"Wem gehört die Stadt??!", steht am Bauzaun für ein gigantisches Shoppingcenter - das "Bikini" - in Berlin, Nähe Kudamm und Bahnhof Zoo

24.11.2017 | Von:
Christoph Mäckler

Über die Ästhetik der Städte - Essay

Entwurf des öffentlichen Stadtraums

Mit Rückwärtsgewandtheit hat es wenig zu tun, wenn heute wieder versucht wird, lebenswerte Stadtquartiere zu entwerfen. Der derzeit landesweit zu beobachtende Wiederaufbau von alten Häusern und Quartieren scheint eine Art Hilfeschrei einer Gesellschaft zu sein, die von Planern und Architekten andere Qualitäten erwartet, als das, was wir ihr in den vergangenen Jahrzehnten angeboten haben.

Während die hohe Nutzungsmischung und die Dichte der Stadt in der Fachwelt mittlerweile eine weitgehend anerkannte Grundregel für die Planung eines neuen Quartiers ist, findet der architektonische Teil der Planung, der Entwurf des öffentlichen Raumes, des Straßen- und Platzraumes in Planer- und Architektenkreisen noch immer keine Anerkennung oder ist zumindest umstritten. Dabei ist der öffentliche Raum der Stadt der Gemeinschaftsbesitz unserer Gesellschaft schlechthin. Er ist eine der größten Errungenschaften der alten europäischen Stadt. Hier traf man sich, um Ideen, Meinungen und Informationen auszutauschen. Vor allem aber kann dieser öffentliche Raum, im Gegensatz zu den bewachten sogenannten Gated Communities, von jedem Stadtbürger als Aufenthaltsraum genutzt werden, unabhängig von Herkunft, Position und sozialem Status.

Anders als der private Wohnraum des Hauses, in dem wir die Wandfarbe, den Teppich, das Parkett und den Sessel sorgfältig auswählen, um uns wohlzufühlen, bleibt die Gestalt des Straßen- und Platzraumes in unseren Stadtplanungsämtern ungeplant. Sie wird der Willkür und dem Unwissen einer privatwirtschaftlich orientierten Bauherrenschaft überlassen, die ihrerseits aber durchaus an der Schönheit des Quartiers interessiert ist, um damit die jeweilige Immobilie besser zu vermarkten.Denn der öffentliche Raum ist, wie schon der Architekt und Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt 1920 sagte, als erweiterter Wohnraum zu sehen.

Die von Städtebauern wie Josef Stübben in Köln, Theodor Fischer in München oder Fritz Schumacher in Hamburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschaffenen Quartiere stehen beispielhaft für gelungene Stadträume, in denen sich die Bewohner noch heute, nach über hundert Jahren, wohlfühlen und die zu den begehrtesten Wohnlagen in Deutschland gehören.

Die sogenannte Gentrifizierung, also der Aufkauf von Mietshäusern, deren Entmietung und Luxussanierung durch die Immobilienwirtschaft, findet nicht etwa in Neubauvierteln oder in den Siedlungsgebieten der 1980er und 1990er Jahre, sondern in erster Linie in den alten Stadtquartieren des 19. Jahrhunderts statt. Der Immobilienmarkt macht deutlich, dass die beliebtesten und damit auch wirtschaftlich wertvollsten Stadtquartiere 150 Jahre alt sind. Dies liegt nicht an einer wiedererwachten Vorliebe unserer Gesellschaft für Fassadenstuckaturen des 19. Jahrhunderts, sondern an der Tatsache, dass diese Häuser in sozial und funktional gemischten Stadtquartieren mit architektonisch gefassten öffentlichen Räumen, an Straßen und Plätzen dieser Zeit, stehen. Diese Häuser sind Teil eines Stadtraumes mit hoher Dichte, der von Architekten als öffentlicher Lebensraum für den Stadtbewohner geplant und entworfen wurde. Die Qualität alter Stadträume ist nicht "irgendwie gewachsen", sondern dem städtebaulichen Entwurf der damaligen Zeit geschuldet.

Wenn wir davon ausgehen, dass der Städtebau in Deutschland ausschließlich gesamtgesellschaftlichen Bedürfnissen zu dienen hat und uns gleichzeitig vergegenwärtigen, dass die auf dem Immobilienmarkt begehrtesten Stadtgebiete nicht etwa unsere heutigen Neubauviertel sind, sondern vor mehr als hundert Jahren realisierte Stadtentwürfe, so wird deutlich, dass der öffentliche Raum eine architektonisch-städtebauliche Dimension hat, die es in unseren Stadtplanungsämtern wieder aktiv zu bearbeiten gilt, um der Schönheit der Stadt und damit einem in den vergangenen Jahren offensichtlich gewordenen Mangel entgegenzutreten.

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