"Wem gehört die Stadt??!", steht am Bauzaun für ein gigantisches Shoppingcenter - das "Bikini" - in Berlin, Nähe Kudamm und Bahnhof Zoo

24.11.2017 | Von:
Christoph Mäckler

Über die Ästhetik der Städte - Essay

Wenn wir von Florenz als schöner Stadt sprechen, meinen wir in der Regel nicht die Neubauviertel der vergangenen 50 Jahre, sondern ausschließlich das Zentrum der Stadt mit der Piazza della Signoria. Wer Barcelona als die schönste Stadt am Meer nennt, denkt an die alte Rasterstadt mit dem prächtigen Boulevard, den Ramblas, und nicht an die Erweiterung der Stadt, die im Rahmen der Olympiade 1992 mit einem Etat von 5,5 Milliarden Euro angelegt wurde. Und wenn wir von Paris schwärmen, haben wir das Paris Haussmanns vor Augen und nicht das ab 1963 entstandene Viertel LaDefense hinter dem Arc de Triomphe oder gar die Banlieues, jene Neubauviertel außerhalb des Stadtzentrums, die zum Inbegriff sozialen Abstiegs mutierten.

Warum scheinen unsere alten Städte in Europa schöner als alles zu sein, was Planer und Architekten in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg an Neuem entwickelt haben? Sind Städte, wie der eine oder andere Kritiker im Brustton der Überzeugung öffentlich vertritt, heute unplanbar? Oder beruht der desolate Zustand der neuen Stadtviertel mit ihren traurig tristen Straßen, denen jede Anmutung und Aufenthaltsqualität fehlt, einfach nur auf einem fatalen Unwissen der Fachleute, Straßen und Plätze als städtische Aufenthaltsräume zu planen?

Die Fehler der Nachkriegsjahrzehnte glauben wir erkannt zu haben. Wenn wir heute aber durch die von Planern angepriesenen neuen Stadtviertel unserer Zeit hinter den Bahnhöfen von Stuttgart, Zürich oder Frankfurt am Main gehen, die glauben, ihre Urbanität und Zukunftsfähigkeit schon mit dem Namen "Europaviertel" nachweisen zu können, fröstelt es uns angesichts der abstoßenden Kälte und Langeweile, die uns in den ungefassten Stadträumen entgegen schlägt.

Vergleicht man diese Europaviertel mit vormodernen, also mehr als hundert Jahre alten Stadtzentren, hat jedes einzelne Haus dort eine Qualität, an die die heutigen Neubauten nicht heranreichen. Warum entstehen heute Neubauviertel aus neben- und hintereinander gestellten Häusern, die keinerlei räumlichen Bezug zueinander haben und jeglichen gestalteten öffentlichen Straßen- oder Platzraum vermissen lassen? Ist es richtig, dass der alte Stadtraum mit seinen geordneten öffentlichen Plätzen und Straßen prinzipiell eine höhere Lebensqualität hat, als alles, was wir in den vergangenen Jahrzehnten errichtet haben? Oder stimmt das vielleicht gar nicht und man ist einfach nur ewiggestrig, wenn man es wagt, das Nichtvorhandensein des öffentlichen Raumes und städtebaulicher Qualität in unseren Neubauvierteln anzumahnen?
Europaviertel, Frankfurt am Main, 2016Europaviertel, Frankfurt am Main, 2016. Eine stadträumlich völlig ungelöste Anbindung eines neuen Viertels an ein altes. Statt eines Gebäudes trennt ein Zaun Alt von Neu. Der städtische Raum bleibt damit unbeholfen zerstückelt. Das Alte bildet mit dem Neuen keine harmonische Einheit. Rechts und links von dem Weg, der eine Straße sein soll, befinden sich Tiefgarageneinfahrten. Die Erdgeschosse sind zu niedrig, und die vergitterten Fenster wirken abweisend. Der Ort bildet keine Adresse und kann kaum Identität unter den Bewohnern stiften. Die Trennung des Vorgartenbereichs mit Findlingen ergänzt das trostlose Bild. Es gibt im Grunde genommen keinen städtischen Raum, es gibt keine Wohnstraße, wie man sie von einem Neubaugebiet erwarten könnte. Der Raum, obwohl eine öffentlich zugängliche Straße, wirkt abweisend und privat. (© Christoph Mäcker, Deutsches Institut für Stadtbaukunst.)

Wenn wir über "schön" und "hässlich", "gut" und "schlecht" sprechen, so muss vorausgeschickt werden: Die Ethik in der Architektur und im Städtebau, also die normative Vorstellung von einer guten und richtigen Architektur, einer Architektur, die auf Gewohnheiten und Bräuchen beruht, haben wir spätestens mit der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts abgegeben. Zuvor galt über weite Perioden der europäischen Architekturgeschichte, dass ein Gebäude nur gut sein konnte, wenn es auch schön war. Firmitas (Festigkeit), utilitas (Nützlichkeit) und venustas (Schönheit) sind die Grundbegriffe des römischen Architekten und Architekturtheoretikers Vitruv, dessen Werk ("De architectura libri decem") im gesamten Mittelalter bekannt war und das seit der Renaissance und bis zur Moderne nahezu alle architekturtheoretischen Überlegungen maßgeblich beeinflusste. Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit waren in dieser Zeit die grundlegenden Maßstäbe für die Bewertung von Architektur, und sie mussten alle drei gleichermaßen erfüllt sein.

Während wir heute versuchen, unsere Städte allein auf der Grundlage scheinbar objektiver mathematischer Kennzahlen zu planen und uns die Methoden der Naturwissenschaftler zum Vorbild nehmen, sind es ausgerechnet diese Naturwissenschaftler, die ganz selbstverständlich von Schönheit reden. "In meiner Arbeit habe ich stets das Schöne mit dem Wahren zu vereinbaren versucht, aber im Konfliktfall habe ich mich normalerweise für das Schöne entschieden", sagte der berühmte Mathematiker und Physiker Hermann Weyl. Inwiefern ein mathematischer Beweis nicht nur die Richtigkeit einer Formel belegt, sondern dabei auch noch schön und elegant ist, wird keineswegs berechnet. Vielmehr verlassen sich die Naturwissenschaftler auf ihr Gefühl, also ihre ästhetische Wahrnehmung.
Borstei, München 1924–1929
So schön kann eine Wohnstraße stattdessen sein. Aus der Dreiteilung, der Straße, die von zwei Gehwegen flankiert wird, kann
sogar eine architektonische Form resultieren. Hier erhält die Serliana (Rundbogen zwischen zwei Rechtecköffnungen) einen
stadträumlichen Sinn. Durch die große Öffnung in der Mitte fahren die Autos, während rechts und links die Fußgänger hindurchgehen
können. Diese Straße vermittelt trotz abgestellter Kraftwagen nicht den Eindruck eines Parkplatzes, eines Abstellbereichs
oder eines privaten Hinterhofes, in dem man nicht sein dürfte und sich deshalb unwohl fühlt. Diese Straße stellt einen öffentlichen
Raum mit einer hohen Aufenthaltsqualität dar.Borstei, München 1924–1929
So schön kann eine Wohnstraße stattdessen sein. Aus der Dreiteilung, der Straße, die von zwei Gehwegen flankiert wird, kann sogar eine architektonische Form resultieren. Hier erhält die Serliana (Rundbogen zwischen zwei Rechtecköffnungen) einen stadträumlichen Sinn. Durch die große Öffnung in der Mitte fahren die Autos, während rechts und links die Fußgänger hindurchgehen können. Diese Straße vermittelt trotz abgestellter Kraftwagen nicht den Eindruck eines Parkplatzes, eines Abstellbereichs oder eines privaten Hinterhofes, in dem man nicht sein dürfte und sich deshalb unwohl fühlt. Diese Straße stellt einen öffentlichen Raum mit einer hohen Aufenthaltsqualität dar. (© Anton Schedlbauer, München.)

Darauf verzichten wir heute, wenn es darum geht, unsere Städte zu planen, weil wir meinen, die sinnliche Wahrnehmung von Schönheit oder Harmonie sei eine derart subjektive und rein individuelle Empfindung, dass wir sie besser ignorieren und erst recht nicht verallgemeinern sollten. Doch es gibt Hoffnung: Tatsächlich "besteht im Hinblick auf ihr Schönheitsempfinden zwischen den Angehörigen verschiedener Bevölkerungsgruppen ein hohes Maß an Übereinstimmung",[1] schreibt Nicole Küster in ihrer Dissertation "Schönheit und der Wert von Immobilien". Sie belegt durch handfeste Zahlen aus einer breit angelegten Befragung, dass Schönheit eben nicht so sehr im Auge des einzelnen Betrachters liegt, wie uns Planer und Architekten weismachen wollen.

Die Zerstörung der Schönheit der Stadt ist auch das Ergebnis unserer aufwändigen und bürokratischen Stadtplanungspolitik, die durch die Trennung der Planungsdisziplinen und ihrer isolierten Vermittlung an unseren Universitäten geprägt ist. Diese Trennung der Fachdisziplinen, die sich in den 1970er Jahren vollzogen hat, entspricht der Aufsplitterung der Planungsprozesse in zweidimensionale Funktionspläne, isolierte Fachplanungen und eine auf sich selbst bezogene Architektur. Obwohl die Planungssysteme noch nie so ausgefeilt waren wie heute, ist gleichzeitig noch nie so wenig städtebauliche Qualität entstanden. Heute planen die Hauptverantwortlichen zumeist aneinander vorbei.

Während sich die Architektur auf das Kunstschaffen konzentriert und den gesellschaftlichen Auftrag, Bauwerke zu errichten, mit vermeintlichen Kunstwerken beantwortet, trennte sich der Planer in den 1970er Jahren von der Aufgabe, den städtischen Raum als ästhetisch bewertbare Größe zu formulieren. Der Baukörper Stadt war nicht mehr länger Gegenstand der Stadt- und Raumplanung, sondern wurde durch eine soziale, ökologische und organisatorische Strukturplanung ersetzt. Auch entstanden von den Architekturfakultäten getrennte Raumplanungsfakultäten, deren Name von der Notwendigkeit (Stadt-)Raum zu planen, meilenweit entfernt ist. An diesen Fakultäten wird den Studierenden bis heute Stadtplanung ohne die Fächer Architektur und Baugeschichte gelehrt! Wie aber kann man in unseren Stadtplanungsämtern Wohnquartiere planen, ohne zu wissen, wie der Grundriss eines Wohnhauses funktioniert?

Heute plant also niemand den konkreten Stadtraum. Deshalb entstehen tagtäglich in unseren Städten ungestaltete Stadträume, Häuser ohne Adresse und ohne anschauliche Straßenfassade, Resträume, die weder privat noch öffentlich sind, Verkehrsschneisen und Abstellplätze für Müllcontainer an jeder Straßenecke.

Fußnoten

1.
Nicole Küster, Schönheit und der Wert von Immobilien. Analyse des in Wohnquartieren bestehenden Zusammenhangs, Chemnitz 2014, S. 224.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Christoph Mäckler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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