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24.11.2017 | Von:
Dieter Schott

Kleine Geschichte der europäischen Stadt

Städte im Zeichen der Industrialisierung

Noch wichtiger für die physische Struktur der Städte und ihr Funktionieren als soziale Systeme wurde die Industrialisierung. Mit dem Einzug von Fabriken, Lagerhäusern und Bahnhöfen wurde die herkömmliche physische Struktur von Städten beseitigt, wo Gewerbe meist in das einzelne Haus – man arbeitete und wohnte unter einem Dach – integriert gewesen war. Die in Manchester entstehenden Viertel aus Lagerhäusern und Fabriken, fast ohne Wohnbevölkerung, prägten mit qualmenden Schloten ähnlich wie die ausgedehnten Arbeiterviertel das neue Bild der Industriestadt.[20] Weil sich die höheren Schichten den negativen Aspekten der Industrialisierung, insbesondere der Luftverschmutzung, entzogen, war die Industriestadt scharf sozial segregiert und schien den von Marx und Engels diagnostizierten Klassengegensatz auch sozialräumlich zu bestätigen. Insbesondere dort, wo die Industrie sich an natürlichen Ressourcen orientierte (Wasserkraft, Kohle), entstanden ganze Industrieagglomerationen wie das Ruhrgebiet, das oberschlesische Kohlenrevier, das "Black Country" bei Birmingham oder die Textilstädte im Umfeld von Manchester. Innerhalb der Städte waren die lokalen Einrichtungen der Bevölkerungsverdichtung nicht gewachsen, die gesundheitliche Situation verschlechterte sich dramatisch, was insbesondere in großen Krankheitswellen wie den Choleraepidemien, die seit 1831 immer wieder europäische Städte heimsuchten, zum Ausdruck kam.[21]

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren die großen Metropolen London und Paris, aber auch viele Industriestädte in einer von Zeitgenossen als existenzbedrohend wahrgenommenen Krise. Als Antwort entwickelte sich zum einen in Großbritannien das sogenannte Public Health Movement, das eine systematische Verbesserung der gesundheitlichen Situation in den britischen Städten durch Einrichtung zentraler Wasserversorgungssysteme sowie Abfuhr der Fäkalien und Schmutzstoffe durch Kanalisation und Müllabfuhr vorsah. Ab 1848 wurde durch gesetzliche Maßnahmen sowie durch den aufwändigen Bau der Londoner Kanalisation dieses Programm in die Tat umgesetzt.[22] Mit einer gewissen Zeitverzögerung folgten die meisten kontinentaleuropäischen Städte diesem Vorbild. Die zweite Reaktion war vor allem mit der Stadt Paris verbunden. Dort ließ der im Gefolge der 1848er Revolution an die Macht gelangte Kaiser Napoleon III. durch seinen Präfekten für Paris, Georges Haussmann, die französische Hauptstadt tiefgreifend umgestalten durch Abriss ganzer Viertel, den Bau neuer großzügiger Boulevards, durch Kanalisation und Anlage großer Grünflächen.[23] Diese "Haussmannisierung" wurde in ästhetischer Hinsicht zum Vorbild für viele andere europäische, aber auch amerikanische Städte und inspirierte nachdrücklich die wissenschaftliche Stadtplanung, die sich als neue ingenieurwissenschaftliche Disziplin an deutschen technischen Hochschulen ab den 1870er Jahren entfaltete.[24]

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde dann Deutschland, das seit den 1860er Jahren eine rasch fortschreitende Urbanisierung erlebte, international zum Vorbild für Stadtverwaltung und Stadttechnik, weil es dort gelang, das neue Paradigma der Leistungsverwaltung, ein auf umfassende Daseinsfürsorge der Stadtbewohner ausgerichtetes Leitbild, mit hohem professionellen Ethos der Verwaltungsbeamten und fortschrittlicher Technik zu koppeln. Zwischen 1880 und 1910 wurden die Gesundheitsbedingungen in deutschen Städten erheblich verbessert, moderne Beleuchtungs- und Energietechnologien wie Gas- und Elektrizitätsversorgung eingeführt und der übermäßig verdichtete Stadtverkehr durch Nahverkehrstechnologien wie die Elektrische Straßenbahn beschleunigt. Im Zuge einer "Vernetzung der Stadt" verwandelten sich die Städte in integrierte Stadtmaschinen, die den Stoffwechsel mit dem Umland technisch vermittelten, Wasser und Energie aus teilweise erheblicher Entfernung herantransportierten, in der Stadt bis in die einzelnen Haushalte verteilten, zugleich aber mittels Kanalisation die Schadstoffe des städtischen Stoffwechsels aus der Stadt entfernten und außerhalb entsorgten – vermeintlich unproblematisch für die Städter, aber natürlich keinesfalls für die natürliche Umwelt.[25]

In rechtlicher Hinsicht hatten die meisten deutschen Städte Anfang des 19. Jahrhunderts ihren staatlichen Charakter verloren, sie erhielten lediglich das Recht einer lokalen Selbstverwaltung, ausgeübt durch eine ehrenamtlich agierende städtische Honoratiorenschicht. Mit dem Aufbau einer umfassenden Leistungsverwaltung für die Stadtbewohner änderte sich jedoch auch der rechtliche und verwaltungsmäßige Charakter der Städte; sie wurden nunmehr von Berufsbürgermeistern mit meist juristischer Ausbildung geleitet, die rasch einen größeren bürokratischen und professionalisierten Verwaltungsapparat aufbauten. Im Zuge dieser Professionalisierung trat das ehrenamtliche Element zurück; es etablierte sich immer stärker eine "Herrschaft der Experten", die von den im Stadtrat dominierenden Besitzbürgern formal kontrolliert wurden. Denn im Unterschied zum Reichstagswahlrecht wurde das kommunale Wahlrecht erst 1918 umfassend demokratisiert und das bis dahin vorherrschende, vermögende Einwohner begünstigende Dreiklassenwahlrecht beseitigt.

Die Einwohnerzahl vieler Städte, vor allem der Großstädte, explodierte in der Phase der Hochindustrialisierung ab den 1860er Jahren. So wuchs Hamburg von 290000 auf 931000 zwischen 1870/71 und 1910, Leipzig von 107000 auf 679000 Einwohner. Hatten zur Zeit der Reichsgründung erst knapp 5 Prozent der Reichsbevölkerung in Großstädten gelebt, so waren es 1910 bereits 21,3 Prozent, jeder fünfte Deutsche wohnte in einer Stadt mit über 100000 Einwohnern. Das Wachstum resultierte mehrheitlich aus einem Überschuss der Geborenen über die Gestorbenen, aber auch Wanderungen und Eingemeindungen trugen nennenswert dazu bei.[26] Die Städte veränderten in dieser Phase ihr Erscheinungsbild tiefgreifend; Stadtmauern wurden zur Verbesserung des Verkehrs und der Durchlüftung abgerissen. Die Bahnhöfe der neuen Eisenbahnlinien, meist außerhalb der alten Stadtzentren angelegt, schufen neue Zentren des Verkehrs und neue wirtschaftliche Knotenpunkte. Außerhalb der zu "Altstädten" herabsinkenden historischen Kerne entstanden im Zuge privater Spekulation hoch verdichtete Viertel mit "Mietskasernen", die rasch in die Kritik der Gesundheitsreformer und Stadtplaner gerieten.

Fußnoten

20.
Vgl. Clemens Zimmermann, Die Zeit der Metropolen. Urbanisierung und Großstadtentwicklung, Frankfurt/M. 1996, S. 39–71; Schott (Anm. 1), S. 193–221.
21.
Vgl. Richard J. Evans, Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830–1910, Reinbek 1991.
22.
Vgl. Christopher Hamlin, Public Health and Social Justice in the Age of Chadwick. Britain 1800–1854, Cambridge 1998.
23.
Vgl. David Jordan, Die Neuerschaffung von Paris. Baron Haussmann und seine Stadt, Frankfurt/M. 1996; Peter Hall, Cities in Civilization, London 1998, S. 706–745; Friedrich Lenger, Metropolen der Moderne. Eine europäische Stadtgeschichte seit 1850, München 2013, S. 34–49.
24.
Vgl. Gerd Albers, Zur Entwicklung der Stadtplanung in Europa, Braunschweig–Wiesbaden 1997.
25.
Vgl. Dieter Schott, Die Vernetzung der Stadt. Kommunale Energiepolitik, öffentlicher Nahverkehr und die "Produktion" der modernen Stadt. Darmstadt – Mannheim – Mainz 1880–1918, Darmstadt 1999.
26.
Vgl. Jürgen Reulecke, Geschichte der Urbanisierung in Deutschland, Frankfurt/M. 1985, insb. Tab. 2–4, S. 202–205.
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