"Wem gehört die Stadt??!", steht am Bauzaun für ein gigantisches Shoppingcenter - das "Bikini" - in Berlin, Nähe Kudamm und Bahnhof Zoo

24.11.2017 | Von:
Christoph Mäckler

Über die Ästhetik der Städte - Essay

Der Grundriss der städtischen Straße formt den öffentlichen Raum

Wenn in diesem Zusammenhang von Schönheit die Rede ist, so geht es in erster Linie um das, was wir in seinem Nichtvorhandensein als Hauptmangel der heutigen Stadtplanung ausmachen: um den architektonisch gefassten, gut proportionierten öffentlichen Raum, den Raum der Straße, der Gasse, der Allee, des städtischen Parks oder den von Häusern umstandenen Platzraum.

Heute stehen am Beginn einer jeden Quartiersplanung technische Planungen. Man beginnt mit der Verkehrstechnik, der Trassenbreite von Straßen, ihren Abbiegespuren und weißen Verkehrsmarkierungen, statt den architektonisch stadträumlichen Charakter der Straße an den Anfang des Entwurfs eines Stadtquartiers zu stellen. Man beginnt mit theoretischen Planungen von städtischer Dichte statt mit dem Entwurf von konkretem städtischem Raum. Man stellt Häuser in mathematischen Verhältniszahlen von Gebäude- zu Grundstücksgröße zusammen, ohne Straßen und Plätze mit räumlich erlebbaren Proportionen als öffentliche Stadträume zu entwerfen. Und so zeigt der heutige Plan zur Errichtung eines neuen Stadtquartiers, der sogenannte Bebauungsplan, mit seinem Zahlenwerk dem Betrachter nicht, wie die Häuser zueinander stehen, um miteinander einen gemeinsamen Raum, einen Straßen- oder Platzraum zu bilden. Er ist kein Instrument, mit dem der uns gewohnte, gesellschaftlich anerkannte öffentliche Raum der europäischen Stadt vergangener Jahrhunderte geplant werden könnte. Und dies gilt auch dann, wenn der Aufstellung des Bebauungsplans ein städtebaulicher Wettbewerb vorangegangen ist, weil auch dieser sich nicht mit Straßen- und Platzräumen auseinandersetzt, sondern sich vielmehr in zweidimensionalen Planungen mit modisch mäandrierenden Baukörpern, gewürfelten Häuschen und vor allem viel "Grün" beschäftigt.

Besonders deutlich wird dieser Mangel auch dort, wo in einem Neubaugebiet öffentliche Gebäude, beispielsweise Schulen oder Kindergärten, vorgesehen sind. Man nutzt diese in der Planung nicht als besondere Bauwerke im öffentlichen Raum, um diesen auch als besonderen Ort eines Quartiers herauszuarbeiten. So könnte man ein solches öffentliches Gebäude seiner gesellschaftlichen Bedeutung entsprechend beispielsweise von einem Platz umgeben, in der zentralen Mitte eines Quartiers anordnen, so wie dies Ernst May mit der Pestalozzischule von Martin Elsässer in seiner Siedlung Bornheimer Hang in Frankfurt am Main von 1925 plante. Derartige stadträumliche Höhepunkte, die städtischen Raum erlebbar machen, sehen heutige Planungen nicht vor.

Durchforstet man dagegen die Literatur zum europäischen Städtebau um die Jahrhundertwende des 19./20. Jahrhunderts, so findet man Texte und praxisnahe Handlungsanweisungen, die sich auf der Grundlage funktional technischer Gegebenheiten der damaligen Zeit so gut wie ausschließlich mit dem Entwurf des öffentlichen Raumes, seiner Proportion, seiner Enge und Weite und der Anordnung von Häusern an Straßen und Plätzen beschäftigen. Architekten wie Josef Stübben, Raymond Unwin, aber auch Cornelius Gurlitt beschreiben, wie architektonisch gefasste öffentliche Räume der Stadt zu entwerfen sind und verdeutlichen dies mit gebauten Beispielen der europäischen Stadt, die ihnen damals und uns noch heute lebendiges Vorbild sind.
Zehn Grundsätze zur Stadtbaukunst heuteZehn Grundsätze zur Stadtbaukunst heute (Punkt 1-6)


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