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26.5.2002 | Von:
Wolfgang Thierse

Bürgerinnen und Bürger der Einheit

Fünf Aspekte des Wandels

Am 9. November 1989 hatte Günter Schabowski die Erleichterung der Visa-Vergabe verkündet, die nur Stunden später zur Öffnung der Mauer führte. Was haben wir aus dem Geist weniger Tage und Wochen vor und nach dem Beginn der Freiheit gelernt?

Einleitung

Im September 1989 reisten in drei Tagen 15'000 Bürgerinnen und Bürger der DDR über Ungarn in die Bundesrepublik; fast 50 000 folgten bis zum 9. November über die CSSR. Im Oktober 1989 war die Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Leipziger Montagsdemonstrationen auf über 100 000 angestiegen, im November dann auf 500 000 in Leipzig und in Ost-Berlin. Diese Zahlen sind beeindruckend. An anderer Stelle habe ich die Motive der Bürgerinnen und Bürger analysiert: Die Bürgerinnen und Bürger waren "Helden aus Verzweiflung". (Zum glücklicherweise nur hypothetischen 50-jährigen Bestehen der DDR vgl. Wolfgang Thierse, Helden aus Verzweiflung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Oktober 1999.) Zehn Jahre nachdem Günter Schabowski am 9. November 1989 die Erleichterung der Visa-Vergabe verkündet hatte, die nur Stunden später zur Öffnung der Mauer führte, interessiert mich heute, was wir aus dem Geist weniger Tage und Wochen vor und nach dem Beginn der Freiheit lernen können, gelernt haben und hätten lernen sollen. Fünf Themen möchte ich im Einzelnen diskutieren.

Erstens: Die Geschichte der DDR ist eine Geschichte der ,,enttäuschten Hoffnungen" (ebd.). Versprechen einer besseren Zukunft von vollkommener Gleichheit in Freiheit und Wohlstand für alle wurden nicht nur enttäuscht, sondern zur Repression pervertiert. Der Rhythmus aus Ankündigung, Enttäuschung und Unterdrückung manifestierte sich bis zuletzt in Wahlbetrug und Wahrnehmungsverweigerung. Noch am 8. Mai 1989 meldet das Neue Deutschland zur Kommunalwahl: "98,85 Prozent stimmten für die Kandidaten der Nationalen Front - Eindrucksvolles Bekenntnis zu unserer Politik des Friedens und des Sozialismus." (Die Titelseite dieser Ausgabe sowie weitere Dokumente sind abgedruckt in: Bernd Lindner, Die demokratische Revolution in der DDR 1989/90, Bonn 1998, S. 28.) Weder der deskriptive Gehalt dieser Schlagzeile war korrekt noch ihre Bewertung. Im Gegenteil: Der Wahlbetrug rief eine Protestbewegung hervor, die das Ende der DDR auf friedliche Weise herbeiführte. Viele hatten sich schon mit der Zwangsläufigkeit des Sozialismus abgefunden. Schlimmer noch als die berechenbare Enttäuschung ist die unberechenbare. Man konnte sein Leben auf den steten Wechsel von Enttäuschung und Unterdrückung einrichten, der in 40 Jahren DDR nie aus dem Takt kam: keine Enttäuschung, die nicht verschwiegen wurde; keine Ankündigung, die nicht enttäuscht wurde. Doch dies trifft nur zu für die offizielle Politik. Vierzig Jahre DDR haben es nicht geschafft, den Bürgerinnen und Bürgern der DDR einen zwingenden Weg der Geschichte einzureden, dessen Ziel der Kommunismus sei. Der Zweifel am Geschichts-Plan des Kommunismus erreichte seinen Höhepunkt 1989. Dies geschah auch, weil die herrschende Politik zunehmend undurchführbar, unglaubwürdig und unansehnlich geworden war. Die Befreiung von der sozialistischen Diktatur war auch eine Befreiung von einer zweckgeführten Geschichte. 1989 hatten sich die Bürgerinnen und Bürger der DDR von Zuschauern zu Akteuren gewandelt.

Zweitens: Die DDR hatte zwar genügend Arbeitsplätze, aber zu wenig Arbeit zu bieten. Die Bürgerinnen und Bürger hatten relativ viel Geld zur Verfügung, aber es gab zu wenig Waren, die sie erstehen konnten. Dieses Verhältnis hat sich nun umgekehrt. In ganz Deutschland und in weiten Teilen Europas sind die Arbeitslosenzahlen hoch und die Lebensumstände derjenigen, die um Arbeit bangen oder auf Arbeit hoffen, mitunter dramatisch. Hier sei an zwei Punkte erinnert: Zum einen ist der Anteil der Arbeitslosen in Ostdeutschland doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern; zum anderen ist der Arbeitsplatz nicht nur Erwerbsquelle, sondern auch Integrationsmittel einer Gesellschaft. Ein Systemzusammenbruch wie der des real existierenden Sozialismus, der für zu viele auch den Verlust des Arbeitsplatzes bedeutete, erschwert es den Bürgerinnen und Bürgern, im neuen System anzukommen. Da gesellschaftliche Wertschätzung über Arbeit vermittelt wird, schwächt der Verlust des Arbeitsplatzes das Selbstwertgefühl. Dieser Verlust kann nicht wegdiskutiert werden. Nur ein neuer Arbeitsplatz kann das Selbstwertgefühl wieder heben. Dieses Problem brennt auch noch im Jahr zehn der Einheit auf den Nägeln.

Drittens: Es kann nicht häufig genug betont werden, dass sich die Geschichte friedlich gewendet hat. Weder ordneten die scheinbaren Machthaber eine gewaltsame Niederschlagung der Proteste an,'noch endeten die Demonstrationen der scheinbar Ohnmächtigen in Gewaltexzessen. "Keine Gewalt" war die explizite Parole der Demonstrierenden. Wut richtete sich höchstens gegen Institutionen - so am 15. Januar 1990 bei der Erstürmung der Zentrale des damaligen Ministeriums für Staatssicherheit. Die Friedlichkeit war das Erfolgsrezept der Bürgerinnen und Bürger der DDR. Sie haben dem Machtapparat keinen Vorwand zur Gewaltausübung geliefert. Das Zivile hat die DDR besiegt. Die dann neu entstandenen politischen Parteien und Bewegungen konnten dieses Potenzial einer aktiven Bürgerbeteiligung nutzen. Politik hatte die zivile Gesellschaft zur Voraussetzung. Vielleicht können uns die Erfahrungen der Wende Ideen zum Ausbau der Zivilgesellschaft in der Bundesrepublik geben. Uns allen täte die gelegentliche Erinnerung an die damalige zivile Aktivität für Freiheit und Wohlstand gut.

Viertens: Die Bürgerinnen und Bürger der DDR haben das Glück gehabt, bei der Abwerfung der real existierenden Diktatur einen Partnerstaat zu haben, dessen Bürger Landsleute sind. West- und Ostdeutschland entwickeln gemeinsam ökonomisch und politisch die neue Bundesrepublik. Die Aufbauhilfe bevorteilt Ostdeutschland gegenüber den anderen Transformationsstaaten. Ohne die Partnerschaft der alten Bundesländer hätten die neuen Bundesländer länger auf den heutigen Lebensstandard warten müssen. Die anfängliche Euphorie ist mittlerweile Ernüchterung gewichen. Eine angemessene Bewertung des Prozesses der Einheit muss ihren Weg finden zwischen der Charybdis blinden Beifalls für alles Westdeutsche und der Szylla undankbarer Ungeduld und Resignation auf Seiten der Ostdeutschen. Doch dürfen wir Deutschen uns nicht zu sehr nur mit uns beschäftigen. Genauso wie Ost- und Westdeutschland zusammengehören, so gehören auch Ost- und Westeuropa zusammen. Uns eint unsere gemeinsame Vergangenheit und unsere gemeinsame Kultur. Gemeinsam können wir die politischen und ökonomischen Chancen nutzen, die eine erweiterte Europäische Union bietet. So wie die Berliner Mauer künstlich eine Stadt und eine Nation zerschnitten hat, so hat auch der Eiserne Vorhang künstlich einen Kontinent zerteilt. Durch die Erweiterung der Europäischen Union können wir diese Spaltung endlich überwinden.

Fünftens: Das Ende der bipolaren Welt hat aus Gegnern Handelspartner gemacht. Das Spannungspotenzial des Kalten Krieges ist verschwunden, aber neue Konflikte sind entstanden. Der Kosovo-Konflikt hat uns dies leider drastisch gezeigt. Unsere Sprache reicht - wieder einmal - nicht aus, um zu beschreiben, welche Gräuel hier geschehen sind. Für die deutsche Geschichte ist der Kosovo-Konflikt ein einschneidendes Datum. Zum ersten Mal seit 1945 waren deutsche Soldaten wieder an Kampfhandlungen beteiligt. Deutsche Soldaten - und damit Deutschland - befanden sich im Krieg. Aus einer trügerischen Ruhe voller Spannung ist Einsatz für den Frieden mit unfriedlichen Mitteln geworden. Das ist eine neue, bedenkliche Qualität im Jahr zehn der Einheit.