Strukturwandel des Alters
Die nachberufliche und nachfamiliäre Lebensphase in der bundesdeutschen Gesellschaft verändert sich auf eine bislang unbekannte Weise. Während "Alte" bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine soziale Minorität darstellten und als Gruppe gesellschaftlich weitgehend unbedeutend blieben Zur Auflösung der Fußnote[1] , konstituierte sich durch die strukturellen Veränderungen der Organisation von Arbeit, insbesondere der Lohnarbeit, sowie die Einführung sozialer Sicherungssysteme und der Zunahme des Lebensalters erst in den letzten 50 bis 60 Jahren die immer größer werdende soziale Gruppe der Älteren Zur Auflösung der Fußnote[2] . Unter sozialstruktureller Perspektive ist "Alter" dabei auf Grund der "Institutionalisierung des Lebenslaufs" Zur Auflösung der Fußnote[3] und der damit verbundenen Chronologisierung und Dreiteilung des Lebenslaufs vor allem durch das sozial geregelte Ausscheiden aus Erwerbszusammenhängen charakterisiert, unabhängig von Merkmalen der Erwerbsfähigkeit.
In den letzten Jahrzehnten ist in nahezu allen Industrieländern ein einschneidender "Strukturwandel des Alters" zu verzeichnen, der durch "Verjüngung", "Entberuflichung", "Feminisierung", "Singularisierung" und "Hochaltrigkeit" gekennzeichnet ist Zur Auflösung der Fußnote[4] . Besonderen Einfluss auf die zeitliche Ausweitung der Altersphase üben nach wie vor die Veränderungen in der Arbeitswelt aus. So ist seit den siebziger Jahren die Erwerbsquote der älteren männlichen Arbeitnehmer konstant rückläufig Zur Auflösung der Fußnote[5] . Auffällig ist dabei der drastische Rückgang der Erwerbsbeteiligung bei Männern im Alter von 60 bis 65 Jahren Zur Auflösung der Fußnote[6] , aber auch in der Gruppe der 55- bis 60-Jährigen sanken in den alten Bundesländern die Erwerbsquoten von 89,1 Prozent im Jahr 1970 auf 78 Prozent 1996 Zur Auflösung der Fußnote[7] . Ebenfalls rückläufig ist die Erwerbsbeteiligung von Männern über 65 Jahre. Nur wenige planen über ihr Renteneintrittsalter hinaus eine Erwerbstätigkeit. Nach neueren Studien liegt die Erwerbstätigkeit bei den unter 70-Jährigen bei unter 7,1 Prozent, bei den 70- bis 85-Jährigen bei 2,9 Prozent Zur Auflösung der Fußnote[8] .
Die Erwerbsquote älterer Frauen entwickelt sich als Folge der vermehrten Teilnahme am Erwerbsleben im mittleren Lebensalter gegenläufig. Sie stieg in den alten Bundesländern von 37,2 Prozent 1970 auf 48,8 Prozent 1996. Der Übergang in den Ruhestand konzentriert sich eindeutiger auf das 60. Lebensjahr, während er bei den Männern in der Altersspanne von 57 bis 65 Jahren erfolgt Zur Auflösung der Fußnote[9] .
Zwar kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht von einem Gültigkeitsverlust der männlichen Normalbiographie gesprochen werden, aber durch die faktische Verkürzung der Lebensarbeitszeit erhält die Erwerbsarbeit im Lebenslauf ein anderes Gewicht. Die einst "normale" Altersgrenze ist zum äußersten Arbeitslimit geworden, aber auch die Gefahr frühzeitigen unfreiwilligen Ausscheidens aus dem Erwerbsleben steigt - so bilden ältere Arbeitnehmer ab 45 Jahren in der Gruppe der Langzeitarbeitslosen mittlerweile eine Zweidrittel-Mehrheit Zur Auflösung der Fußnote[10] .
Die "Freisetzung des Alters in der Arbeitswelt" ist dabei vor allem Folge betrieblicher Personalstrategien, die weniger Leistungsproblemen Älterer geschuldet sind, sondern vielmehr Resultat zumeist völlig altersneutraler betriebswirtschaftlicher Anlässe Zur Auflösung der Fußnote[11] . Als bedeutsam erweist sich dabei der Trend zur Frühverrentung, der durch die unterschiedlichsten Ablösungsstrategien älterer Arbeitnehmer ihre faktisch eintretende Arbeitslosigkeit kaschieren hilft. Zwar begrüßen viele Betroffene Regelungen, die ihnen einen frühzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben ermöglichen Zur Auflösung der Fußnote[12] , aber sowohl individuell als auch gesellschaftlich wirkt sich der Frühverrentungstrend ambivalent aus. Beispielsweise begleiten differente materielle Absicherungen die unterschiedlichen Frühverrentungsformen und tragen damit auch zur sozialen Ungleichheit im Alter bei Zur Auflösung der Fußnote[13] .
Unter sozialstruktureller Perspektive hat die Verkürzung der Lebensarbeitszeit eine gravierende Konsequenz - immer mehr Menschen scheiden zu einem immer früheren Zeitpunkt aus dem Erwerbsleben aus, ohne sich "alt" zu fühlen. Viele Ältere sind nicht mehr erwerbstätig, aber durchaus noch erwerbsfähig, und mit zunehmend besseren gesundheitlichen, materiellen und Bildungsressourcen ausgestattet. Auch auf Grund der gestiegenen Lebenserwartung kann die nachberufliche Lebensphase bis zu 25 Jahre und länger dauern. Die Selbstzuschreibung "Alt" erfolgt zumeist erst ab dem 70. bis 75. Lebensjahr und damit weit nach dem Eintritt in den Ruhestand Zur Auflösung der Fußnote[14] .
Dieses Auseinanderklaffen von "sozialem" und "biologischem" Alter hat eine zunehmende Differenzierung des Alters zur Folge. So wird bereits vom "dritten" und "vierten" Lebensalter gesprochen bzw. von "Jungsenioren, Senioren und Hochaltrigen" Zur Auflösung der Fußnote[15] . Während Letztere dabei vor allem unter der Perspektive wachsender Hilfs- und Pflegebedürftigkeit öffentliche Aufmerksamkeit finden, richtet sich das öffentliche Interesse an den "jungen", "fitten" "Alten" zunehmend auf ihre Kompetenzen und Ressourcen.
In der gerontologischen Diskussion ist dabei ein Perspektivwechsel zu verzeichnen. Lange Zeit stand die Frage der individuellen Bewältigung des Übergangs in den Ruhestand und des damit in arbeitszentrierten Gesellschaften verbundenen Verlustes an sozialer Integration, Anerkennung und Partizipationsmöglichkeiten im Vordergrund. Insbesondere im männlichen Lebenslauf galt die Erwerbsaufgabe als kritisches Lebensereignis, zu dessen Bewältigung gesellschaftliche Unterstützung vonnöten sei. Kritisch hinterfragt wurde in diesem Zusammenhang die empirisch nie eindeutig belegte Theorie des notwendigen "Disengagements" Älterer, d. h. der Annahme, dass der Rückzug Älterer aus sozialen Rollen der Erwerbs- und Familienarbeit eine individuell wie gesellschaftlich funktional notwendige Vorbereitung auf den Tod sei Zur Auflösung der Fußnote[16] . Statt dessen wurde aus der Perspektive der "Aktivitätstheorie" betont, dass "erfolgreiches Alter(n)" im Sinne (weitgehend) selbständigen, gesunden und befriedigenden Alter(n)s durch körperliche, aber auch soziale Betätigung positiv beeinflusst werde und dementsprechend die Rolleneinbußen im Ruhestand durch neue Aktivitäten kompensiert werden sollten.
Angesichts der kürzer werdenden Lebensarbeitszeiten, der kontinuierlich steigenden Zahl Älterer und der damit verbundenen zunehmenden Belastung der sozialen Sicherungssysteme wird in den letzten Jahren jedoch verstärkt die Frage aufgeworfen, ob es sich eine Gesellschaft überhaupt noch leisten kann, die vorhandenen Zeit- und Kompetenzressourcen Älterer ungenutzt zu lassen Zur Auflösung der Fußnote[17] . Damit entwickelt nicht nur "Aktivität", sondern zunehmend auch "Produktivität" einen normativen Charakter für die Gestaltung des Alters bis hin zu Überlegungen, die vor allem auf die - dann allerdings unentgeltliche - Wiederverpflichtung Älterer abzielen Zur Auflösung der Fußnote[18] . Vor allem im Hinblick auf den steigenden Hilfe- und Pflegebedarf bei Hochaltrigkeit erscheinen Modelle in der Form "Ältere helfen Älteren" wünschenswert und förderungswürdig; in der derzeit boomenden Ehrenamtsdiskussion werden Ältere als eine der vorrangigen Zielgruppen identifiziert. In Vergessenheit geraten im Zuge dieser Debatten die (bereits langjährig ausgeübten) familiären Pflegeleistungen Älterer gegenüber ihren hochaltrigen Eltern. Sie scheinen im breiten Spektrum der inter- und intragenerationellen Hilfeleistungen Älterer ein nach wie vor stabiler Faktor zu sein. Obgleich auch die "Alltagsaushilfen" zwischen den Generationen im Zuge der Individualisierung einem Wandel unterliegen, praktizieren gerade die älteren Generationen familiäre Solidarität zugunsten der erwachsenen Kinder und deren Familien durch nennenswerte finanzielle Unterstützungsleistungen wie auch durch die faktische Ausübung von "Großeltern-Diensten" zugunsten der Enkelkinder und ihrer Eltern Zur Auflösung der Fußnote[19] .
So erstaunt angesichts der geleisteten Beiträge Älterer zur Generationensolidarität, dass bei den hier vorgestellten Forderungen in ihrer Argumentationsweise vielfach die Anerkennung von bereits ausgeübten sozialen Aktivitäten sowie der Tatbestand unterschiedlicher Lebenslagevoraussetzungen für aktives wie produktives Alter(n) nicht ausreichend berücksichtigt werden. Wie die folgenden Ausführungen zeigen, ist Zeit auch im Alter eine Ressource, die nicht nur entpflichtete - freie - Zeitanteile enthält.
Zeitverwendung im Alter
Wie viel freie Zeit haben Ältere und wie verbringen sie diese? Die Sonderauswertung der Zeitbudgeterhebung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 1991/92 zur Zeitverwendung Älterer kommt zu dem Ergebnis, dass ältere Menschen zwischen 60 und 64 Jahren durchschnittlich 19 Stunden des Tages zu Hause verbringen, über 70-Jährige 20,5 Stunden. Dies ist gegenüber der Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen ein Mehr von knapp vier Stunden. Ältere Männer sind dabei etwas weniger häuslich als ältere Frauen Zur Auflösung der Fußnote[20] .
Im Hinblick auf die generelle Zeitverteilung ist festzuhalten, dass mit zunehmendem Alter erwartungsgemäß mehr Zeit für Freizeitaktivitäten Zur Auflösung der Fußnote[21] und Regeneration verwendet wird. So steigen die Zeitanteile für Freizeitaktivitäten bei den über 60-Jährigen Männern auf 6 bis 7 Stunden und bei den Frauen auf knapp 6 Stunden an. Parallel hierzu findet sich aber auch ein nicht unerheblicher zeitlicher Aufwand für "unbezahlte Arbeit" im Sinne von hauswirtschaftlichen und handwerklichen Tätigkeiten, ehrenamtlichem Engagement und Kinderbetreuung Zur Auflösung der Fußnote[22] . Bei Männern über 60 erfolgt eine Ausweitung "unbezahlter Arbeit" gegenüber den mittleren Altersklassen um 1 Stunden auf 4 Stunden täglich. Bei den Frauen liegt auf Grund der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung das Budget für unbezahlte (Haus-) Arbeit mit 5 bis 6 Stunden täglich in allen Altersgruppen höher und weist nur geringe altersspezifische Steigerungsraten auf. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Tätigkeitsspektrum unbezahlter Arbeit zeigen sich bis ins hohe Alter - während verheiratete ältere Männer sich mehr mit Pflanzen- und Tierpflege sowie handwerklichen Tätigkeiten beschäftigen, entfallen bei älteren Frauen fast vier Stunden täglich allein auf hauswirtschaftliche Arbeiten Zur Auflösung der Fußnote[23] .
Für das höhere Lebensalter, die über 70-Jährigen, kommt die Berliner Altersstudie zu dem Ergebnis, dass von täglich durchschnittlich 16,2 Stunden freier Zeit fast 38 Prozent auf Freizeitaktivitäten, 7 Prozent auf soziale Aktivitäten im Sinne von Gesprächen und Besuchen und 15 Prozent auf Ruhen entfallen. Mit steigendem Lebensalter werden dabei die täglichen Ruhezeiten ausgeprägter, während die aktive Freizeit zurückgeht. Die meisten Aktivitäten werden alleine (64 Prozent) und zu Hause (80 Prozent) ausgeübt Zur Auflösung der Fußnote[24] .
Freizeitaktivitäten
Bezüglich der Handlungsmuster, die die Freizeit älterer Menschen bestimmen, kommt die Freizeitforschung seit den achtziger Jahren immer wieder zu folgenden Ergebnissen Zur Auflösung der Fußnote[25] :
1. Der höhere Anteil an Freizeit im Leben älterer Menschen wird zumeist zu Hause verbracht, wobei in der Regel alte Gewohnheiten ausgedehnt und intensiviert werden.
2. Das Freizeitverhalten im Alter wird weniger durch das chronologische Alter oder den Gesundheitszustand, sondern in erster Linie durch die Tätigkeiten und Interessen bestimmt, die bereits vor dem Ruhestand entwickelt worden sind, dies gilt auch für hilfs- und pflegebedürftige Personen; vor der Pensionierung gepflegte Pläne für Neues werden demgegenüber selten realisiert.
3. Geschlecht, Familienstand, sozioökonomischer Status, früherer Beruf sowie der Gesundheitszustand und das psychische Wohlbefinden haben allerdings ebenfalls einen Einfluss auf das Freizeitverhalten im Alter.
Das individuelle Freizeitverhalten weist somit über die Jahre eine hohe biographische Kontinuität auf, aber auch das Tätigkeitsspektrum der Gruppe der so genannten "jungen Alten" scheint sich in den letzten Jahren kaum verändert zu haben. Eine Befragung des BAT-Freizeit-Institutes (BAT= British American Tobacco) kommt zu dem Ergebnis, dass die Alltagsaktivitäten mehrheitlich männlicher Ruheständler im Alter zwischen 58 und 68 Jahren in den neunziger Jahren denen der achtziger Jahre sehr ähnlich und immer noch eher traditionell sind Zur Auflösung der Fußnote[26] . Medienkonsum steht auch in den neunziger Jahren an der Spitze der Freizeittätigkeiten. Dabei hat das Fernsehen weiter an Bedeutung gewonnen - die Zahl der Ruheständler, die täglich oder häufig fernsehen, ist gemäß der BAT-Freizeitstudie um 5 Prozent auf 83 Prozent gestiegen; 29 Prozent der Befragten, mehr als doppelt so viel wie 1983, sehen dabei bereits nachmittags fern. Mediennutzungsanalysen zufolge findet sich 1997 bei den 60- bis 69-Jährigen mit über 6 Stunden pro Tag das höchste Zeitbudget für audiovisuelle Medien wie Fernsehen und Radio; die Nutzungsdauer hat sich seit 1988 um fast eine Stunde erhöht Zur Auflösung der Fußnote[27] .
Neben dem Medienkonsum sind "ausgiebige Frühstücke", "Spazierengehen" und "sich der Familie widmen" Tätigkeiten, die zwei Drittel und mehr der Ruheständler sowohl in den achtziger wie den neunziger Jahren täglich oder häufig in ihrer Freizeit betreiben Zur Auflösung der Fußnote[28] . Ältere pflegen damit vor allem Freizeitbeschäftigungen, die sich auch im Bevölkerungsdurchschnitt einer hohen Beliebtheit erfreuen. Sie werden gemäß der Dehnungs- und Intensivierungsthese im Alter nur intensiver praktiziert. Aber: Generell ebenfall beliebte Freizeittätigkeiten wie z. B. Sport und geselliges Beisammensein finden sich bei den über 60-Jährigen entgegen der Bedeutung, die ihnen für ein zufriedenes und gesundes Alter zugemessen werden, eher unterdurchschnittlich häufig Zur Auflösung der Fußnote[29] .
Auch die regelmäßige Inanspruchnahme von Bildungsangeboten ist noch gering - trotz der öffentlichen Aufmerksamkeit, die der Altenbildung zugemessen wird. Den Ergebnissen des Alterssurveys folgend, hatten in einem Zeitraum von zwölf Monaten von den 60- bis 85-Jährigen zwar 14 Prozent wenigstens einen Kurs oder Vortrag besucht, davon jedoch 8 Prozent seltener als einmal im Monat Zur Auflösung der Fußnote[30] .
Die Ergebnisse der BAT-Freizeitstudie deuten allerdings erste Veränderungen des Freizeitverhaltens im Alter an, insbesondere auch eine Zunahme von ehrenamtlichem Engagement und geselligen Aktivitäten mit Freunden und Bekannten. Wesentlich auffälliger sind jedoch die Haltungsänderungen auf Seiten der Seniorinnen und Senioren. So scheint die "Geschäftigkeitsethik" Zur Auflösung der Fußnote[31] der achtziger Jahre an Stellenwert zu verlieren, während Einstellungen wie: "das zu tun, wozu man gerade Lust hat" (1983: 46 Prozent; 1997: 57 Prozent) und selbstbewusster einfach "nur zu faulenzen und nichts zu tun" (1988: 25 Prozent; 1997: 40 Prozent) Zur Auflösung der Fußnote[32] an Bedeutung gewinnen. Insgesamt vermittelt die Studie den Eindruck, dass sich das Freizeitverhalten zwar nur geringfügig verändert hat; im Gegensatz zu den achtziger Jahren scheinen heutige Seniorinnen und Senioren aber wesentlich zufriedener und weniger beeindruckt vom gesellschaftlichen Diskurs über die Notwendigkeit aktiven und produktiven Alter(n)s zu sein. Dies dokumentiert sich auch in dem gestiegenen Prozentsatz derer, die mit der Art und Weise, wie sie ihre Freizeit verbringen, "zufrieden sind, sich wohlfühlen und nichts im Leben vermissen" (1983: 18 Prozent; 1997: 42 Prozent) Zur Auflösung der Fußnote[33] .
Für kommende Generationen "junger Alter" ist von einer Intensivierung dieser Haltung auszugehen - handelt es sich doch zunehmend um Angehörige rund um die 68er Generation und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Wertewandel. Der steigende Stellenwert von Selbstverwirklichung, Genuss, aber auch gesellschaftskritischen Haltungen in Kontrast zu den klassischen Sekundärtugenden wie Leistungsorientierung, Fleiß und Affirmation dürfte kaum den geeigneten Boden zur Umsetzung von "Wiederverpflichtungsplänen", insbesondere auch mit Blick auf den steigenden Hilfebedarf mit zunehmendem Lebensalter, hergeben. Eine ausgeprägtere Beteiligung an Initiativen zur Verbesserung der eigenen Lebenssituation sowie die Ausweitung von Bildungsaktivitäten sind demgegenüber wesentlich wahrscheinlicher.
Produktive Tätigkeiten
In der Diskussion um die Gestaltung der nachberuflichen bzw. nachfamiliären Lebenszeit kommt in den letzten Jahren, wie eingangs bereits erwähnt, den "produktiven Tätigkeiten" ein besonderes Augenmerk zu. Mit Blick auf den gesellschaftlichen Beitrag Älterer konzentriert sich die empirische Erfassung dabei bislang auf solche Tätigkeiten, die ökonomisch fassbare Werte schaffen, wie z. B. Alterserwerbstätigkeit, Pflegetätigkeiten, (Enkel-)Kinderbetreuung, soziale Netzwerkhilfe, Hausarbeit und ehrenamtliches Engagement Zur Auflösung der Fußnote[34] .
Während die Alterserwerbstätigkeit deutlich rückläufig ist, binden unentgeltliche produktive Tätigkeiten im privaten oder ehrenamtlichen Bereich stärker die Ressourcen vieler Älterer. Auswertungen des Alterssurveys Zur Auflösung der Fußnote[35] ergeben z. B., dass 14,2 Prozent der 55- bis 69-Jährigen und 8,3 Prozent der 70- bis 85-Jährigen in der Pflege von Angehörigen, z. T. aber auch von Nachbarn und Bekannten, tätig sind. Zwar liegt die Quote der pflegenden Frauen über der der Männer, die Unterschiede sind jedoch mit einem Plus von 2,5 Prozent geringer als erwartet.
(Enkel-)Kinderbetreuung geben im Rahmen des Alterssurveys 27 Prozent der 55- bis 69-Jährigen und 15 Prozent der 70- bis 85-Jährigen an. Frauen engagieren sich hier wesentlich häufiger als Männer, Ältere beiderlei Geschlechts in den neuen Bundesländern stärker als in den alten, wobei diese regionalen Unterschiede auch Folge unterschiedlicher Sozialisationsstrukturen sind.
Auch für den Bereich der informellen Netzwerkhilfe geben im Alterssurvey für den Zeitraum eines Jahres fast ein Drittel aller 55- bis 69-Jährigen und immerhin noch ein knappes Fünftel der 70- bis 85-Jährigen an, haushaltsfremde Personen aktiv unterstützt zu haben.
Schließlich erfreut sich unter den produktiven Tätigkeiten im Alter das ehrenamtliche, also freiwillige Engagement einer steigenden öffentlichen Aufmerksamkeit. Bei der Frage nach individuell wie gesellschaftlich sinnvollen Betätigungsmöglichkeiten für Ältere wird gerne auf ehrenamtliche Aufgabenfelder und noch nicht ausgeschöpfte Potenziale verwiesen Zur Auflösung der Fußnote[36] .
Die vorliegenden Befunde zum Ausmaß ehrenamtlichen Engagements im Alter sind dabei äußerst uneinheitlich Zur Auflösung der Fußnote[37] . Während z. B. der Alterssurvey bundesweit für die Altersgruppe der 55- bis 69-Jährigen 13,3 Prozent und für die über 70-Jährigen 6,9 Prozent ehrenamtlich Aktive ausweist Zur Auflösung der Fußnote[38] , ermittelt die derzeit aktuellste bundesweite Repräsentativbefragung "Freiwilligenarbeit, ehrenamtliche Tätigkeit und bürgerschaftliches Engagement" Zur Auflösung der Fußnote[39] , dass im Alter zwischen 60 und 70 Jahren etwa jede bzw. jeder Dritte sich unentgeltlich engagiert. Im höheren Alter nimmt die Beteiligung allerdings deutlich ab. Die beliebtesten Engagementfelder Älterer sind die Bereiche "Sport und Bewegung", "Freizeit und Geselligkeit" sowie der religiöse/kirchliche und der soziale Bereich. Die Ergebnisse der Studie widersprechen der These, dass neue Tätigkeiten im Alter nur selten aufgenommen werden - immerhin 23 Prozent der Älteren haben ihr Engagement erst nach dem 50. Lebensjahr begonnen Zur Auflösung der Fußnote[40] .
Längsschnittdaten zeigen zudem, dass seit Mitte der achtziger Jahre auch bei den über 60-Jährigen die Engagementbereitschaft gestiegen ist. Allerdings nehmen vor allem die Anteile der Älteren zu, die sich eher sporadisch ehrenamtlich engagieren Zur Auflösung der Fußnote[41] . Denn obwohl bei den jetzigen Generationen Älterer noch eine ausgeprägtere Pflichtethik bezüglich des Ehrenamtes zu finden ist Zur Auflösung der Fußnote[42] , lässt zunehmend auch bei ihnen die Bereitschaft nach, sich auf zeitlich und inhaltlich umfangreiche und verpflichtende Tätigkeiten einzulassen; ferner steigen "Rückerstattungserwartungen" an geleistete Investitionen von Zeit und Arbeit Zur Auflösung der Fußnote[43] .
Aktivität und Produktivität als Resultat positiver Lebenslagemerkmale
Als bisheriges Fazit ist festzuhalten, dass die Zeitverwendung Älterer zum einen immer noch durch ein häuslich orientiertes und eher traditionelles Freizeitverhalten, zum anderen aber auch durch die nicht unwesentliche Erbringung von Leistungen für Dritte gekennzeichnet ist, auch im höheren Alter. Wie die Lebensphase Alter gestaltet wird, hängt dabei nur z. T. von individuellen Gelegenheitsstrukturen und persönlichen Präferenzen ab. Immer wieder zeigen Untersuchungen, dass Möglichkeiten und Optionen für Aktivität und Produktivität im Alter sozial ungleich verteilt sind Zur Auflösung der Fußnote[44] . So belegt die Berliner Altersstudie, dass "Personen mit höherer Bildung . . . höhere Aktivitätsniveaus angaben" Zur Auflösung der Fußnote[45] . Insbesondere für die "modernen" Formen der Altenarbeit - wie z. B. Bildung im Alter, Selbsthilfeinitiativen oder ehrenamtliches Engagement - wird konstatiert, dass höhere Schul- und Berufsausbildung, zumeist einhergehend mit einem höheren Einkommen, sich positiv auf die Bildungs- und Tätigkeitsbereitschaft auswirken Zur Auflösung der Fußnote[46] . Aber auch Reisen, Ausflüge und außerhäusige gesellige Aktivitäten setzen zumindest ausreichende materielle Ressourcen voraus. Verminderte Alterseinkommen führen demgegenüber zu einem deutlichen Rückzug aus den sozialen Bezügen außerhalb der Familie. So genannte Risikogruppen wie ältere Langzeitarbeitslose, Bezieher von Mindestrenten u. a. beteiligen sich kaum bis gar nicht an sozialen und kulturellen Angeboten. Ihnen fehlen schlichtweg die Mittel, um in einer sozial-aktiven Form ihre Ruhestandsphase gestalten zu können.
Diesen Aspekten wird in der öffentlichen Diskussion z. T. nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Im Gegenteil, über die Verteilung von positiv wie negativ eindeutig wertenden Lebensstiletiketten wie "resignierte Ältere", "sicherheits- und gemeinschaftsorientierte Ältere", "pflichtbewusst-häusliche Ältere" und "neue Alte" Zur Auflösung der Fußnote[47] werden die dem Lebensstil mit zugrunde liegenden unterschiedlichen materiellen und geschlechtsspezifischen Lebenslagevoraussetzungen Älterer individualisiert und zu persönlichen Haltungen umdefiniert.
Derzeit bestehende Ansätze zur gesellschaftlichen Gestaltung des Alters und zur Unterstützung einer "tätigen nachberuflichen Lebensphase" Zur Auflösung der Fußnote[48] - wie z. B. die Förderung von Seniorenbüros, Selbsthilfeinitiativen, Seniorengenossenschaften, Seniorenvertretungen oder ehrenamtliches Engagement Älterer - versuchen über infrastrukturelle bis hin zu finanziellen Anreizen, Ältere für Freizeitaktivitäten, selbstorganisierte Interessenvertretung oder freiwilliges Engagement zu aktivieren. Dabei erlaubt die Individualisierung des Freizeitverhaltens Älterer generös darüber hinwegzusehen, dass a) der Organisationsgrad in seniorenspezifischen Angeboten - auch im Vergleich zu Mitgliedschaft wie ehrenamtlichem Engagement in altersunabhängigen geselligen Vereinigungen, Vereinen oder wohltätigen Organisationen - derzeit noch sehr gering Zur Auflösung der Fußnote[49] und b) die entwickelten Ansätze eher mittelschichts- und stadtorientiert sind, "da sich grundsätzlich von einer ,Komm-Struktur' bereits aktive und über materielle und intellektuelle Ressourcen verfügende Menschen angesprochen fühlen" Zur Auflösung der Fußnote[50] .
Zwar legitimieren sich die bestehenden Programme darüber, dass in jeder kommenden Altengeneration bessere Bildungs-, Einkommens- und Gesundheitsvoraussetzungen erwartet werden und dementsprechend die gegenwärtig eher noch recht kleine Gruppe der "neuen Alten" bald den Lebensstil im Alter prägen werde. Diese Perspektive klammert allerdings einige gegenläufige Tendenzen aus:
- Trotz durchschnittlich steigender Alterseinkommen ist für die Zukunft von einer zunehmenden "ökonomischen Polarisierung" des Alters auszugehen Zur Auflösung der Fußnote[51] , mit der Folge weiterhin sehr unterschiedlicher Voraussetzungen für "aktives" und "produktives" Alter(n).
- Erwerbs- und vor allem familiäre Versorgungsbiographien werden insbesondere für Frauen zunehmend instabiler und unsicherer mit dem Resultat eines höheren Armutsrisikos im Alter. Zugleich ändern sich jedoch auf Grund der gestiegenen Erwerbsbeteiligung von Frauen sowie der (langsamen) Veränderungen der Geschlechterrollen auch die Eintrittsbedingungen von Frauen in die Lebensphase des Alters.
- Als ein weiteres Risiko in der Lebenslage gilt der Gesundheitszustand älterer Menschen. Auf Grund der Zunahme chronischer Krankheiten ist die Gruppe der hochaltrigen Alten besonders betroffen Zur Auflösung der Fußnote[52] . Mit steigendem Lebensalter vergrößert sich also das Risiko, aus krankheitsbedingten Gründen im eigenen Mobilitäts- und Aktivitätsradius eingeschränkt zu sein Zur Auflösung der Fußnote[53] . Dennoch: Alter ist nicht pauschal gleichzusetzen mit Hilfe- und Pflegebedürftigkeit. Die meisten Menschen leben im Alter selbständig und ohne Abhängigkeit von der Hilfe Dritter.
- Die Zahl älterer Migranten wird in Zukunft deutlich steigen. Ihre Lebenslagen sind in ausgeprägtem Maße von ungünstigen Bedingungen gekennzeichnet. Dementsprechend wird zukünftig ein - regional z. T. sehr ausgeprägter - gesellschaftlicher Handlungsbedarf auch im Bereich der offenen Altenhilfe entstehen.
Konsequenzen für die Altenpolitik
Gerade weil die Mehrheit zukünftiger Älterer über ausreichende Finanz-, Bildungs- und soziale Ressourcen verfügt, ist davon auszugehen, dass sie das "Alter" erfolgreich bewältigen und zunehmend in der Lage sein werden, eigene Interessen zu organisieren. Diese Ansätze gilt es gesellschaftlich zu unterstützen. Versteht sich Altenpolitik als sozial verantwortliches Handeln mit dem Ziel des Ausgleichs sozialer Disparitäten, so ist jedoch zukünftig eine verstärkte Aufmerksamkeit für die benachteiligten Gruppen unter den Älteren vonnöten. Dabei ist die Stärkung von Eigeninitiative, Selbsthilfe und Bürgerengagement grundsätzlich zu begrüßen; aber "dort, wo die Potentiale auf Grund materieller, gesundheitlicher oder sozialer Defizite eingeschränkt bzw. ihrer Nutzung Grenzen gesetzt sind, sollen besondere Anstrengungen unternommen werden, um diese Beschränkungen abzumildern oder ganz aufzuheben" Zur Auflösung der Fußnote[54] . Neuere Ansätze und Projekte in der Altenarbeit müssen vor diesem Hintergrund immer auch dahingehend geprüft werden, ob sie nicht implizit vor allem die Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung der "jungen Alten" - und hier vor allem relativ gutsituierter älterer Mittelschichtangehöriger - mit öffentlichen Mitteln fördern. Dies dürfte vor allem dann der Fall sein, wenn die geförderten Projekte immer ausgeprägtere Schwerpunkte im Bereich Selbsterfahrung entwickeln, sich zukünftig die Dominanz der ,selbstorientierten' gegenüber den altruistischen Motivationen in der Freiwilligenarbeit noch verstärken sollte und selbstorganisierte Initiativen Älterer sich nicht selten nach Ablauf der Aufbauphase als ,closed-shop' konstituieren mit begrenzter Offenheit für neue Mitglieder.
Notwendig ist demgegenüber eine stärkere Zielgruppenorientierung und soziale Differenzierung in der Altenarbeit, die unterschiedlichen Kompetenzen, biographischen Erfahrungen, ethnischen Voraussetzungen und materiellen wie immateriellen Ressourcen Rechnung tragen. Wichtig ist darüber hinaus die infrastrukturelle Verankerung im vorrangigen Lebensraum gerade auch benachteiligter Älterer, dem Stadtteil Zur Auflösung der Fußnote[55] . Der Rückgriff auf bereits bestehende Netzwerkstrukturen und Multiplikatoren vor Ort ist dabei zentrale Voraussetzung, um bestehende Interessen und Selbsthilfepotenziale überhaupt zu mobilisieren. Dennoch gibt es angesichts des fälligen strukturellen und konzeptionellen Reformbedarfs zur Verankerung einer Freiwilligenkultur keine moralische und politische Entpflichtung zur Solidarität gegenüber denjenigen alten Menschen, die der gesellschaftlich erwünschten Produktivität nicht (mehr) Folge leisten können noch wollen.
Ausblick
Es ist offenkundig, dass die demographischen Entwicklungen und ihre sozialen Folgen nicht ohne Konsequenzen für die Sozialpolitik in Deutschland und für die künftige Finanzlage der sozialen Sicherungssysteme sein werden. Angesichts des Altersstrukturwandels gewinnt folglich die Frage nach der Tragfähigkeit des Generationenvertrages noch stärker an Bedeutung. Dessen vorrangige Ausrichtung auf die finanzielle Sicherung der älteren Generation hat bereits den Nimbus der allein ausreichenden Altersvorsorge verloren, da die immaterielle Versorgung älterer Menschen zunehmend Einfluss auf deren Lebenslage nimmt. Insbesondere sind hier die personenbezogenen sozialen Dienste, in ihrer Wichtigkeit als nicht-monetäre Unterstützungsleistungen, maßgeblich für die Lebenslagen der wachsenden Gruppe der Älteren. Eine moderne Interpretation des Generationenvertrages hätte dieser Erkenntnis durch die gleichzeitige Absicherung der materiellen und immateriellen Risiken des Alters Rechnung zu tragen Zur Auflösung der Fußnote[56] .
Zwar ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt (noch) von einem funktionierenden System der intergenerationellen familiären Unterstützungsleistungen auszugehen (sowohl von den Jüngeren für die Älteren, aber auch der wirtschaftlich Stärkeren für die wirtschaftlich Schwächeren Zur Auflösung der Fußnote[57] ), auf Grund der demographischen Entwicklungen stellt sich jedoch zunehmend die Frage, inwieweit der tatsächlich vorhandene Bedarf an personenbezogenen Diensten - außerhalb der Familienverbände - angesichts der Knappheit der finanziellen Mittel zukünftig organisierbar ist. Die bislang gesellschaftlich nicht organisierte Nutzung der persönlichen Potenziale Älterer scheint in ihrer Kopplung mit dem verjüngten Ruhestandsalter eine Möglichkeit zur Problemlösung darzustellen. Doch kann für die zu erwartenden Dienste im Bereich pflegerischer Versorgungshilfen wie auch alltäglicher kleinerer Hilfeleistungen im Haushalt eine Quasiverpflichtung der "fitten" Alten dem interpersonalen Verhältnis zwischen Gebenden und Nehmenden nicht dienlich sein. Das Vertrauen auf eine naturwüchsige (verbindliche) Freiwilligkeit - bei einer gleichzeitigen Abhängigkeit der älteren Menschen von diesen Unterstützungsleistungen - entbehrt der realistischen Grundlage des ,Machbaren'.
Darüber hinaus stellt sich im Gesamtbild der sozialen Veränderungen der Faktor der ,Freien Zeit' - und dies nicht nur bezüglich der Älteren - als gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe dar. Dabei stehen die gegenwärtigen Zeitstrukturen, die sich am Konzept der so genannten "Normalarbeitszeit" orientieren, grundsätzlich zur Disposition. Denn die - selbst in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit - nach wie vor starre Ordnung der Lebensarbeitszeitstrukturen, durch die die Zugangsbedingungen zu Bildung, Arbeit und Freizeit altersspezifisch festgelegt werden und durch die zugleich Erwerbsarbeit als die dominante, sozial akzeptierte Form der Arbeit "privilegiert" wird, hat eine ungleiche Verteilung der Zeitsouveränität zwischen den Generationen zur Folge. Ziel sollte dementsprechend eine gerechtere Verteilung von freier Zeit über den gesamten Lebenslauf sein. Erste Schritte in Richtung flexiblerer Lebensarbeitszeitmodelle werden dabei in den Diskussionen über Teilzeitarbeit, Wahlarbeitszeiten, Erziehungs- und Pflegeurlaube, Weiterbildungszeiten und Sabbaticals sowie vor allem der Altersteilzeit deutlich Zur Auflösung der Fußnote[58] .
Eine Flexibilisierung der Lebensarbeitszeit Zur Auflösung der Fußnote[59] kommt dabei den Bedürfnissen einer alternden Gesellschaft in mehrfacher Hinsicht entgegen: Erstens werden die mittleren Generationen entlastet und so auch zeitliche Freiräume für die Unterstützung hilfe- und pflegebedürftiger Älterer geschaffen. Zweitens werden im mittleren Lebensalter Freiräume für die selbstbestimmte Gestaltung von Lebenszeit eröffnet, in denen Handlungskompetenzen - z. B. durch die Pflege von sozialen, politischen und kulturellen Interessen - für nicht erwerbsbestimmte Lebensphasen und damit auch für den Ruhestand erworben werden können. Die Flexibilisierung der Lebensarbeitszeit dient somit nicht zuletzt der Vorbereitung eines aktiven Alters. Schließlich wird, drittens, der immer frühzeitigeren Freisetzung Älterer aus der Arbeitswelt durch gleitendere Übergänge vorgebeugt, was sich auch positiv auf die Höhe der finanziellen Transferleistungen an Ältere auswirkt. Angesichts der demographischen Entwicklung ist somit eine größere Zeitsouveränität eine der zentralen Voraussetzungen für den weiteren Fortbestand der derzeit praktizierten intergenerationellen Solidarität. Dabei sollte insbesondere die individuelle Entscheidung zur Unterstützung hilfebedürftiger alter Menschen durch die staatlichen Sicherungssysteme - etwa durch entsprechende Strukturvorgaben und durch Anrechnung der Pflegezeiten in der Gesetzlichen Rentenversicherung bzw. der Pflegeversicherung - unterstützt werden.
Für beide Bereiche der staatlichen Sozialversicherung sind die ersten Schritte getan oder zumindest angedacht. Für den ebenso wichtigen Bereich der personenbezogenen sozialen Dienste sind demgegenüber zusätzliche Anstrengungen vonnöten. Dazu zählt auch die Neuorganisation von Lebensarbeitszeit, indem sie die dafür erforderlichen zeitlichen Freiräume schafft. In der Konsequenz wird so für eine perspektivische Erweiterung des Generationenvertrags in Richtung auf intergenerationelle Solidarität in beide Richtungen plädiert. Dies kann mit dazu beitragen, die demographischen Herausforderungen der Zukunft ohne nennenswerte Generationenkonflikte zu lösen.