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26.5.2002 | Von:
Susanne Gaschke

Neues Deutschland

Wo waren Sie, als die Mauer fiel? Nahezu jede Tageszeitung, jeder Rundfunksender wartete mit Zeitzeugenbefragungen auf, als sich im November 1999 die deutsche Einheit zum zehnten Mal jährte.

I. Abschnitt

Wo waren Sie, als die Mauer fiel? Nahezu jede Tageszeitung, jeder Rundfunksender wartete mit Zeitzeugenbefragungen auf, als sich im November 1999 die deutsche Einheit zum zehnten Mal jährte. Es gibt Momente, die sich tief in das kollektive Gedächtnis selbst so moderner, fragmentierter Gesellschaften, wie wir eine sind, eingraben: Wenigstens im Nachhinein möchte jeder sich vergewissern, dass er sie erlebt hat. So berichten Amerikaner einander, wie sie vom Attentat auf Kennedy, und Beatles-Anhänger, wie sie vom Tode John Lennons erfuhren. Die deutschen Zeitungsleser, Rundfunkhörer und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens erzählten sich zum Einheits-Jubiläum ihre Wende-Erlebnisse: Wie sie weinen mussten, als plötzlich Trabbis auf der Autobahn nach Bremen auftauchten; wie sie hastig zu den Grenzübergängen aufbrachen, um das Wunder mit eigenen Augen zu sehen. Am häufigsten aber: wie ein Freund, eine Freundin, ein Kollege angerufen und gesagt habe: ,,Mach' den Fernseher an, die Mauer ist auf." Mach' den Fernseher an: Für viele West-Zuschauer war das Ende der DDR vor allem ein Fernsehereignis, ein Historienspektakel mit tausenden von Statisten, die Transparente schwenkten und auf der Mauer tanzten.


Die Bilder von den Flüchtlingen in der bundesrepublikanischen Botschaft in Ungarn, von den Massen, die am 9. November die DDR-Grenze überrannten, von Walter Momper (,,Berlin, nun freue dich"), von Helmut Kohl (Nationalhymne) und Willy Brandt (,,Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört") vor dem Schöneberger Rathaus sind unauslöschlich - die Erinnerung an sie wird bleiben wie die an die Bilder von der ersten Mondlandung. Starke Filme, beide. Wie weit allerdings die Westdeutschen ihr Leben durch einen Film verändert sehen wollten, war eine andere Frage; nur eine Minderheit spürte das Bedürfnis, die Ost-Darsteller nach der Premiere näher kennen zu lernen. Man kann in Hannover, München oder Düsseldorf wunderbar leben, ohne die Wiedervereinigung - außer auf dem monatlichen Gehaltszettel - im Alltag zur Kenntnis zu nehmen. Wer aus Hamburg-Eppendorf mit dem BMW zur Arbeit in die Innenstadt fährt und sein Auto dort in die Tiefgarage stellt, braucht schon keine Vorstellung davon zu haben, wie es im Osten Hamburgs aussieht - warum sollte er sich für den Osten Deutschlands interessieren? Nicht für alle Westdeutschen beschränkte sich die Einheit allerdings auf die freundlich-folgenlose Rezeption pathetischer Fernsehbilder. Manche Leute mussten sich zu der ganzen Angelegenheit in einer Form verhalten und äußern, mit der sie nie gerechnet hätten. Eine SPD-Landtagsabgeordnete in Kiel zum Beispiel. Irgendwann war sie einmal deutschlandpolitische Sprecherin ihrer Fraktion geworden, was vor der Wende nicht viel bedeutete - jedenfalls nicht, dass man für die Wiedervereinigung sein oder die DDR-Opposition unterstützen musste. (Die undogmatische Linke in der Bundesrepublik sprach übrigens stets liebevoll-distanziert von der ,,Zone".) Deutschlandpolitische Verantwortung hieß in diesen Zeiten, zu Sitzungen des Kuratoriums ,,Unteilbares Deutschland" eingeladen zu werden und abzusagen, wenn man Wichtigeres vorhatte. An die Wiedervereinigung glaubte vor allem in den sozialdemokratischen Provinzen niemand. Plötzlich galt es aber, Presseerklärungen zu formulieren, die die aufregenden (und durch keine SPD-Landtagsfraktion mehr aufzuhaltenden) Ereignisse zustimmend kommentierten - aber bitte ohne ,,nationale Besoffenheit". Vor nationalen Emotionen hatte man viel Angst, damals. Diese Befürchtungen haben sich als grundlos herausgestellt: Die Befindlichkeit der Deutschen ist heute geprägt von Gleichgültigkeit, Skepsis oder Ressentiments im Umgang der beiden Teilbevölkerungen miteinander. Einig ist das Land allein in seiner Verunsicherung durch die tatsächlichen oder vermeintlichen Folgen der Globalisierung. Gesamtdeutsch sind die Angst vor Arbeitslosigkeit, der wachsende Flexibilisierungsdruck, der Wunsch nach mehr ,,Gerechtigkeit" - was immer das im Einzelnen heißen mag -, und eine gewisse nölige Politikverdrossenheit. Von Großmannssucht aber keine Spur, wenn man vielleicht einmal von Oskar Lafontaines abgebrochenen Versuchen absieht, die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank zu vereiteln.