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26.5.2002 | Von:
Jens Reich

Zehn Jahre deutsche Einheit

Ein sehr persönlicher und vor allem ehrlicher Einblick von Jens Reich. An eine Wiedervereinigung, so der spätere Volkskammer-Abgeordnete, habe er noch im Herbst 1989 niemals geglaubt.

I. Abschnitt

Ich gehöre zu denen, die im Herbst 1989 in der DDR voller Hoffnung und Erwartungen bei der Reformbewegung mittaten und dabei keinen Moment lang ernsthaft an die Möglichkeit der deutschen Wiedervereinigung zu diesem Zeitpunkt glaubten.


Ich bin in Deutschland geboren (in Göttingen), bin in meinen ersten Lebensjahren in dieses Land, diese Sprache, in diese Kultur ,,hineinsozialisiert" worden, kam 1945 mit meinen Eltern in den Teil, der erst von den Amerikanern besetzt und später gemäß dem Jalta-Potsdam-Abkommen den sowjetischen Truppen übergeben wurde. Wir wurden ungefragt ,,Ostzone", dann ungefragt DDR, und ich wurde in meinen Jugendjahren ohne allzu ausdrückliche Belehrung dahin geprägt, dass die deutsche Spaltung nach dem Krieg und allen Verbrechen und Grausamkeiten unvermeidbare Strafe war und wir uns damit abzufinden hätten.

Wann immer sich Protest gegen die Einverleibung Mittel- und Osteuropas in das sowjetische System regte - am 17. Juni 1953, den ich bewusst miterlebte, im Budapester Oktober von 1956, im Prager Frühling von 1968, im blutigen Danziger Winter von 1970, im aufregenden polnischen Solidarnos-Jahr von 1981 -, stets wurden die verschiedenen Ansätze zu Reformen und zu einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz niedergewalzt. Unsere größte Sorge im Herbst 1989 war daher - mit dem Pekinger Tienanmin-Massaker vom Juni jenes Jahres als unmittelbarem Anschauungsunterricht -, dass die Machthaber wiederum zuschlagen könnten und alles in Gewalt ersticken würden. Jeder Versuch, aus dem Warschauer Pakt auszubrechen, war bislang der Casus belli für die Sowjetarmee gewesen; es war unvorstellbar, dass die Sowjetunion nicht auf dem Status quo der weltpolitischen Vertragsordnung bestehen und dass der Westen sich dem nicht fügen würde. Bei allen Fast-Zusammenstößen zwischen NATO und Warschauer Pakt - am ausdrücklichsten beim Bau der Berliner Mauer 1961 und bei der Kubakrise von 1962 - hatten die Supermächte darauf geachtet, die gegenseitigen Einflusssphären nicht zu verletzen; angesichts des Vernichtungspotenzials war das ja auch rational begründete Politik.

Mit der deutschen Vereinigung, so glaubten wir, könne man vielleicht nach weiteren Jahrzehnten rechnen, wenn alles friedlich bliebe und die Reformbewegung im Ostblock vorsichtig und diplomatisch weiterentwickelt würde. Die politischen Kompromisse zwischen Herrschenden und Beherrschten, die bis 1989 in Polen und in Ungarn gefunden wurden, waren das Modell für diese Entwicklungsrichtung. Der vorsichtige, strikt gewaltfreie und sich jeder Provokation der ,,Machtfrage" enthaltende Kurs der Bürgerbewegung wurde mit erstaunlicher Disziplin vom demonstrierend auf seine Rechte pochenden Volk eingehalten. Wenn irgendwann in der Geschichte eine der Obrigkeit überdrüssige Bevölkerung sich strategisch geschickt und taktisch diplomatisch verhalten hat, dann in diesem merkwürdigen Herbst 1989. Und diese Aussage gilt für die DDR ebenso wie für die CSSR, Polen, Ungarn und sogar für die Sowjetunion - bei ihr bis zu den blutig bekämpften Unruhen im Baltikum und Transkaukasien, die das Ende der Gorbatschow-Zeit ankündigten und jedem klarmachten, dass das ,,Fenster der Gelegenheit" für fundamentale Veränderungen nur kurze Zeit offen war.

Mein Urteil über die Wiedervereinigung Deutschlands lautet: Sie war eine historische Notwendigkeit, aber 1989 kam sie ,,vorzeitig" - bei evolutionärem Verlauf wäre sie erst viel später, mit dem sozusagen ,,natürlichen" Ende des Sozialismus zustande gekommen. Wer eine Zeitschätzung für diesen hypothetischen ,,normalen" Verlauf vornehmen möchte, der sollte die Entwicklung in den verbliebenen sozialistischen Staaten China, Kuba, Nord-Korea beobachten. Dort stellte sich die besondere europäische Konstellation nicht ein, die das Fenster der Gelegenheit für kurze Zeit öffnete. Auch dort wird es mit dem sozialistischen System zu Ende gehen, aber wann? Das Beispiel Chinas zeigt, dass eine militärgestützte autoritäre Diktatur die Agonie des Sozialismus durchaus verlängern kann, und wenn es in der Sowjetunion dazu gekommen wäre, dann stünde vermutlich die Mauer immer noch. Der Westen hätte Reagans ,,Tear down the wall" als Forderung aufrechterhalten, auf Einführung von Menschen- und Bürgerrechten drängen sowie Wirtschaftsabkommen davon abhängig machen müssen, aber das hieße, geduldig dicke Bretter bohren - und wäre sicherlich kein schneller Triumph gewesen, wie er Helmut Kohl 1990 zufiel.