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26.5.2002 | Von:
Holger Backhaus-Maul

Wohlfahrtsverbände als korporative Akteure

Über eine traditionsreiche sozialpolitische Institution und ihre Zukunftschancen

Seit der Weimarer Republik entwickelte sich der Korporatismus zwischen Sozialstaat und Wohlfahrtsverbänden zu einer Erfolgsgeschichte für beide Seiten. Nachhaltig verstärkt wurde er noch durch die deutsche Vereinigung.

I. Entdeckungen

Obwohl Wohlfahrtsverbände traditionsreiche, bisweilen über 100 Jahre alte Organisationen sind, erfolgte ihre wissenschaftliche Entdeckung erst bemerkenswert spät. So richtete die deutsche Sozialpolitikforschung ihr Augenmerk auf Fragen der sozialen Sicherung, insbesondere die Sozialversicherungen, während die Erbringung sozialer Dienstleistungen bis in die siebziger Jahre hinein kein sozialwissenschaftliches Thema war [1] . Selbst für die politikwissenschaftliche Verbändeforschung war die Freie Wohlfahrtspflege bis weit in die siebziger Jahre hinein eine Terra incognita [2] .


Im Mittelpunkt der Verbändeforschung standen damals - unter dem Einfluss pluralismustheoretischer Ideen - klassische Interessenverbände, wie Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, und deren Versuche einer politischen Einflussnahme im Politik- und Gesetzgebungsprozess. Während Klaus von Beyme in seinem politikwissenschaftlichen Standardwerk Wohlfahrtsverbände weitgehend unbeachtet ließ [3] , legten Thomas Ellwein [4] und Peter Raschke [5] erste Systematisierungsversuche vor, in denen Wohlfahrtsverbänden ein besonderer Stellenwert beigemessen wurde. Thomas Ellwein klassifizierte Wohlfahrtsverbände in einem konventionellen Sinne als Interessenvereinigungen im Sozialbereich, wobei Peter Raschke bereits anhand empirischer Befunde herausarbeitete, dass Verbände im Sozialbereich nicht nur Interessen vertreten, sondern vor allem Dienstleistungen anbieten.

Damit hatten Wohlfahrtsverbände zwar Ende der siebziger Jahre Eingang in die politikwissenschaftliche Verbändeforschung gefunden, ihr eigentliches sozialwissenschaftliches Debüt erlebten sie aber mit dem Erfolg der Korporatismusforschung. In ihrem grundlegenden und zugleich richtungsweisenden Beitrag übertrugen Rolf G. Heinze und Thomas Olk [6] das Korporatismuskonzept auf die ersten Befunde der noch jungen Wohlfahrtsverbändeforschung [7] . Dabei gelang es ihnen herauszuarbeiten, dass die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in erheblichem Ausmaß und in besonderer Art und Weise in den staatlichen Politik- und Gesetzgebungsprozess einbezogen sind. Der historisch ausgerichtete Zweig der Wohlfahrtsverbändeforschung machte dabei deutlich, dass die Inkorporierung freigemeinnütziger Verbände in die staatliche Sozialpolitik bereits in der Weimarer Republik begann und seitdem - unter dem politisch schillernden Begriff der Subsidiarität - mit einer weitreichenden verfassungs- und sozialrechtlichen Privilegierung von Wohlfahrtsverbänden einhergeht [8] . Bei dieser Inkorporierung der Freien Wohlfahrtspflege in die staatliche Sozialpolitik handelt es sich - so die Befunde der international vergleichenden Sozialpolitikforschung - um einen deutschen institutionellen Sonderweg [9] .

Bis Anfang der neunziger Jahre entwickelte sich der Korporatismus zwischen Sozialstaat und Wohlfahrtsverbänden - nachhaltig verstärkt durch die deutsche Vereinigung bzw. seine räumliche Ausdehnung auf die neuen Bundesländer - zu einer Erfolgsgeschichte für beide Seiten [10] . Führende Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler weisen seitdem aber darauf hin, dass im Zuge der forcierten Globalisierung dem deutschen Korporatismus quasi die Geschäftsgrundlage entzogen werden bzw. der notwendige Entscheidungsspielraum genommen werden könnte [11] . Unter Bedingungen eines intensivierten globalen Wirtschaftens verlieren Nationalstaaten Entscheidungsspielräume. Stehen damit auch das korporatische Modell politischen Entscheidens in der Sozialpolitik und mit ihm die privilegierte Stellung der Freien Wohlfahrtspflege zur Disposition?

Im folgenden sollen zunächst die erfolgreiche Etablierung des Korporatismus zwischen Wohlfahrtsverbänden und Sozialstaat und anschließend die in den neunziger Jahren einsetzenden gravierenden politischen Änderungen herausgearbeitet werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Jens Alber, Soziale Dienstleistungen. Die vernachlässigte Dimension vergleichender Wohlfahrtsstaat-Forschung, in: Karlheinz Bentele/Bernd Reissert/Roland Schettkat (Hrsg.), Die Reformfähigkeit von Industriegesellschaften, Frankfurt am Main - New York 1995, S. 277-293.
2.
Vgl. Klaus von Beyme, Interessengruppen in der Demokratie, München 1970.
3.
Vgl. ebd.
4.
Vgl. Thomas Ellwein, Die großen Interessenverbände und ihr Einfluss, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 48/73, S. 22-38.
5.
Vgl. Peter Raschke, Vereine und Verbände. Zur Organisation von Interessen in der Bundesrepublik Deutschland, München 1978.
6.
Vgl. Rolf G. Heinze/Thomas Olk, Die Wohlfahrtsverbände im System sozialer Dienstleistungsproduktion. Zur Entstehung und Struktur der bundesrepublikanischen Verbändewohlfahrt, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 33 (1981) 1, S. 94-114.
7.
Vgl. Michael N. Ebertz/Josef Schmid, Zum Stand der Wohlfahrtsverbändeforschung, in: Caritas, 88 (1987) 6, S. 289-313; Thomas Olk, Wohlfahrtsverbände und sozialwissenschaftliche Forschung, in: Theorie und Praxis der sozialen Arbeit, 38 (1987) 6, S. 202-213.
8.
Vgl. Christoph Sachße, Verein, Verband und Wohlfahrtsstaat: Entstehung und Entwicklung der "dualen" Wohlfahrtspflege, in: Thomas Rauschenbach/ders./Thomas Olk (Hrsg.), Von der Wertgemeinschaft zum Dienstleistungsunternehmen. Jugend- und Wohlfahrtsverbände im Umbruch, Frankfurt am Main 1995, S. 123-149. Der Begriff der Freigemeinnützigkeit verweist darauf, dass es sich um Organisationen handelt, die steuerlich klar definierte gemeinnützige Zwecke verfolgen, was - im Sinne einer politischen Begünstigung - eine eingeschränkte Steuerpflichtigkeit zur Folge hat.
9.
Vgl. Josef Schmid, Wohlfahrtsverbände in modernen Wohlfahrtsstaaten. Soziale Dienste in historisch-vergleichender Perspektive, Opladen 1996.
10.
Vgl. Susanne Angerhausen/Holger Backhaus-Maul/Claus Offe/Thomas Olk/Martina Schiebel, Überholen ohne einzuholen. Freie Wohlfahrtspflege in Ostdeutschland, Opladen 1998.
11.
Vgl. Wolfgang Streeck, Deutscher Korporatismus: Gibt es ihn? Kann er überleben?, in: ders. (Hrsg), Korporatismus in Deutschland. Zwischen Nationalstaat und Europäischer Union, Frankfurt am Main - New York 1999, S. 13-40; Walter Reese-Schäfer, Am Ausgang des korporatistischen Zeitalters. Ist die Theorie des Neokorporatismus inzwischen überholt?, in: Gegenwartskunde, 45 (1996) 3, S. 323-336.