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24.11.2017 | Von:
Dieter Schott

Kleine Geschichte der europäischen Stadt

Dominanz der Hauptstädte

Im Laufe des 17. Jahrhunderts schoben sich die Hauptstädte der beiden mächtigsten Nationalstaaten, London und Paris, an die Spitze der europäischen Städtehierarchie. Um 1700 lebten 500000 Menschen, über 11 Prozent der englischen Bevölkerung, in London, um 1550 waren es erst 2,5 Prozent gewesen.[17] Bis 1800 war London durchgehend mindestens zehnmal so groß wie die nächstkleinere englische Stadt. Allerdings war das Leben in London weder besonders angenehm noch gesund; die Hauptstadt war, wie praktisch alle größeren Städte zu dieser Zeit, ein volksverschlingender Moloch, ein Massengrab. Nur durch die jährliche Zuwanderung im Umfang einer Kleinstadt von 8000 Einwohnern konnte London sein Wachstum aufrechterhalten. Aber die Stadt bot trotz ungesunder Lebensbedingungen den Zuwanderern dank der hohen Löhne – 50 Prozent über dem Landesdurchschnitt – und der differenzierten Gewerbestruktur unvergleichliche Chancen auf Arbeit und Einkommen. Neben Landarbeitern aus dem Umland und Lehrlingen aus dem ganzen Land, die die zunftfreie Wirtschaft außerhalb der City of London schätzten, fand es auch der Adel zunehmend notwendig, in London zumindest für Teile des Jahres, während das Parlament tagte, präsent zu sein. Das Parlament wurde nicht nur immer wichtiger als Forum zur Aushandlung von Kompromissen unter den Eliten des Landes, diese Eliten amüsierten sich nach getaner Arbeit auch auf Bällen und bei Theateraufführungen, versuchten, ihre Söhne und Töchter mit den "richtigen" Familien zusammenzubringen. Die Präsenz des Adels prädestinierte die Hauptstadt auch dazu, kulturell und stilistisch den Ton für das ganze Land anzugeben.

In Paris war die gestalterische Rolle des Königtums ungleich stärker ausgeprägt als in London. In der Pariser Stadtgestaltung zeigen sich langfristige Großprojekte, wie etwa der Bau einer Königsachse vom Louvre bis hin zum Arc de Triomphe über die Champs Elysees, an der über 150 Jahre gearbeitet wurde. [18] Der absolutistische Anspruch der französischen Könige im 17. und 18. Jahrhundert, den Staat selbst zu verkörpern, veranlasste Ludwig XIV. in den 1680er Jahren, einen neuen repräsentativen Regierungssitz außerhalb von Paris zu schaffen. Versailles wurde europaweit zum bewunderten Muster einer idealen Königsresidenz und inspirierte zahlreiche Schloss- und Stadtanlagen auch deutscher Territorialfürsten wie etwa Karlsruhe, Mannheim und Ludwigsburg. Allerdings hat sich das Modell einer räumlichen Trennung zwischen Regierungssitz des Monarchen und Hauptstadt mit Ministerien, Ständeversammlungen und kulturellen Einrichtungen in Europa fast nirgends langfristig behauptet.

Im Reich folgte im 17. und 18. Jahrhundert auf den Aufstieg der Hauptstädte ein relativer Bedeutungsverlust der Reichsstädte. Allerdings verlieh die Reformation im Binnenraum der Städte der städtischen Obrigkeit eine gesteigerte Bedeutung, denn in den mehrheitlich protestantischen Reichsstädten wurde der Rat nun auch religiöse Autorität; weil Klöster und Spitäler säkularisiert wurden, übernahm der Rat die Verantwortung für Armenfürsorge, Kranken- und Bildungswesen und sah sich damit für Wohl und Wehe der Bevölkerung noch umfassender zuständig als zuvor. Gleichzeitig entwickelte sich der Rat zu einer immer stärker gegen unten abgeschlossenen Hierarchie: Der Aufstieg aus der breiten Bevölkerung in die "ratsfähigen Geschlechter" wurde zur absoluten Ausnahme, und eine gewisse Erstarrung dieser kollektiven Herrschaft setzte ein.[19] Die große, von Napoleon angestoßene territoriale Flurbereinigung mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 beendete dann die Geschichte der meisten Reichsstädte, die als Landstädte "mediatisiert", das heißt, in die deutlich vergrößerten Territorien wie Baden, Württemberg, Bayern und Hessen integriert wurden. Nur die großen Hansestädte Hamburg, Bremen, Lübeck und die Messestadt Frankfurt am Main konnten ihre politische Autonomie zunächst noch wahren.

Fußnoten

17.
Vgl. Francis Sheppard, London. A History, Oxford 1998, S. 127.
18.
Vgl. Wolfgang Braunfels, Abendländische Stadtbaukunst. Herrschaftsform und Baugestalt, Köln 19916, S. 278–282.
19.
Vgl. Ulrich Rosseaux, Städte in der Frühen Neuzeit, Darmstadt 2006; Heinz Schilling, Die Stadt in der Frühen Neuzeit, München 1993.
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