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Unruhige See vor Korsika

15.12.2017 | Von:
Christopher Zimmermann
Nadine Kraft

Meeresfisch: Nachhaltig genutzt oder vom Aussterben bedroht?

Auch Europa hat eine in ihrem Fortbestand bedrohte kommerziell genutzte Art: den Europäischen Aal. Neben dem erheblichen wirtschaftlichen Interesse spielt dabei auch der unfassbar komplexe Lebenszyklus des Aals eine Rolle: Er gelangt als Larve aus der subtropischen Sargassosee im westlichen Atlantik bis an die europäischen Küsten und steigt dort als sogenannter Glasaal in die Flüsse auf. Im Süßwasser nach Jahren geschlechtsreif geworden, beginnt er den langen Rückweg ins Meer und stellt dort die Nahrungsaufnahme ein. In der Tausende Kilometer entfernten Sargassosee muss er in einer bestimmten Mondphase ankommen, damit es zu einer erfolgreichen Paarung kommt und der Zyklus von Neuem beginnen kann. Auf seiner Wanderung ist der Aal zahlreichen Gefahren ausgesetzt, vor allem im Süßgewässer: etwa durch Turbinen von Wasserkraftwerken, Schwimmblasenparasiten oder hormonaktive Substanzen, die durch Abwässer in Flüsse gelangt sind und zu einer veränderten Fetteinlagerung oder verzögerten Reifung führen. Diese Faktoren spielen eine weitaus größere Rolle für die Gesamtsterblichkeit der Art als die Fischerei.

Das Aufkommen von Glasaalen in europäischen Flussmündungen ist in den vergangenen 50 Jahren um mehr als 90 Prozent zurückgegangen. Der Europäische Aal steht inzwischen auf Anhang II der CITES-Artenschutzliste,[11] Handel und Export sind damit stark reguliert. Dennoch werden nach wie vor viele Glasaale für den direkten Konsum, für den Besatz von Mästereien oder für den Wiederbesatz (restocking)[12] gefangen. Jeder Aal aus einer Aquakultur stammt tatsächlich also aus Wildfang, weil sich Aale in Gefangenschaft nicht reproduzieren.

Auch wenn die Fischerei nicht der Hauptverursacher der prekären Situation ist – die durch sie verursachte Sterblichkeit ist die einzige, die sofort abgestellt werden kann. Dennoch schlugen sämtliche Anstrengungen, die Fischart in ihrem Bestand zu schützen, bislang fehl. Die Vermutung liegt nahe, dass der Ernst der Lage in der Politik schlicht noch nicht erkannt wurde, weil es zu häufig vorkam, dass vermeintlich vom Aussterben bedrohte Arten sich wieder erholten. Wer zu oft hört: "Der Wolf kommt", reagiert nicht mehr, wenn er wirklich kommt.

Umweltauswirkungen der Fischerei

Auch wenn die intensive Befischung fast keine Bestände in der Existenz gefährdet, kann die Fischerei dennoch erhebliche Auswirkungen auf das Meeresökosystem haben. Und wie fast immer, wenn es um das Meer geht, werden diese Einflüsse als negativ wahrgenommen. Der Lebensraum Meer fasziniert uns Menschen, und die Achtsamkeit gegenüber selbigem ist zum Sinnbild unseres Umgangs mit dem Planeten insgesamt geworden.

Besonders heikel sind unerwünschte Beifänge, also Fische, Vögel, Meeressäuger oder marine Reptilien, die unbeabsichtigt ins Netz gehen und darin umkommen. In einigen Fällen haben Bestände der höheren Wirbeltiere dadurch so kritische Größen erreicht, dass selbst der Fang einzelner Tiere die Bestandserholung beeinträchtigen kann. Ein bekanntes Beispiel ist die kleine Schweinswalpopulation in der östlichen Ostsee. In solchen Fällen ist die Gesellschaft gefragt, die Interessen gegeneinander abzuwägen: Hier das Überleben einer Population gegen die Belange der Fischerei und der Konsumenten.

Die meisten Auswirkungen auf das Ökosystem dürften bei nachlassendem Fischereidruck verschwinden: Überfischte Bestände können sich erholen, und selbst ein durch Grundschleppnetze beeinträchtigtes Habitat am Meeresboden wächst nach. Einige Auswirkungen jedoch sind irreversibel, führen also zu einer dauerhaften Veränderung. Im Südpolarmeer beispielsweise hat die Übernutzung der Bartenwale in den 1950er Jahren die Vermehrung der Krabbenfresser-Robben befördert, die sich wie die Wale von Krill ernähren. Das Ökosystem ist nun zwar in einem anderen Zustand stabil. Der Mensch aber kann mit den Robben nichts anfangen, während der Wal wirtschaftlich nutzbar war.

Ein weiteres Beispiel: Vor der nordamerikanischen Ostküste führte der Zusammenbruch der Kabeljaubestände Anfang der 1990er Jahre zu einer Ausbreitung der sich rascher reproduzierenden Garnelen. Dem Aufschrei unter den Fischern folgte bald stille Zustimmung: Mit den Garnelen verdienen die Fischer deutlich mehr Geld als zuvor mit Kabeljau, wenn auch mit weniger Beschäftigten. Und die Kabeljau-Beifänge in der Garnelenfischerei, die mit kleinmaschigen Netzen betrieben wird, stabilisieren den Zustand zusätzlich. Ein solcher Einfluss der Fischerei ist auch andersherum möglich: Durch Übernutzung der Fischbestände an der Basis des Nahrungsnetzes, also durch die exzessive Befischung kleiner Schwarmfische, kann es ebenfalls zu gravierenden Änderungen im Ökosystem kommen.[13]

Rolle des Fischereimanagements

Nun sind Ökosysteme nie stabil, auch natürliche Fischbestände wachsen und schrumpfen, und das völlig ohne menschliches Zutun. Menschliche Umweltauswirkungen vollständig abzustellen, ist zudem utopisch. Das Handeln so zu steuern, dass diese Auswirkungen so weit wie möglich reduziert werden, ist hingegen ein realistischer Ansatz. In der Fischerei haben sich Fangbeschränkungen in Form von Höchstfangmengen – auch Quoten genannt – oder als Begrenzung des Fischereiaufwandes (Seetage, Maschinenleistung) bewährt. Unterstützt werden solche Beschränkungen durch technische Vorschriften etwa zur Gestaltung der Fanggeräte oder durch die Schließung von Gebieten oder Zeiträumen, in denen nicht gefischt werden darf. Idealerweise schafft das Fischereimanagement die richtigen Anreize, damit Fischer sich zum eigenen Vorteil an die Regeln halten.

Ein erfolgreiches Fischereimanagement sorgt zunächst dafür, dass immer ausreichend Elterntiere[14] vorhanden sind, um der statistischen Wahrscheinlichkeit eines Jahrgangsausfalls vorzubeugen – und zwar auch bei unvorteilhaften Umweltbedingungen, auf die das Management keinen direkten Einfluss hat. Diese spielen allerdings nur in wenigen Meeresgebieten, etwa der Ostsee, eine entscheidende Rolle: Hier sind Salz- und Sauerstoffgehalt begrenzende Faktoren. Die Bewirtschaftung muss umso vorsichtiger erfolgen, je variabler die Umweltbedingungen sind und je größer ihr Einfluss auf die Entwicklung der Bestände ist. Zudem darf entsprechend dem Vorsorgeansatz[15] nur dann bis an die Grenzen der Bewirtschaftungsziele gefischt werden, wenn ausreichend wissenschaftliche Informationen vorhanden sind.

Fischbestände werden produktiver, sie wachsen also besser, wenn man sie befischt. Die maximale Überschussproduktion (surplus production) wird bei ungefähr 30 bis 35 Prozent der ursprünglichen, unbefischten Populationsgröße erreicht. Dieser Wert ist daher die Zielgröße des MSY-Managements. Dieser Rahmen lässt es zu, dass der Mensch jährlich zwischen 20 und 40 Prozent eines Bestands entnehmen kann, ohne zu tief in das natürliche Nahrungsnetz einzugreifen. Erst bei der Hälfte des MSY-Referenzwerts, wenn ein Bestand also auf etwa 17 Prozent seiner ursprünglichen Populationsgröße geschrumpft ist, wird die die Bestandsgröße kritisch. Das heißt, die statistische Wahrscheinlichkeit schwacher Nachwuchsjahrgänge steigt ("Limit-Referenzpunkt"). Gibt es viele andere Nutzer der Ressource Fisch, etwa Seevögel, und hat der Bestand eine Schlüsselstellung im Nahrungsnetz, wie das für viele kleine Schwarmfische gilt, muss die Bewirtschaftung vorsichtiger erfolgen. Eine Reduzierung auf 70 Prozent der Ausgangsbiomasse ist dann ein besseres Bewirtschaftungsziel.[16]

Fußnoten

11.
CITES = Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora, Washingtoner Artenschutzabkommen 1973. Arten, die in Anhang I gelistet sind, dürfen nicht gehandelt werden, für solche aus Anhang II gelten strenge Regularien.
12.
Restocking (engl. Wiederauffüllung) meint das Aussetzen von andernorts gefangenen und ggf. in Gefangenschaft aufgezogenen Fischen. Die Kosten für solche Programme sind erheblich, und es ist unklar, ob hierdurch tatsächlich ein Beitrag zur Aufrechterhaltung der natürlichen Reproduktion des Europäischen Aals geleistet wird.
13.
Vgl. Daniel Pauly et al., Fishing Down Marine Food Webs, in: Science 5352/1998, S. 860–863.
14.
Ausgedrückt als "Laicherbiomasse" – das Gesamtgewicht der erwachsenen, am Laichgeschäft (also der Nachwuchsproduktion) teilnehmenden Tiere eines Bestandes.
15.
Zum Vorsorgeansatz siehe Anm. 8.
16.
Vgl. Anthony D. M. Smith et al., Impacts of Fishing Low-Trophic Level Species on Marine Ecosystems, in: Science 6046/2011, S. 1147–1150.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Christopher Zimmermann, Nadine Kraft für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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