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26.5.2002 | Von:
Regina General

Von Häusern und Utopien

Regina General, Redakteurin der Wochenzeitung "Sonntag", berichtet über ihren Arbeitsalltag mit unüberwindbaren Vorschriften und Reglementierungen. Denn: In der DDR existierte keine Pressefreiheit.

I. Abschnitt

So war das auch in diesem bedrückenden Frühjahr, diesem bedrückenden Sommer des Jahres 1989, in dem scheinbar alles lief, wie in den Jahren zuvor: Januar, die Luxemburg/Liebknecht-Demo; der Eklat ganz am Ende, Verhaftungen von Bürgerrechtlern, die meisten Demonstranten hatten nichts gemerkt. Wahlen, die üblichen Prozente, höchstens in den Zehnteln anders. Fälschungen. Sie veränderten nichts. Wer fälschte wozu? Krenz beteuert, er wusste von nichts, aber was heißt das konkret? Dass die kleinen Leute die Diktatur des Proletariats allein durchsetzten, quasi im Selbstlauf? Wohl kaum. Gorbatschows Europäisches Haus faszinierte, vielleicht gerade deshalb, weil Glasnost und Perestroika um die DDR einen Bogen zu machen schienen.


Der beängstigende Abwärtstrend war von jedem zu spüren, die Aushöhlung der Ideale beschleunigte sich; allerdings umweht von einem bislang unbekannt-frischen Lüftchen, das aus unterschiedlichen Richtungen kam: aus der Bürgerrechtsecke, von den östlichen Nachbarn, aus den Grüppchen und Gruppen, die sich Umweltschützer, Freunde des Sputnik oder sonst wie nannten, aus den Kirchen. Die Dummheit einer bornierten Führung setzte weiter auf Verbieten, Reglementieren, Erziehen, Ausweisen und sogar Verhaften. Aber, anders als früher, schreckte das nicht mehr dauerhaft ab. Ein Widerschein üblicher Reglementierungen traf auch die von uns redigierte Wochenzeitung Sonntag. Fettnäpfchen waren üppig aufgestellt, in sie zu treten kaum noch vermeidbar. Ein Wort wie Gemüse war tabu, es gab keines. Pferde und Hühner durften nicht genannt werden, sie fressen Korn, das für die Ernährung der Menschen gebraucht wird; die Mangelwirtschaft verlangte eine verkürzte Sprache. Umweltschutz sollte in der Zeitung am besten gar nicht vorkommen, er kostet. Wenn aber doch darüber geschrieben wurde, dann nicht über die eigenen Sünden . . .

Ein eher unspektakulär daherkommender Artikel beschreibt, was sowieso jeder sieht: Die Verschmutzung der Elbe hausgemacht, nicht nur durch die tschechische Grenzregion. Er weckt parteioffiziellen Argwohn. Das ZK begutachtet und konstatiert, "diese Zeitung gefällt sich als bürgerliches Boulevardblatt". Das übliche ,,Beratungs"modell direkt durch die "Abteilung" (im Zentralkomitee) wird verordnet. Ein Jahr zuvor hätte das Panik ausgelöst, jetzt nimmt die Redaktion es stoisch zur Kenntnis. Der Beschluss dämmert den Sommer über vor sich hin. Was ist ,,bürgerlich", was soll ,,Boulevard" heißen? Keiner der ,,Ausleser" ruft an, seltener als sonst melden sich die mit der Anleitung der Zeitung beauftragten ,,Genossen". Man hat dort längst andere Probleme. Das Blatt druckt brav die vorbereiteten Artikel zum vierzigsten Jahrestag der DDR. Und leistet sich im besten Falle ein bisschen Nachdenklichkeit. In der Rückschau ist es unnötige Vorsicht. Schulferien. Die eigenen Kinder sind in dem Alter, in dem sie das Zelt nehmen, gen Osten fahren und die Welt erkunden.

Die Botschaftsbesetzungen entwickeln einen Sog, wie er nur aus der Zeit vor dem Mauerbau bekannt ist. Angst, sie könnten ihm erliegen, kriecht über die Schulterblätter in den Kopf, überschwemmt die anerzogene Disziplin. Laut Honecker weinen wir denen keine Träne nach. Aber es sind unsere Kinder, sie sind unsere Liebe, unsere Hoffnung; wer, wenn nicht sie, verdient unsere Tränen? Das Volk, auch das Parteivolk, ist entsetzt, murrt. Unter dem Schweigen der Regierenden wird die Unzufriedenheit unüberhörbar. Leipzig trägt sie von den Kirchen auf die Straße, und von dort fließt sie zurück in die Betriebe, Büros, Theater, Redaktionen, auch in Berlin, auch zu uns. Viele denken jetzt öffentlich. Bühnen werden zu Podien, die Theater sind voll wie nie. In der SED kippt die Vortrags,,kultur" allmählich in Debatten,,kultur" um, noch vorsichtig melden sich Leute zu Wort, die Sätze sagen wie: ,,Gegen die Sowjetunion wird es keine DDR geben." ,,Was, wenn wir schuldig werden, wie bis 1945 die Eltern?" und ,,Nach dem 40. Jahrestag wird alles zu spät sein". Die offizielle DDR will das nicht hören. Umso größer die Lust an der Diskussion, den Auseinandersetzungen; die Hoffnung keimt, die starre Oberfläche sei dabei, aufzubrechen . . .

Vor dem Gründungstag der DDR die üblichen Betriebsfeiern. Jeder von uns hat x-mal vom Ende dieses Staates gehört, 1953, 1960, 1968. Aber er lebt, noch. Er wird auch diesmal überleben, denken wir, verändert, demokratisch verändert, das ist der Traum - soziale Gerechtigkeit wird es geben, Chancengleichheit, nicht antikommunistisch soll das Land sein, überhaupt nicht, aber ohne Diktatur einer Parteiführung, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt. Dieser zähe Klotz DDR bäumt sich Ende Oktober noch einmal auf, die Prämien fließen, als sollten sie den aufgestauten Unmut wegspülen. Wir schämen uns ein bisschen, als wir das Geld einstecken, und tragen es in die Niquet-Klause, eine Kneipe, die in unmittelbarer Nähe der Hausvogtei den Krieg überstand, dann weichen musste und ein paar Kilometer weiter wieder auferstand. Wir spülen den Frust herunter, über uns selber, über das Hin- und Hergerissensein zwischen Aufbruch und Lähmung, Verbundenheit und Kritik gegenüber einem Land, das mit den Idealen und Hoffnungen der Nachkriegsgeneration gewachsen war und nun an seinem eigenen Starrsinn zugrunde ging.