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26.5.2002 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Organisierte Interessen werden unterschiedlich bewertet. Die einen sehen sie als Träger und Initiatoren politischen und sozialen Wandels, die anderen schreiben ihnen eine eher negative Rolle zu.

Einleitung

Organisierte Interessen werden von den einen positiv bewertet, nämlich als Träger und Initiatoren politischen und sozialen Wandels, andere schreiben ihnen eine eher negative Rolle zu. Für sie ist die Vertretung und Durchsetzung partikularer Interessen abträglich für das Gemeinwohl und Ursache unter anderem für den Reformstau in der Bundesrepublik Deutschland. In der vorliegenden Ausgabe soll diesem Widerspruch nachgegangen werden, indem die Rolle und die Funktionen von organisierten Interessen in verschiedenen Bereichen der Bundesrepublik analysiert und der Korporatismus - die Einbindung gesellschaftlicher Organisationen in die Politik - kritisch beleuchtet werden.

Für Ulrich von Alemann ist Korporatismus "nur eine Strategie, ein Instrument, manchmal auch nur eine kleine politische Taktik". Korporatismus ist für ihn eine Spielart des Pluralismus, dessen "ursprüng- lich nackte Verkörperung" der Lobbyismus sei. Der Autor geht in seinem Essay der Frage nach, inwieweit die Fundamente des Lobbyismus in Deutschland durch Globalisierung, Europäisierung und "Berlinisierung" erschüttert werden. Davon dürften auch die in den Verbänden organisierten Interessen tangiert sein.

Werner Reutter führt die unterschiedliche Bewertung organisierter Interessen vor allem darauf zurück, dass die Forschung über Interessengruppen Verallgemeinerungen nur unter Vorbehalt erlaube. Eine differenzierte Analyse zeige, dass weder das Klischee von der "Vereinsmeierei" noch die These von prinzipiellen Strukturschwächen und Funktionsdefiziten des Systems organisierter Interessen zutreffe. Tatsächlich hätten sich die gesellschaftlichen Voraussetzungen für organisierte Interessenvertretung in den letzten Jahren nicht grundsätzlich verschlechtert, sondern nur verändert. Reutter verweist auf weitreichende Anpassungsprozesse und Versuche, sich auf die veränderten Rahmenbedingungen - etwa durch Globalisierung, Europäisierung und "Berlinisierung" - einzustellen.

Das "deutsche Modell" der Interessenvermittlung zwischen Regierung, Parteien und Interessengruppen, wie Bernhard Weßels den deutschen Korporatismus umschreibt, steht seit Beginn der neunziger Jahre auf dem Prüfstand. Der Autor, der dem Korporatismus sozialdemokratischen Charakter zuschreibt, fragt, inwieweit er eine Wiederbelebung erfahren und unter welchen Bedingungen er einen Beitrag zur Lösung anstehender Probleme leisten könne. Die Grenzen einer erfolgreichen korporatistischen Politik - die Organisationsschwäche der großen Interessenorganisationen einerseits und die Globalisierung sowie die Einschränkung der Handlungsspielräume des Nationalstaates im Rahmen der europäischen Integration andererseits - stellen aus der Sicht Weßels' nicht nur besondere Herausforderungen dar. Sie bieten zugleich die Chance einer Revitalisierung korporatistischer Politik.

Ähnlich sieht dies auch Holger Backhaus-Maul, der den in Deutschland einst so erfolgreichen Korporatismus zwischen Sozialstaat und Wohlfahrtsverbänden einer kritischen Analyse unterzieht und im Ergebnis für einen langsamen institutionellen Wandel plädiert. Ziel müsse es sein, die korporativen und ressourcenstarken Akteure am Wettbewerb der freien Träger teilnehmen und im Interesse der Gesellschaft von den neuen Gestaltungsspielräumen profitieren zu lassen. Den Gegnern des korporatistischen Modells wirft Backhaus-Maul vor, sie stilisierten die mit dem Begriff der Globalisierung umschriebenen Beobachtungen zu Sachzwängen, obwohl neu gewonnene Handlungsspielräume mit guten Gründen ebenso hervorgehoben werden könnten.