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26.5.2002 | Von:
Wolfgang Bergsdorf

Deutschland an der Jahrtausendwende

Erfahrungen und Herausforderungen

III. Abschnitt

Wenn die Deutschen am 3. Oktober 2000 den zehnten Jahrestag der Wiedervereinigung feiern, haben sie allen Grund zur Dankbarkeit und zum Stolz auf das gemeinsam Erreichte. Denn auch diese zehn Jahre sind eine Erfolgsgeschichte, die man vor allem im Ausland zu würdigen weiß. Der ,,alten" Bundesrepublik ist es in den fünfziger und sechziger Jahren gelungen, mehr als 13 Millionen Vertriebene und Flüchtlinge sowie über drei Millionen Übersiedler aus der DDR zu integrieren. Auch hier ist es merkwürdig, dass diese weltweit einmalige gesellschaftliche und politische Integrationsleistung kaum mehr Beachtung findet. In den letzten zehn Jahren ist es dem vereinten Deutschland mit einer ungeheuren Kraftanstrengung gelungen, die Infrastruktur im Osten des Landes zu modernisieren, die materiellen Lebensverhältnisse weitgehend an das im Westen Deutschlands erreichte Niveau anzupassen und demokratische politische Strukturen aufzubauen. Diesen ,,Aufbau Ost" haben die Bürger und Bürgerinnen in West- und Ostdeutschland mit bisher insgesamt 1,4 Billionen DM unterstützt, wobei die Investitionen der Industrie noch nicht eingerechnet sind. Das ist eine enorme Leistung der nationalen Solidarität, auch wenn sie in unseren Medien kontinuierlich geschmäht wird. ,,Blühende Landschaften" sind in und um Leipzig, Erfurt, Dresden und anderswo für jeden zu besichtigen, der sie wirklich sehen will. Dass die Bevölkerung dies spürt, lässt sich nicht nur an Wahlergebnissen ablesen, sondern zeigt sich auch in demoskopischen Erhebungen. Das Institut für Demoskopie Allensbach stellt immer wieder die gleiche Frage: ,,Ist die deutsche Wiedervereinigung eher Anlaß zur Freude oder zur Sorge?" In den letzten Jahren bewegt sich die ,,Freude" in der ,,alten" Bundesrepublik langsam, aber stetig nach oben. Knapp die Hälfte aller Befragten empfinden hierüber ,,Freude", während die ,,Sorge" nur noch von einem Viertel der Bevölkerung geteilt wird. In den neuen Ländern ist die ,,Freude" in den letzten vier Jahren niemals unter 50 Prozent gefallen und hat sich 1999 auf 63 Prozent eingependelt. ,,Sorge" empfinden dort weniger als 20 Prozent. Immer wieder wird die These kolportiert, dass sich die Deutschen in Ost und West mit wachsendem Unverständnis gegenüberstünden. Die Mauer in Berlin sei gefallen, die Mauer in den Köpfen wachse. Diese Behauptung wird vor allem in den Feuilletons reproduziert. Aber die mentalen Realitäten werden mit dieser These nicht gespiegelt. Natürlich gibt es - das ist ein Befund der Demoskopie - in Ostdeutschland mehr Menschen, die sich im Zweifel für die Gleichheit als höchsten Wert entscheiden, während die Mitbürger im Westen Deutschlands seit langem der Freiheit oberste Priorität einräumen. Die damit verbundene Problematik soll nicht bestritten werden. Eine vier Jahrzehnte währende Sozialisation unter kommunistischer Indoktrination und Desinformation hat Langzeitwirkungen. Damit sind nicht in erster Linie jene gemeint, die das SED-Regime unterstützten, sondern die Mehrzahl der Ostdeutschen, die sich irgendwie mit ihm arrangierten, aber auch die, die ihm grundsätzlich kritisch gegenüberstanden. Sie alle genossen eine Sozialisation, in der ,,Geld und Karriere keine Rolle spielten" (Matthias Platzeck). Das gilt zumal für die Journalisten. Die Mehrzahl der in Ostdeutschland tätigen Journalisten war in ihrem Beruf auch schon vor zehn Jahren tätig. Der politische Paradigmenwechsel 1989/90 hat die Zeitungen privatisiert und neue Rundfunk- und Fernsehanbieter auf den Plan gebracht, aber die Journalisten haben das (menschlich verständliche) Bedürfnis, wenigstens einen Teil ihrer Sozialisation in die neuen Verhältnisse hinüberzuretten. Auch davon profitiert die PDS. Es ist nachvollziehbar, dass die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der sich unsere Welt verändert und die seit 1990 noch an Rasanz dazu gewonnen hat, Unsicherheiten auslöst. Die Globalisierung des Marktes beunruhigt, aber auch die Veränderungen des Arbeitsmarktes und der Lebensstile. Hier sei nur an den bedenkenswerten Sachverhalt erinnert, dass in unseren Großstädten mittlerweile die Hälfte der Menschen in Einpersonenhaushalten leben. Natürlich sind die neuen Länder von dieser Veränderungsgeschwindigkeit noch viel stärker betroffen als der Westen Deutschlands. Im Westen beschleunigt sich die Geschwindigkeit kontinuierlich in eine Richtung, in Ostdeutschland kam es zunächst zum Zusammenbruch aller gewohnten Strukturen, bevor die neuen entstanden und die Fähigkeit der Bürger umzulernen auf das Äußerste herausforderten. Angesichts dieser großen Orientierungsprobleme ist es ein gutes Zeichen, dass bei keiner Bevölkerungsgruppe mehr Zukunftsoptimismus vorhanden ist als bei der jungen Generation in Ostdeutschland, also den 18- bis 19-Jährigen. Es ist eine der - nachvollziehbaren - Auffälligkeiten der demoskopischen Analyse, dass sich jüngere und ältere Generationen in der Grundstimmung des Optimismus unterscheiden. Je jünger jemand ist, desto optimistischer ist er; je älter, desto pessimistischer - dies lässt sich sehr grob, aber nicht ganz falsch feststellen. Die junge Generation ist immer das wichtigste Innovationspotential, wichtiger als alle materiellen Ressourcen. Niemand kann so viel zur Veränderung und Neugestaltung beitragen wie die jeweils junge Generation. Ebenso hat sich in den Universitäten auch im Westen das Klima in den letzten zehn Jahren völlig verändert. Die Suche nach sozialistischer Ideologie hat Pragmatismus und Neugier Platz gemacht, die ,,antifaschistische" Leistungsverweigerung dem Leistungswunsch. Diese akademische Jugend fürchtet sich nicht vor dem, was das Stichwort ,,Globalisierung" ausstrahlt. Sie hat weder Angst vor der Europäischen Integration noch vor dem Euro. Für sie ist Europa längst Bestandteil ihrer eigenen Lebenswirklichkeit geworden. Sie begreift, dass sich der Wohlstand unserer exportorientierten Wirtschaft in erster Linie der internationalen Arbeitsteilung verdankt, zugleich aber der eigenen Leistungsfähigkeit.