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Neues Deutschland

Zehn Jahre deutsche Einheit Editorial Bürgerinnen und Bürger der Einheit Zehn Jahre deutsche Einheit: Von Häusern und Utopien Neues Deutschland Zehn Jahre deutsche Einheit Deutschland an der Jahrtausendwende

Neues Deutschland

Susanne Gaschke

/ 16 Minuten zu lesen

Wo waren Sie, als die Mauer fiel? Nahezu jede Tageszeitung, jeder Rundfunksender wartete mit Zeitzeugenbefragungen auf, als sich im November 1999 die deutsche Einheit zum zehnten Mal jährte.

I. Abschnitt

Wo waren Sie, als die Mauer fiel? Nahezu jede Tageszeitung, jeder Rundfunksender wartete mit Zeitzeugenbefragungen auf, als sich im November 1999 die deutsche Einheit zum zehnten Mal jährte. Es gibt Momente, die sich tief in das kollektive Gedächtnis selbst so moderner, fragmentierter Gesellschaften, wie wir eine sind, eingraben: Wenigstens im Nachhinein möchte jeder sich vergewissern, dass er sie erlebt hat. So berichten Amerikaner einander, wie sie vom Attentat auf Kennedy, und Beatles-Anhänger, wie sie vom Tode John Lennons erfuhren. Die deutschen Zeitungsleser, Rundfunkhörer und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens erzählten sich zum Einheits-Jubiläum ihre Wende-Erlebnisse: Wie sie weinen mussten, als plötzlich Trabbis auf der Autobahn nach Bremen auftauchten; wie sie hastig zu den Grenzübergängen aufbrachen, um das Wunder mit eigenen Augen zu sehen. Am häufigsten aber: wie ein Freund, eine Freundin, ein Kollege angerufen und gesagt habe: ,,Mach' den Fernseher an, die Mauer ist auf." Mach' den Fernseher an: Für viele West-Zuschauer war das Ende der DDR vor allem ein Fernsehereignis, ein Historienspektakel mit tausenden von Statisten, die Transparente schwenkten und auf der Mauer tanzten.

Die Bilder von den Flüchtlingen in der bundesrepublikanischen Botschaft in Ungarn, von den Massen, die am 9. November die DDR-Grenze überrannten, von Walter Momper (,,Berlin, nun freue dich"), von Helmut Kohl (Nationalhymne) und Willy Brandt (,,Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört") vor dem Schöneberger Rathaus sind unauslöschlich - die Erinnerung an sie wird bleiben wie die an die Bilder von der ersten Mondlandung. Starke Filme, beide. Wie weit allerdings die Westdeutschen ihr Leben durch einen Film verändert sehen wollten, war eine andere Frage; nur eine Minderheit spürte das Bedürfnis, die Ost-Darsteller nach der Premiere näher kennen zu lernen. Man kann in Hannover, München oder Düsseldorf wunderbar leben, ohne die Wiedervereinigung - außer auf dem monatlichen Gehaltszettel - im Alltag zur Kenntnis zu nehmen. Wer aus Hamburg-Eppendorf mit dem BMW zur Arbeit in die Innenstadt fährt und sein Auto dort in die Tiefgarage stellt, braucht schon keine Vorstellung davon zu haben, wie es im Osten Hamburgs aussieht - warum sollte er sich für den Osten Deutschlands interessieren? Nicht für alle Westdeutschen beschränkte sich die Einheit allerdings auf die freundlich-folgenlose Rezeption pathetischer Fernsehbilder. Manche Leute mussten sich zu der ganzen Angelegenheit in einer Form verhalten und äußern, mit der sie nie gerechnet hätten. Eine SPD-Landtagsabgeordnete in Kiel zum Beispiel. Irgendwann war sie einmal deutschlandpolitische Sprecherin ihrer Fraktion geworden, was vor der Wende nicht viel bedeutete - jedenfalls nicht, dass man für die Wiedervereinigung sein oder die DDR-Opposition unterstützen musste. (Die undogmatische Linke in der Bundesrepublik sprach übrigens stets liebevoll-distanziert von der ,,Zone".) Deutschlandpolitische Verantwortung hieß in diesen Zeiten, zu Sitzungen des Kuratoriums ,,Unteilbares Deutschland" eingeladen zu werden und abzusagen, wenn man Wichtigeres vorhatte. An die Wiedervereinigung glaubte vor allem in den sozialdemokratischen Provinzen niemand. Plötzlich galt es aber, Presseerklärungen zu formulieren, die die aufregenden (und durch keine SPD-Landtagsfraktion mehr aufzuhaltenden) Ereignisse zustimmend kommentierten - aber bitte ohne ,,nationale Besoffenheit". Vor nationalen Emotionen hatte man viel Angst, damals. Diese Befürchtungen haben sich als grundlos herausgestellt: Die Befindlichkeit der Deutschen ist heute geprägt von Gleichgültigkeit, Skepsis oder Ressentiments im Umgang der beiden Teilbevölkerungen miteinander. Einig ist das Land allein in seiner Verunsicherung durch die tatsächlichen oder vermeintlichen Folgen der Globalisierung. Gesamtdeutsch sind die Angst vor Arbeitslosigkeit, der wachsende Flexibilisierungsdruck, der Wunsch nach mehr ,,Gerechtigkeit" - was immer das im Einzelnen heißen mag -, und eine gewisse nölige Politikverdrossenheit. Von Großmannssucht aber keine Spur, wenn man vielleicht einmal von Oskar Lafontaines abgebrochenen Versuchen absieht, die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank zu vereiteln.

II. Abschnitt

Natürlich gab es in den Wochen und Monaten nach der Maueröffnung eine große Aufspielerei von Westlern gegenüber Ostlern; und sowenig sich etwa die SPD, die hier als Beispiel für den eastward-ho!-Aufbruch vieler Institutionen und Individuen dient, sich etwas anderes hatte vorstellen können als die deutsche Zweistaatlichkeit, sowenig zögerten nun einzelne berufene Sozialdemokraten, mit ihren ,,Politikkonzepten" den Osten zu beglücken. Denn dort verstanden die Leute ja rein gar nichts von so wichtigen Fragen wie Ökologie und Feminismus. Wer wollte nicht alles in den Ost-Ländern Ministerpräsident werden, Ministerin oder wenigstens Staatssekretär! Daran hingen wiederum die Lebensplanungen von Mitarbeitern, und so kam es, dass Pressesprecher (West) vor Politikern (Ost, zum Beispiel vor dem heutigen Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern, Harald Ringstorff) auf- und abhüpften und riefen: ,,Ihr seid alle Nullnummern hier!" Das wird den Ost-Genossen (die sich lange lieber ,,Parteifreunde" nennen wollten) gefallen haben. Natürlich kamen nicht nur solche Fälle von Ignoranz und Überheblichkeit vor. Es gab auch echte Neugier auf die Menschen in der Ex-DDR und ein banges Interesse an den Verhältnissen dort: Wie schlimm war der Realsozialismus wirklich gewesen? Viele Sozialdemokraten hatten zudem den aufrichtigen Wunsch, beim Wiederaufbau der SPD zu helfen, die schließlich, mit ihren Mitgliedern und ihren Ideen, in der DDR Opfer der Zwangsvereinigung von 1946 gewesen war. Es schien damals so selbstverständlich, dass die Sozialdemokraten bei den Volkskammer-, bei den Kommunal- und Bundestagswahlen 1990 gut abschneiden würden - wer denn sonst? Die Blockparteien? Die SED-Nachfolger? Die Enttäuschung über die dann folgenden niederschmetternden Wahlergebnisse belastet bis heute das Verhältnis der West- zur Ost-SPD. Da hatte man alles getan, Plakate geklebt, Veranstaltungen und Feten organisiert, und dann zeigten sich die Wähler dort so wenig dankbar. Also mussten wohl doch die Ost-Genossen unfähig sein und die Ost-Wähler unzurechnungsfähig. Nun, sie würden schon sehen. Von wegen blühende Landschaften! Ihre unterschwellige Trotzhaltung gegenüber den neuen Bundesländern hat die West-SPD bis heute nicht überwunden. Vielleicht verstellt ihr das den Blick auf ihren eigenen großen Fehler. Selbstverständlich hätte die Partei damals einen Appell an alle SED-Mitglieder richten müssen: Die Zwangsvereinigung ist aufgehoben, wer sozialdemokratisch denkt und fühlt, soll Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands werden! Die PDS wäre nicht, was sie ist, wenn die SPD sich zu diesem Schritt entschlossen hätte - aber dazu fehlten ihrer Führung offenbar der Mut, der Weitblick, die Großzügigkeit.

III. Abschnitt

Vor dieser Frustationsphase aber reisten alle ständig in die ,,Zone". Es war so spannend dort, wirklich wilder Osten eben: Junge Leute, die in der Bundesrepublik aufgewachsen waren, erlebten unverhofft die Konfrontation mit einer Gesellschaft, die in ihrem politischen Chaos, in all ihren Übergangswirren nicht so ausformuliert, so ganz und gar festgezurrt und fertig war wie der Westen. Es schien so viel möglich am Anfang; jetzt, da drüben ohnehin alles neu geordnet werden müsse, könnte - so glaubte man - sich doch auch die Bundesrepublik ein wenig verändern. Zu Hause besaß die Generation '45 plus die Deutungshoheit über das, was politisch korrekt, richtig, wichtig und erlaubt war - aber zur Einheit hatte sie so gut wie nichts zu sagen gewusst. Vielleicht würden nun alle neu nachdenken, auch über die Frage, ob der Sozialismus, irgendein Sozialismus, noch eine vernünftige Utopie für die Sozialdemokratie sein könne. Doch die Beharrungskräfte waren erstaunlich, und erst heute, nach einem Jahrzehnt der neoliberalen Dauerpropaganda, entsagt auch die SPD gleich ganz und gar jeder Utopie und macht sich vorsichtshalber gar keine Vorstellung mehr davon, wie das gute Leben, das sinnvolle und aufgeklärte Zusammenleben der Menschen aussehen könnte. Die Reisen in den Osten bedienten auch die Sehnsucht nach Abenteuerromantik: Nichts war dort vorhersagbar, schauderhafte Straßen, keine Beleuchtung, keine Hinweisschilder, seltsame Unterkünfte, aber leckere Fischbrötchen und gutes Bier (was brauchte man schließlich mehr?). Oh ja, Wohlstandskinder konnten in der Ex-DDR erfolgreich nach einer Ästhetik des Kargen suchen, nach einer Antwort auf die Frage, wie man wahre Bedürfnisse definiert. Diese Begeisterung ließ zwangsläufig in dem Maße nach, in dem sich die Ästhetik der westlichen Warenwelt - freilich zunächst ohne deren Rafinesse, ohne frischen Parmesankäse und eingetopftes Basilikum - dort in Gestalt von Einkaufszentren, Abholmärkten und riesigen Parkplätzen breit machte. Von diesen Anfängen berichten auch Journalisten-Kollegen mit Begeisterung, die damals schon tief im Berufsleben steckten: Mit leuchtenden Augen erzählen sie, wie sie sich damals, in den ersten Nach-Wende-Wochen, mit ihren tragbaren Telefonapparaten aus den Fenstern des Palasthotels (heute: Radisson Plaza) an der Karl-Liebknecht-Straße in Ost-Berlin hängten und die Neuigkeiten von Wandel und Demokratisierung gen Westen telefonierten. Was für Zeiten!

IV. Abschnitt

Man vergisst sie schnell. In zehn Jahren kann sich viel verändern. Das wird bei der Frage nach der inneren Einheit des Landes zu wenig berücksichtigt: Für alle Beteiligten sind zehn Jahre Deutschland auch und vor allem zehn Jahre eigene Biographie. Jahre, in denen man heiraten und sich scheiden lassen konnte, Kinder bekommen und ein Haus bauen, studieren, eine Ausbildung machen, einen Arbeitsplatz finden oder verlieren, krank und wieder gesund werden, reisen, sich verlieben, seine politischen Überzeugungen ändern. Genug private Angelegenheiten also, auf die die politisch-historischen Ereignisse nur mittelbaren Einfluss haben. Oder andersherum, in den Worten eines Berliner Müllwerkers: ,,Nüscht hat sich geändert, nur det Jesellschaftssystem." Vor zehn Jahren jedenfalls - und allein das erscheint heute unvorstellbar - besaß (außer den Grundstücksmaklern und jener Handvoll wirklich wichtiger Journalisten) noch niemand ein Handy. Man kann sich wundern, wie das Land überhaupt existieren konnte. Inzwischen hat das Fieber der permanenten Erreichbarkeit alle ergriffen: Das ist ein Punkt, an dem sich kein kultureller Unterschied zwischen Ost und West mehr feststellen lässt. Auch darüber hinaus hat man den Eindruck, dass die Alltagsunterschiede zwischen West und Ost schwinden. Die Ex-DDR ist nicht mehr die langsamere Gesellschaft, die sie nach der Wende zu sein schien. Damals trieben die Ostler westliche Journalisten zur Verzweiflung, weil sie einfach keinen Gedanken in einer Minute, 30 Sekunden aufsagen wollten. Ihr Zuhören-Können, ihre Vorsicht in der Wahl von Formulierungen und ihre unverbrauchte Sprache - das unterschied sich vom westlichen Effizienz-Gerede und seiner Oberflächlichkeit. Die Beschaulichkeit ist jedoch vorbei. Heute kann man die neuen Bundesländer geradezu als Avantgarde gesellschaftlicher Trends betrachten, die über kurz oder lang im ganzen Land zu spüren sein werden. Die Ex-DDR ist zu einer Art Labor für eine individualisierte Gesellschaft unter dem Druck der Globalisierung geworden. Im Osten lässt sich beispielsweise wie im Zeitraffer beobachten, auf welche Weise die demographische Entwicklung der Bundesrepublik unsere soziale Umwelt verändern wird. Dass Deutschland bei einem durchschnittlichen Reproduktionsfaktor von 1,3 Kindern auf zwei Erwachsene auf eine Altenrepublik zusteuert - schon heute gibt es bei uns mehr über Sechzig- als unter Zwanzigjährige -, ist theoretisch ohnehin klar. Die Praxis kann man in Eberswalde oder Frankfurt an der Oder studieren. Zwar bekommen die Frauen im Osten inzwischen, nach dem totalen Geburteneinbruch der Jahre 1989 bis 1994, wieder mehr Kinder. Doch die unter Achtjährigen fehlen im Stadtbild, fehlen auf den Straßen und Spielplätzen. Man sieht mancherorts einfach keine Kinder. Dafür gibt es noch einen Grund: Das Outsourcing familiärer Aufgaben ist in der Ex-DDR erheblich weiter fortgeschritten als im Westen. Zwar gilt auch in den alten Bundesländern der gesetzliche Anspruch auf einen Kindergartenplatz, doch die West-Kommunen erfüllen ihn, schon aus finanziellen Gründen, oft nur mit einem Halbtagsangebot. Im Osten hingegen besteht die auf Vollversorgung angelegte Kinderbetreuungs-Infrastruktur weitgehend fort, und das gilt auch für die Hortunterbringung während der Schulzeit. Wer sein Kind hier zu Hause großziehen will, muss mit der Verwunderung von Nachbarn und Kollegen rechnen; dass Frauen willentlich bei ihren Kindern bleiben, obwohl sie Arbeit finden könnten, gilt als merkwürdig. In der Ausschließlichkeit, mit der im Osten familienextern erzogen wurde und weitgehend immer noch wird, ist ein Problem angelegt. Eine Gesellschaft kann die Fähigkeit zur individuellen Erziehung kollektiv verlernen. Dann sind irgendwann an allen Fehlentwicklungen nur die Institutionen oder die ,,Verhältnisse" schuld - es ist bemerkenswert, wie selten in der Debatte um Jugendgewalt von den Familien, von persönlicher, zurechenbarer Verantwortung (oder eben: Verantwortungslosigkeit) der Eltern die Rede ist. Im Osten macht man sich leicht verdächtig, eine der letzten überlebenden DDR-Errungenschaften - nämlich die ausgebaute Betreuungslandschaft - niedermachen zu wollen, wenn man einem Übermaß an Kollektiverziehung skeptisch begegnet. Im Westen gilt man als Frauen-zurück-an-den-Herd-Ideologe, wenn man die kostenneutrale ,,Vereinbarkeit" von Familie und Beruf in Frage stellt. Die Berufstätigkeit beider Eltern (es muss ja gar nicht immer nur von den Frauen die Rede sein) produziert aber soziale Kosten, die vielleicht besser kalkulierbar wären, wenn man sie nicht von vornherein leugnete. Wenn Kinder acht oder zehn Stunden am Tag in großen Gruppen zusammen sind, dann werden sie (in guten Einrichtungen) alle möglichen Anregungen erfahren; aber es fehlt ihnen jene Ruhe, Muße, auch Langeweile, die zur Entwicklung der eigenen Phantasie und Kreativität nötig ist. Es passt zur Handy-Gesellschaft, wie es zum Sozialismus passte, dass selbst kleinen Kindern ein Höchstmaß an Anpassungsfähigkeit abverlangt wird.

V. Abschnitt

Ein avantgardistisches Moment zeigt der Osten auch in seinen anomischen Tendenzen. Der aufflackernde Rechtsextremismus, der seit 1991 immer wieder in Mord und Totschlag an Ausländern gipfelte, bediente sich zwar faschistischer Symbole, trug aber gerade nicht die Züge einer geschlossenen Ideologie. Die Skinhead-Banden, die in Mecklenburg-Vorpommern, in Brandenburg und Sachsen-Anhalt Zeltplätze und Straßen unsicher machten, wirkten eher wie verwahrloste Nachkriegs-Jugendliche; Jugendliche, die so weit gehen, wie sie können - und wer wenig empfindet, kann sehr weit gehen. Dass die Polizei in Brandenburg und Sachsen-Anhalt den Jugendbanden mit sehr viel Aufwand und geschulten Sondereinheiten klare Grenzen setzte, scheint sich ausgezahlt zu haben - im östlichen Straßenbild hat die Glatzenpräsenz nachgelassen. Es wäre allerdings naiv zu glauben, eine Gesellschaft könne die Aufrechterhaltung ihres zivilisatorischen Niveaus dauerhaft an die Polizei delegieren. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Der Osten ist nicht die einzige Region, in der Jugendgewalt vorkommt, und nicht nur hier gibt es verwahrloste Orte; und der Ganztagskindergarten ist nicht schuld an Bluttaten. Eine Häufung von Perspektivlosigkeit, mangelnder Zivilvcourage, Erziehungsunfähigkeit, Formverlust, Fernsehverblödung und Alkohol in Verbindung mit einem bereits durchgesetzten gewalttätigen Verhaltensmuster in der Öffentlichkeit kann überall zum Sprengsatz werden. Im Osten ließ sich jedoch ein paar Jahre lang besonders gut beobachten, wie die Folgen aussehen können. Politischer Extremismus ist nicht wirklich das Problem jener Sorte junger Männer, sondern es ist im Gegenteil ihre totale politische Ahnungslosigkeit und die Unfähigkeit, Konflikte verbal auszutragen. Auf fatale Weise korrespondiert dieses Unbehagen am Argument mit einer im Osten auch unter unauffälligen Erwachsenen anzutreffenden Diskussionsphobie: Das Aushandeln von politischen Kompromissen wird dort - noch stärker als in den entsprechenden Kreisen im Westen - als Gemauschel (,,die da oben"), der offene Streit zwischen den Parteien aber wiederum als unwürdiges Gezänk interpretiert. Die Sehnsucht nach Harmonie, nach naturwüchsigem Konsens an der Spitze, ist groß. Das bekam unter anderem Jörg Schönbohm zu spüren, als er in Brandenburg im Herbst vergangenen Jahres einen recht geradlinigen Landtagswahlkampf führte: Seine moderate, aber deutliche Kritik an der Regierungsführung des alles und alle umarmenden Landesvaters Manfred Stolpe kam im unmittelbaren Kontakt mit der Bevölkerung, in Veranstaltungen nicht gut an, auch wenn die CDU im Ergebnis von der Pleite der SPD profitieren konnte. Politikverdrossenheit gibt es auch im Westen, und Ressentiments gegen ,,die" Parteien und ,,die" Politiker sind in Deutschland immer leicht zu mobilisieren. Einen aufschlussreichen Blick in die Zukunft erlaubt aber wiederum der Osten, denn hier sind die traditionellen Parteibindungen (außer zur PDS), die im Westen jetzt immer lockerer werden, gar nicht erst entstanden. Kein Wunder, dass Ost-Wahlen jedesmal einen Horror für Demoskopen bedeuten: Nach welchen marktmäßigen Kriterien die Wähler kurzfristig entscheiden werden, ist eben schwer vorauszusagen. Auch diese Entwicklung steht dem Westen bevor - wenn die Parteien, zumal die beiden Volksparteien, nicht mit ganz anderem Einsatz um ihre Traditionswähler kämpfen, statt sich geschlossen auf die fiktive ,,neue Mitte" zu stürzen. Nicht allein die Parteibindungen sind im Osten schwächer; auch die Kirchen befinden sich dort schon in einem Zustand, den die West-Kirchen, die evangelische voran, erreichen werden, wenn sie weiter an der eigenen Überflüssigkeit arbeiten. In diesem Zusammenhang überrascht nicht, dass der Wunsch nach ungehindertem Sonntagseinkauf am nachdrücklichsten in Halle, Dessau und Leipzig formuliert wurde - religiös motivierte Skrupel standen dort kaum im Weg. Gleichzeitig hat das Bedürfnis nach freiem Konsum im Osten immer noch eine gewisse historische Rechtfertigung, die die Westdeutschen - auch sie ziehen am Wochenende mit wachsender Begeisterung durch Möbelgeschäfte und Autohäuser - nicht geltend machen können.

VI. Abschnitt

Auf jeden Fall ist die Vorstellung von der Ökonomisierung aller Lebensbereiche, zumal vom Einkaufserlebnis als einzigem Erlebnis (das nur noch mit dem Fernsehen konkurriert), eine deprimierende Vision für das ganze Land, und es ist erstaunlich, dass linke Kritik an dieser kulturellen Entwicklung ausbleibt. Im Gegenteil: Wer sich gegen die Einkaufsfreiheit, gegen die Fernsehfreiheit wendet, mag noch so sehr beteuern, dass es ihm um Aufklärung zu tun ist - er wird des (latent undemokratischen) Kulturpessimismus bezichtigt. Westdeutsche Linksliberale argumentieren mit dem Recht zur individuellen Entfaltung in der Freizeit: Jeder müsse doch schließlich selbst wissen, was gut für ihn sei. Dieses Argument lebt von der Annahme, alle Leute seien gleichermaßen in der Lage, das Für und Wider verführerischer Konsumangebote für sich persönlich abzuwägen. Wenn das so wäre, bräuchte man sich praktischerweise um soziale Gerechtigkeit, um Chancengleichheit und Umverteilung von links wegen keine Sorgen mehr zu machen. Die liberalistische Haltung in Fragen der Gesellschaftspolitik - Fernsehen und Einkaufen sind nur zwei Beispiele für die Themen, um die es dabei gehen kann - passt gut mit der Weltanschauung zusammen, die unter dem Schlagwort ,,Neoliberalismus" in den vergangenen zehn Jahren einen so unglaublichen Erfolg gehabt hat. Im Grunde besagt sie nichts anderes, als dass der Ökonomie in jeder Frage des menschlichen Zusammenlebens Vorrang gebühre, da die Wirtschaft das wichtigste gesellschaftliche Gut, nämlich Arbeitsplätze, zur Verfügung stelle. Seit die Globalisierung von einem geheimnisvollen Fachbegriff zu etwas geworden ist, worüber man sich beim Bäcker unterhält, haben alle wirtschaftlichen Argumente einen quasi-naturgesetzlichen Charakter entwickelt. Es ist kein Verlust, dass die sozialdemokratische Linke dieser Entwicklung nicht länger mit einer sozialistischen Utopie zu begegnen versucht. Es ist aber sehr wohl ein Problem, dass sie über die Beerdigung des sozialistischen Gegenentwurfs niemals offensiv diskutiert hat - nur anhand einer solchen Debatte hätten sich Kriterien entwickeln lassen: nicht für eine neue Utopie im Sinne eines Gesellschaftsentwurfs, der mit Gewalt durchgesetzt werden müsste, aber doch für ein Bild von der Gesellschaft, das ein wenig über das rein Ökonomische hinausweist. Diese Debatte hat die Linke, hat die SPD versäumt; und nun sind es häufig gerade die extremsten ihrer früheren Vertreter, die besonders energisch aus dem gegenwärtigen Sein der Gesellschaft auf ein Sollen schließen: Wenn sich alles fragmentiert, wenn die Milieus sich auflösen, wenn die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes die Menschen zu den irrwitzigsten Flexibilisierungsleistungen zwingt, dann muss all dies wohl sein. Man solle diese Entwicklung, sagen die Zweckoptimisten, nicht miesepetrig und mit Sorge betrachten, sondern sie begrüßen; ,,Modernisierung" lautet das Zauberwort, und es bedeutet, dass wir uns alle wohlfühlen sollen in einer Welt der Anlageberater und Consultants, der kurzfristigen Jobs und peripheren Dienstleistungen; dass Rhetorik-Kurs und Internet (also Mittel) wichtiger seien als Cicero, Platon und Shakespeare (oder jede andere Form von Inhalt). In der Ex-DDR entspringt die allgegenwärtige Modernisierungsrhetorik natürlich auch dem schlichten Wunsch, nicht länger als Relikt sozialistischer Misswirtschaft zu gelten. Aber wenn der Rektor einer brandenburgischen Fachhochschule ernsthaft vorrechnet, der Ingenieurstudiengang an seiner Einrichtung koste nur halb so viel wie ein Regisseurstudium an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg, dann weht doch ein unangenehm kalter Hauch durch den Saal. Das ist eben nicht nur ein begrüßenswerter Beitrag zur Hochschulreformdebatte, sondern beschwört auch das wenig erbauliche Bild von einem Land, in dem die Menschen ihren Beruf nur noch nach Marktkriterien wählen. Gewiss: Allzu lange haben vor allem die Geisteswissenschaftler im Westen genau dies unterlassen. Aber eine Gesellschaft, die nur noch Ingenieure ausbildet, weil nur Ingenieure sich ,,rechnen", wird eine armselige sein. Modernisierungswahn, Konsumterror, Politikverdrossenheit, schwindendes Interesse der Erwachsenen an Kindern; ein sinkendes Bildungsniveau, ein weiterer Einflussgewinn des Fernsehens auf das Leben von Jugendlichen, immer weniger echte Erlebnisse und immer mehr künstliche Erlebniswelten, immer weniger (gelesene) Bücher und immer mehr Nintendo, immer mehr Tiefkühlgerichte und immer weniger frisches Gemüse, Internet statt Caféhaus, Ingenieur statt Regisseur, ,,Netzwerk" statt Nachbarschaft, und immer, immer, immer weniger Zeit füreinander - all das sind Zeichen und Symptome für problematische Entwicklungen in einer modernen Gesellschaft, die die zielgerichteten Unterdrückungsmechanismen eines Orwell-Staates zur Herstellung von Unfreiheit nicht braucht. Dort herrschen die grauen Herren, die Zeitdiebe, die Michael Ende in seinem wunderbaren Kinderroman Momo so unheimlich beschworen hat. Die Menschen liefern sich ihnen freiwillig aus; und Kälte ergreift alle, die sich ihnen unterwerfen: ,,Niemand schien zu merken, dass er, indem er Zeit sparte, in Wirklichkeit etwas ganz anderes sparte. Keiner wollte wahrhaben, dass sein Leben immer ärmer, immer gleichförmiger und immer kälter wurde. Deutlich zu fühlen jedoch bekamen es die Kinder, denn auch für sie hatte nun niemand mehr Zeit. Aber Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen. Und je mehr die Menschen daran sparten, desto weniger hatten sie." Alle entwickelten Gesellschaften haben ihre eigenen grauen Herren, sie sind kein exklusives Problem Deutschlands. Ein großer Trost ist das nicht. Aber: Die Deutschen haben wie kaum jemand sonst die Chance bekommen, sich noch einmal gründlich darüber zu verständigen, wie sie leben wollen. Die große Chance, der große Anlass zum Nachdenken kam vor zehn Jahren in Gestalt der deutschen Einheit; den kleinen Anlass, der vielleicht zusätzlich nötig ist, um ernsthaft ins Gespräch zu kommen, gab es im vergangenen Jahr. Ins Jahr 2000 geht die Bundesrepublik mit einer neuen Hauptstadt, einer immer noch ziemlich neuen Regierung, einer neuen politischen Führungsgeneration und einer - wenn auch zaghaften - neuen Politik. Die Berliner Republik muss nicht besser werden als ihre Vorgängerin, aber sie könnte es: Weil sie einen radikalen Perspektivenwechsel eröffnet. Der mag den Blick auf Herausforderungen freigeben, die man von Bonn aus nicht sehen konnte oder wollte, um deren Bewältigung sich aber - gesamtdeutsch - zu kämpfen lohnt.

Dr. phil., geb. 1967, seit 1997 Redakteurin im Ressort Politik bei der ZEIT.

Veröffentlichungen zu Fragen der Jugend- und Familienpolitik sowie zur Sozialdemokratie in Deutschland.