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24.11.2017 | Von:
Christoph Mäckler

Über die Ästhetik der Städte - Essay

Zehn Grundsätze zur Stadtbaukunst heuteZehn Grundsätze zur Stadtbaukunst heute (Punkt 7-10)

Der Grundriss des städtischen Hauses folgt dem Grundriss der Stadt

Grundelement des Entwurfs schöner städtischer Räume ist das städtische Wohn- und Geschäftshaus. Es ist eines der kleinsten Elemente, ein Stadtbaustein, mit dem städtischer Raum gebildet wird. "Die Außenwände des Wohnraumes sind die Innenwände des öffentlichen Stadtraumes", formulierte der Architekt und Stadtplaner Georg Franck auf der fünften "Konferenz zur Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt" des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst und definierte damit, dass der Entwurf der Straßen- und Platzräume mit und durch die Fassaden der Wohn- und Geschäftshäuser geformt wird. Folgerichtig muss sich die Grundform des Einzelhauses der Grundform der Straße und des Platzes unterordnen und nicht einfach nur, wie heute üblich, der einfachen Rechteckform folgen.

Aber auch schon die Höhe eines Hauses, ins richtige Verhältnis zur Breite der Straße und ihren Gehsteigen gesetzt, bestimmt die Proportion und damit den Charakter des öffentlichen Raumes der Stadt. Grundrisse des Wohnhauses und die Ausrichtung ihrer Funktionen (Treppe, Küche, Bad, Schlafraum, Wohnraum) zur Straße sind bestimmend für die Anteilnahme des Hauses und seiner Bewohner am städtischen Straßenleben. Der Grundriss eines Mietshauses, an dessen Straßenfassade aus vermeintlich funktionalen Gründen ausschließlich Treppenhäuser, Bäder und Küchen gelegt sind, weil man glaubt, alle Wohnräume zur Sonne ausrichten zu müssen, verschließt sich der Straße. Das Haus wendet der Straße förmlich den Rücken zu.

Die Schönheit der Fassade im städtischen Straßenraum wird also erst einmal durch die Grundrissorganisation des Hauses bestimmt. Dabei formuliert sich der Begriff "Schönheit" nur durch die Lebendigkeit, die sich mit Fensteröffnungen von Wohnräumen in den Straßenraum hinein entwickelt. Die Stadthäuser Amsterdams, deren Wohnräume am Abend den öffentlichen Raum wie eine Theaterkulisse beleben, sind vielleicht das beste Beispiel, um das Verhältnis der Funktion von Wohnhausgrundrissen und ihren Einfluss auf den Straßenraum zu erläutern.

Voraussetzung für die Formulierung einer räumlich gefassten Straße ist also die Orientierung der Hausfassaden, ihrer "Straßenfenster" und Hauseingänge in den städtischen Raum. Aus dieser Orientierung, der Materialität, Farbigkeit und Proportion der Hausfassaden wird die Schönheit des Straßenraumes entwickelt. Architektonisch kam der Hausfassade, auch als Straßenfassade bezeichnet, zu allen Zeiten eine besondere Bedeutung zu, weil sie das Haus für seinen Besitzer in den öffentlichen Raum hinein repräsentierte. Dies hat sich erst mit der Moderne und der Idee des Hauses als solitärem Kunstwerk verändert.

Ausblick

Die viel zu oft ungenügenden Qualitäten heutiger Stadtquartiere sind nicht vom Himmel gefallen, sie sind nicht unabänderbar, sondern das Ergebnis einer historischen Entwicklung. Die Fehler der Vergangenheit und der Gegenwart lassen sich klar analysieren, benennen und korrigieren. Wenn bestimmte Grundsätze beachtet werden, ist es auch heute noch möglich, lebenswerte und schöne Viertel zu bauen.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Christoph Mäckler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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