I/15-I/23.
10.
Vgl. Gerhard Naegele, Lebenslagen älterer Menschen, in: Andreas Kruse (Hrsg.), Psychosoziale Gerontologie, Göttingen u. a. 1998, S. 17.
11.
Vgl. G. Naegele (Anm. 7), S. 31.
12.
Vgl. M. Kohli (Anm. 6), S. 244.
13.
Vgl. Hans Peter Tews, Neue und alte Aspekte des Strukturwandels des Alters, in: WSI Mitteilungen, (1990) 8, S. 478-491; ders., Produktivität des Alters, in: Margret Baltes/Leo Montada, Produktives Leben im Alter, Frankfurt-New York 1996; Margret Dieck/Gerhard Naegele, "Neue Alte" und alte soziale Ungleichheiten - vernachlässigte Dimensionen in der Diskussion des Altersstrukturwandels, in: G. Naegele/H. P. Tews (Anm. 4).
14.
Vgl. M. Kohli (Anm. 3), S. 20.
15.
Horst W. Opaschowski, Leben zwischen Muss und Muße. Die ältere Generation: Gestern. Heute. Morgen, Hamburg 1998, S. 18.
16.
Vgl. Elaine Cumming/William E. Henry, Growing old, New York 1961.
17.
Vgl. Detlef Knopf/Gerhard Schäuble/Ludger Veelken, Früh beginnen. Perspektiven für ein produktives Altern, in: Annette Niederfranke/Gerhard Naegele/Eckart Frahm (Hrsg.), Funkkolleg Altern, Opladen-Wiesbaden 1999, S. 99.
18.
Vgl. Hans Peter Tews, Alter zwischen Entpflichtung, Belastung und Verpflichtung, in: Günter Verheugen (Hrsg.), 60 plus. Die wachsende Macht der Älteren, Köln 1994.
19.
Vgl. Leopold Rosenmayr, Alt und jung - Gegensatz oder Ergänzung?, in: Gerhard Naegele/Rudolf-M. Schütz (Hrsg.), Soziale Gerontologie und Sozialpolitik für ältere Menschen. Gedenkschrift für Margret Dieck, Opladen 1999, S. 159 f.