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26.5.2002 | Von:
Werner Link

Deutschland im multipolaren Gleichgewicht der großen Mächte und Regionen

Wie ist Deutschland als integrierte europäische Zentralmacht in die multipolare Welt eingeordnet? Wie fungiert es als Mit-Führungsmacht in Europa und in globalen informellen Spitzengruppen?

I. Vorüberlegungen

Verfolgt man die Diskussion über die Bestimmung des Standorts Deutschland in Europa und in der Welt sowie über die größere "internationale Verantwortung" des wiedervereinigten Deutschlands, so fällt auf, dass deutsche Politiker, Publizisten und Wissenschaftler die machtpolitischen Kategorien Gleichgewicht und Hegemonie nicht verwenden. Mit Erstaunen oder gar mit Erschrecken nahm und nimmt man in Deutschland zur Kenntnis, dass im Ausland - in Frankreich und Großbritannien zumal - das macht- und ordnungspolitische Grundproblem immer wieder thematisiert wurde und wird. Es lautet: Wie sind Deutschland und Europa zu organisieren, damit Deutschland in Europa existieren und sich entfalten kann, ohne einen bestimmenden Einfluss in Europa zu erlangen bzw. auszuüben; also ohne eine deutsche Hegemonie in Europa zu schaffen?


Weltpolitisch ist nach dem Ende des "Gleichgewichts des Schreckens" die Grundproblematik von Hegemonie und Gleichgewicht dadurch auf neue Weise aktuell geworden, dass nach dem Zerfall der einen Supermacht die verbleibende Supermacht USA als "hyperpuissance" (Außenminister Hubert Védrine) eine herausragende machtpolitische Position im internationalen System einnimmt und ihre Hegemonialpolitik bei anderen großen Mächten eine Balancetendenz hervorruft. Diese Tendenz wird vor allem in Frankreich klar formuliert, während in Deutschland die schöne und gut gemeinte Rede von der transatlantischen "Partnerschaft" und der atlantischen "Gemeinschaft" vorherrscht [1] .

Die Vernachlässigung des Denkens in Kategorien der Machtbalance im Bereich der Außenpolitik gründet in Deutschland in einer zweifachen Tradition. Sie steht einerseits in jener ideengeschichtlichen Traditionslinie, die Politik als Verwaltung begreift, wodurch sie machtpolitisch gereinigt erscheint und sich somit das Balanceproblem gar nicht erst stellt. Andererseits eliminiert die gegenläufige Traditionslinie einer kruden, ungezähmten Machtpolitik erst recht den Balancegedanken. Indem sich die Deutschen nach 1945 von den Machtexzessen des Dritten Reiches distanzierten, wollten sie aus der bisherigen Geschichte der Neuzeit, die sich im Spannungsfeld zwischen Gleichgewicht und Hegemonie (Ludwig Dehio) bewegte, aussteigen [2] . Notgedrungen beteiligten sich die Deutschen zwar an der Gegenmachtbildung gegen die Sowjetunion, in Westeuropa galt jedoch die europäische Integration als die radikale Alternative zu Hegemonie und Gleichgewicht. Nach der Überwindung der deutschen und europäischen Teilung wird die Fortsetzung der europäischen Integration und ihre geographische Ausdehnung nach Osten erst recht als Versicherung gegen die Wiederkehr der Geschichte angesehen. Mit anderen Worten: Integration firmiert als Gegentypus zu Hegemonie und Gleichgewicht [3] .

Fußnoten

1.
Zu dem interessanten Versuch, in Frankreich und Deutschland zwei unterschiedliche Paradigmata im sicherheitspolitischen Denken zu identifizieren, vgl. Axel Sauder, Souveränität und Integration. Französische und deutsche Konzeptionen europäischer Sicherheit nach dem Ende des Kalten Krieges (1990-1993), Baden-Baden 1995; Hanns W. Maull/Michael Meimeth/Christoph Neßhöver (Hrsg.), Die verhinderte Großmacht. Frankreichs Sicherheitspolitik nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, Opladen 1997.
2.
Vgl. Hans Maier, Die Deutschen und die Freiheit, Stuttgart 1985 und Hans-Peter Schwarz, Die gezähmten Deutschen. Von der Machtbesessenheit zur Machtvergessenheit, Stuttgart 1985.
3.
Dass diese dichotomische Betrachtungsweise weder theoretisch noch empirisch sinnvoll ist und dass drei Varianten des politischen Gleichgewichts (antagonistisch, kooperativ und integrativ) zu unterscheiden sind, habe ich an anderer Stelle dargelegt; siehe Werner Link, Die europäische Neuordnung und das Machtgleichgewicht, in: Thomas Jäger/Melanie Piepenschneider (Hrsg.), Europa 2020, Opladen 1997, S. 9-31.