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"Wem gehört die Stadt??!", steht am Bauzaun für ein gigantisches Shoppingcenter - das "Bikini" - in Berlin, Nähe Kudamm und Bahnhof Zoo

24.11.2017 | Von:
Felicitas Hillmann
Matthias Bernt
Laura Calbet i Elias

Von den Rändern der Stadt her denken. Das Beispiel Berlin

Sozialräumliche Polarisierung und Gentrifizierung

Zwischen 1995 und 2015 nahm die Einkommensungleichheit in Deutschland zu; die Mitte ist geschrumpft, die Ränder gewachsen beziehungsweise davon bedroht, abgekoppelt zu werden.[6] In den Stadtregionen ist die Polarisierung der Einkommen noch ausgeprägter als in ländlichen Gegenden, die Ungleichheit der Verteilung der Vermögen auffallend.[7] In Berlin stieg die Armutsquote seit 2006 kontinuierlich an, knapp ein Fünftel aller Stadtbewohner und knapp ein Drittel der Kinder unter 18 Jahren (im Haushalt der Eltern lebend, ohne eigenes Einkommen) lebten 2015 von Transferleistungen.[8] Viele Menschen nehmen eine zunehmende Segregation und Ausdifferenzierung in den Städten wahr. Dies lässt sich auch empirisch nachweisen, in Bezug sowohl auf eine stärkere soziale wie auch ethnische Segregation.[9]

In 59 der 77 Großstädte in Deutschland mit einer Einwohnerzahl über 100000 Menschen muss mit zunehmenden Spannungen auf dem Wohnungsmarkt gerechnet werden, so das Ergebnis einer kürzlich erschienenen Wohnungsmarktstudie.[10] Hiernach leben 60 Prozent aller Mieter in "leistbaren Wohnungen" (für die weniger als 30 Prozent des jeweiligen Haushaltseinkommens aufgewendet werden müssen[11]), davon bringt knapp die Hälfte weniger als 20 Prozent für die Miete auf. Die übrigen 40 Prozent verteilen sich hälftig auf Mieter, die mehr als 30 Prozent beziehungsweise mehr als 40 Prozent ihres Einkommens in die Miete stecken.[12] In Berlin sind die Mietpreise – ausgehend von einem historisch bedingten niedrigen Niveau – von 2007 bis 2015 um fast 50 Prozent gestiegen, stärker als in jeder anderen deutschen Großstadt.[13]

Nach einer Stagnationsphase wächst die Bevölkerungszahl Berlins seit 2011 um etwa 40000 bis 60000 Menschen jährlich, darunter zeitweise viele Flüchtlinge. Zu diesem Zuwachs an Einwohnern gesellt sich eine wachsende Zahl an "temporären" Bewohnerinnen und Bewohnern, die für eine gewisse Zeitspanne ihre Zelte in der Stadt aufschlagen. Die wachsende Popularität Berlins als Reiseziel schlägt sich zudem in hohen Besucherzahlen nieder – 12,7 Millionen waren es 2016.[14] Diese Zahlen zeugen von einer kontinuierlich wachsenden Nachfrage nach (temporärem) Wohnraum.

War Berlin nach der Wiedervereinigung durch Deindustrialisierung, wirtschaftliche Schwäche und hohe Arbeitslosigkeit geprägt, liegt die Stadt heute auf einem stabilen Wachstumskurs;[15] die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten wächst seit zehn Jahren überdurchschnittlich. Das Beschäftigungswachstum geht auf Veränderungen in drei Wirtschaftsbereichen zurück.

Erstens hat der Umzug der Bundesregierung zu einem enormen Wachstum an Arbeitsplätzen beigetragen. So arbeiten allein in den Bundesministerien in Berlin mittlerweile 12000 Beschäftigte. Hinzu kommen Tausende von Lobbyisten, Pressevertreterinnen, Beratern oder ausländischen Diplomatinnen. Diese Stellen sind mit hoch qualifizierten und häufig sehr spezialisierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besetzt, die von ihren Arbeitgebern "mitgebracht" werden und in der Regel sehr hohe Einkommen erzielen. An diese Arbeitsplätze gekoppelt ist ein Pool niedrig qualifizierter Dienstleistungstätigkeiten, etwa Sicherheitsdienste oder Gebäudereinigung.

Zweitens ist für Berlins Wirtschaft die Zunahme der temporären Besucher, vor allem der Touristen, wichtig. Offizielle Zahlen weisen mehr als 275000 Arbeitsplätze in diesem Sektor aus, mit wachsender Tendenz.[16] Die tatsächliche Zahl der Arbeitenden im Umfeld der Branchen, die vom Tourismus profitieren, dürfte indessen erheblich höher liegen, da Hotellerie, Gastgewerbe und Einzelhandel vor allem auf saisonale Beschäftigung, Teilzeitarbeit und weitere atypische Beschäftigungsverhältnisse setzen. Kennzeichnend für diesen Sektor sind unterdurchschnittliche Löhne und prekäre Arbeitsbedingungen.

Drittens ist der Komplex der Kreativwirtschaft für Berlin von Bedeutung. In den Feldern Kulturwirtschaft und digitale Industrie entwickelte sich Berlin in der vergangenen Dekade zu einer "Start-up City".[17] In diesem Sektor ist die Einkommenssituation differenziert. Während auf der einen Seite von erfolgreichen Programmiererinnen, Kulturmanagern und Opernsängerinnen Top-Gehälter erreicht werden, arbeiten auf der anderen Seite viele in prekärer (Schein-)Selbstständigkeit. Ablesen lässt sich dies etwa am Anstieg der Zahl der Solo-Selbstständigen von 2005 bis 2013 um knapp 90 Prozent auf gut 200000.[18] Jeder Zweite von ihnen kam 2013 nicht über Einkünfte von 1300 bis 1500 Euro netto im Monat hinaus.

Das wirtschaftliche Wachstum kommt also nicht allen gleichermaßen zugute, sondern geht mit einer stärkeren Spreizung der Einkommen einher.[19] Das soziale Auseinanderdriften schlägt sich in der sozialräumlichen Struktur der Stadt nieder und ist von zwei Trends geprägt. Zum einen werden Zuwanderung und Beschäftigungswachstum von Altersgruppen getragen, die in hohem Maße "stadtaffin" sind. Die insgesamt gestiegene Nachfrage nach Wohnraum schlägt sich folglich besonders stark in den innerstädtischen Lagen nieder. Zum anderen trifft die ungleiche Einkommensstruktur in Berlin auf eine bereits verfestigte Segregation. Aus historischen Gründen sind die heute besonders nachgefragten Innenstadtlagen von einem hohen Anteil an einkommensschwachen Haushalten und Migrantinnen und Migranten gekennzeichnet.

Die Prozesse der Gentrifizierung, also der sozialen und baulichen Aufwertung von Wohnlagen durch sich wechselseitig verstärkende Prozesse wie den Zuzug neuer Bevölkerungsgruppen, der (Luxus-)Sanierung des alten Wohnungsbestands und der Verdrängung der alten Mieter, wandelten sich von einer Randerscheinung der Stadtentwicklung zum "Mainstream".[20] Sie erfassten nach der Wiedervereinigung zunächst die Ostberliner Innenstadtbezirke Mitte und Prenzlauer Berg und bewegten sich anschließend im Uhrzeigersinn über Friedrichshain und Kreuzberg nach Neukölln. Inzwischen sind fast alle zusammenhängenden Altbaugebiete innerhalb des S-Bahnrings auf die eine oder andere Weise von Aufwertungstendenzen geprägt.[21] Die Spanne reicht dabei von einer Gentrifizierung in Pionierphase (Wedding) zu einer "Supergentrification"[22] wie in der Spandauer Vorstadt und im südlichen Prenzlauer Berg. Die Verdrängung einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen lässt sich am Beispiel des Gebiets um den Kollwitzplatz illustrieren: Die Gebietseinkommen lagen 1993 etwa 25 Prozent unterhalb des Berliner Durchschnitts, nach Ende der Sanierung 2008 40 Prozent darüber. Ärmere Haushalte verließen das Gebiet, Besserverdienende zogen zu.

Spiegelbildlich zur Gentrifizierung der Innenstadtgebiete steht die Abwertung von bereits in hohem Maße von Armut geprägten Gebieten. Traditionell fanden sich diese in einer Reihe von Westberliner Innenstadtgebieten (Kreuzberg, Neukölln, Moabit, Wedding) und in den peripheren Großwohnsiedlungen am Stadtrand. Aktuelle Entwicklungen haben dieses Bild deutlich verändert und definieren die Ränder der Stadt neu. Nach Berichten des "Monitoring Soziale Stadtentwicklung Berlin"[23] findet sich weiterhin eine starke Bündelung von Armutsindikatoren in den von Migration geprägten innerstädtischen Gebieten Neukölln-Nord, Wedding/Moabit und Kreuzberg-Nordost – allerdings ist hier eine stabile bis positive Dynamik festzustellen, das heißt, Arbeitslosigkeit, Transferbezug und Kinderarmut stagnieren oder sind rückläufig. In den peripher gelegenen Großwohnsiedlungen Nord-Marzahn, Nord-Hellersdorf und Spandau-Mitte ist die Tendenz gegenläufig. Die Zahl benachteiligter Haushalte steigt, häufig durch den Zuzug sozial schwacher Gruppen.

Ein führender Senatsbeamter, Hanno Klein, sprach von den großen Plattenbaugebieten in Ost und West bereits 1991 als "Staubsauger" für diejenigen, die sich die Innenstadt nicht mehr leisten können.[24] Das stimmt und stimmt nicht: Verschiedene Untersuchungen belegen, dass die Mehrzahl der Verdrängten zunächst versucht, in der Nähe des bisherigen Wohnorts zu bleiben. Entweder man vermietet unter und nimmt schlechtere Wohnbedingungen in Kauf, kommt bei Freunden und Verwandten unter oder zieht in das nächste noch bezahlbare Gebiet in der Nähe um.[25] Benachteiligte Berlinerinnen und Berliner bewegen sich so wie eine "Bugwelle" vor der Gentrifizierung durch die Stadt und werden bislang nicht notwendig an den Rand gedrängt. Das wird sich ändern, sobald die Spielräume in der Innenstadt enger werden.[26]

Fußnoten

6.
Vgl. Peter Krause/Christian Franz/Marcel Fratzscher, Einkommensschichten und Erwerbsformen seit 1995, in: DIW Wochenbericht 84/2017, S. 551–563, hier S. 553ff.; Lebenslagen in Deutschland. Der Fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin 2017, S. 81.
7.
Vgl. Martin Kronauer, Soziale Polarisierung in Städten: Ursachen, Hintergründe und Gegenstrategien, in: Geteilte Räume, Strategien für mehr sozialen und räumlichen Zusammenhalt: Bericht der Fachkommission "Räumliche Ungleichheit" der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2017, S. 156ff.
8.
Vgl. Der Paritätische Gesamtverband (Hrsg.), Menschenwürde ist Menschenrecht, Bericht zur Armutsentwicklung in Deutschland 2017, Berlin 2017, S. 17.
9.
Vgl. Jan Goebel/Lukas Hoppe, Ausmaß und Trends sozialräumlicher Segregation in Deutschland. Abschlussbericht, Berlin 2015, S. 65ff.; Jürgen Friedrichs/Sascha Triemer, Gespaltene Städte? Soziale und ethnische Segregation in deutschen Großstädten, Wiesbaden 2008, S. 117; Heinz Fassmann, Zuwanderung und Segregation, in: ders./Josef Kohlbacher/Ursula Reeger (Hrsg.), Zuwanderung und Segregation. Europäische Metropolen im Vergleich, Klagenfurt 2002, S. 13–24, hier S. 14ff.
10.
Vgl. Henrik Lebuhn/Andrej Holm, Wohnverhältnisse in Deutschland. Eine Analyse der sozialen Lage in 77 Großstädten, Berlin–Düsseldorf 2017, S. 20, S. 23. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt TAG, Wohnungsmarktbericht Ostdeutschland, Hamburg 2017, S. 12ff.
11.
Zur Problematik der Definition einer angemessenen Mietbelastungsquote vgl. ebd., S. 37.
12.
Vgl. ebd., S. 69, S. 74.
13.
Vgl. Immobilienscout24, Mietpreise und Kaufpreise in Berlin. Aktuelle Immobilienpreise auf dem Wohnungsmarkt, o.J.,https://www.immobilienscout24.de/immobilienbewertung/ratgeber/mietpreise-und-kaufpreise/mietspiegel/mietspiegel-berlin.html?wcmmode=DISABLED
14.
Vgl. Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, Berlin-Tourismus in Zahlen, https://www.berlin.de/sen/wirtschaft/wirtschaft/branchen/tourismus/artikel.110610.php«.
15.
Vgl. Marcel Fratzscher et al., Berlin, Von der Start-up-Hauptstadt zur Wachstumsmetropole?, in: DIW Wochenbericht 29/2016, S. 619–623, hier S. 619ff.
16.
Vgl. Berlin Tourismus & Kongress GmbH (Hrsg.), Wirtschaftsfaktor für Berlin: Tourismus- und Kongressindustrie 2012, http://www.ivbp.de/Archiv/Studie%20Visitberlin%202012.pdf«.
17.
Zur Typisierung und Quantifizierung siehe Suntje Schmidt et al., Open Creative Labs in Deutschland. Typologisierung, Verbreitung und Entwicklungsbedingungen, Erkner 2016.
18.
Vgl. Karl Brenke, Der Arbeitsmarkt in Berlin seit 2005. Starker Beschäftigungsaufbau bei weiterhin hoher Arbeitslosigkeit und geringen Einkommen, in: DIW Wochenbericht 29/2016, S. 625–636, hier S. 629f.
19.
Vgl. Maximilian Stockhausen, Atlas der Einkommensungleichheit, Oktober 2015, https://www.boeckler.de/pdf/wsi_vm_atlas.pdf«.
20.
Vgl. Andrej Holm, Berlin’s Gentrification Mainstream, in: Matthias Bernt/Britta Grell/ders. (Hrsg.), The Berlin Reader. A Compendium on Urban Change and Activism, Bielefeld 2013, S. 171–187.
21.
Vgl. ders./Guido Schulz, GentriMap, Ein Messmodell für Gentrification und Verdrängung, in: Ilse Helbrecht (Hrsg.), Gentrifizierung in Berlin. Verdrängungsprozesse und Bleibestrategien, Bielefeld 2016, S. 287–318; Christian Döring/Klaus Ulbricht, Gentrification-Hotspots und Verdrängungsprozesse in Berlin. Eine quantitative Analyse, in: ebd., S. 17–44.
22.
Loretta Lees, Super-gentrification. The Case of Brooklyn Heights, New York City, in: Urban Studies 12/2003, S. 2487–2509.
23.
Vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin (Hrsg.), Monitoring Soziale Stadtentwicklung Berlin 2015, Berlin 2015.
24.
Zit. nach: Städtebau: Markant und brutal, in: Der Spiegel 14/1991, S. 112ff., hier S. 112.
25.
Vgl. Felicitas Hillmann, Studienprojekt Kreuzberg. Ein Beitrag zum Ausstellungsteil über die Stadtentwicklung Kreuzbergs, Berlin 2014; Helbrecht (Anm. 21).
26.
Vgl. Daniel Förste/Matthias Bernt, Black Box Verdrängung: Bleiben im Kiez oder Wegzug an den Rand?, Kleinräumliche Wanderungen im Zuge von Aufwertungsprozessen in Berlin-Prenzlauer Berg, in: Helbrecht (Anm. 21), S. 45–68.
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