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26.5.2002 | Von:
Wolfgang Bergsdorf

Deutschland an der Jahrtausendwende

Erfahrungen und Herausforderungen

IV. Abschnitt

Als Mitherausgeber der Wochenzeitung ,,Rheinischer Merkur" gilt im Hinblick auf diese notwendige Innovations- und Leistungsfähigkeit meine Aufmerksamkeit besonders den Themen Medien und Bildung. An der Jahrtausendwende befinden sich Deutschland und seine Nachbarn auf dem Weg in die Wissensgesellschaft, für die das Internet der vielleicht interessanteste Indikator ist. Wir wissen heute über die Welt bei weitem mehr als noch vor wenigen Jahrzehnten. Wissenschaft und Technik haben für eine Explosion des Wissens gesorgt; ein Ende dieses Prozesses deutet sich in keiner Weise an. Neun von zehn Wissenschaftlern, die jemals gelebt haben, sind unsere Zeitgenossen. Die Allgegenwart der Massenmedien ist der Grund dafür, dass sie in der heraufkommenden Wissensgesellschaft mehr noch als zuvor als ihr zentrales Nervensystem Geltung beanspruchen können. Die'explosionsartige Vervielfältigung der technisch erreichbaren Informationsmöglichkeiten verlangt vom Mediennutzer ein viel größeres Maß an souveräner Entscheidungskompetenz. Aufklärung heute kann deshalb verstanden werden als eine Befreiung von der Gefahr neuer Unmündigkeit durch fremdbestimmte Kommunikation. Die Transparenz des Mediensystems und seine Inpflichtnahme durch ethische Mindestnormen ist deshalb die erste Forderung an die Medienproduzenten. In der Informationsgesellschaft haben sich alle der Herausforderung zu stellen, aus der Sturmflut von Informationen jene herauszufiltern, die relevant sind für die eigene Lebensführung, für das wirtschaftliche Handeln, für die politische Willensbildung, für die kulturelle Orientierung. Das ,,Neue" der Wissensgesellschaft besteht nicht in einer grundsätzlich veränderten Qualität, sondern in einer veränderten Quantität der Informationsdichte, die der Einzelne zu bewältigen hat. Eine qualitative Veränderung allerdings ist in der Re-Individualisierung der Massenmedien zu sehen. Die technischen Möglichkeiten der Datenkompression, der Digitalisierung und des interaktiven Zugriffs ermöglichen dem Nutzer der Multimedia-Angebote eine enorme Steigerung seiner Souveränität als Konsument. Jeder wird künftig sich seine Informationen, seine Bildungs- und Unterhaltungsprogramme nach seinen speziellen Bedürfnissen und Interessen zusammenstellen können. Zunächst wird Multimedia eine Theorie bestätigen, die wir aus der Kommunikationswissenschaft kennen: die Wissenskluft-Theorie. Sie besagt, dass Fernsehen die Klugen klüger macht und die Dummen dümmer. Diejenigen, die über eine aktive Intelligenz verfügen, werden die neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten nutzen, um ihren Wissensvorsprung auszubauen. Wer sich eher passiv den neuen Medien zuwendet, wird nicht mehr von mehr wissen, sondern nur mehr desselben. Diese Wissenskluft wird auf absehbare Zeit nicht nur eine Kluft zwischen Intelligenten und weniger Intelligenten, aktiven und eher passiven Nutzern, sondern auch eine Kluft zwischen Jüngeren und Älteren sein. Deshalb ist auf den Erwerb von Kompetenz im Umgang mit dem multimedialen Angebot besondere Aufmerksamkeit zu lenken. Dazu gehört aber auch, das Fundament unseres kulturellen Erbes zu bewahren, und das ist die Schriftlichkeit. Kultur lebt von der Schriftlichkeit. ,,Man muss lesen, Celeste" hat Marcel Proust seine Haushälterin immer wieder ermahnt. Durch Lesen können Menschen sich selbst begegnen, sich ihrer selbst vergewissern, Selbstvertrauen und Vertrauen zu anderen entwickeln. Um auf die Informationsvermittlung zwischen Ost und West zurückzukommen: Nicht nur im Osten gab es ein ,,Tal der Ahnungslosen". Wie es sich nach der ,,Wende" zur befremdlichen Überraschung von nicht wenigen herausstellte, gab es diese Unkenntnis aufgrund jahrzehntelanger Schönrednerei des SED-Regimes sowie der Zustände in der DDR auch im Westen. Das scheint sich fortzusetzen - nunmehr in umgekehrter Weise, indem die großen Aufbauleistungen im Osten unseres Landes kontinuierlich schlechtgeredet werden.