Unruhige See vor Korsika

15.12.2017 | Von:
Günter Warsewa

Die lokale Kultur der europäischen Hafenstadt: gemeinsames Erbe Europas

Träger kultureller Konvergenz in Europa

Selbstverständlich stimmen die lokalen Kulturen der europäischen Hafenstädte nicht in allen beschriebenen Charakteristika überein und manche dieser Charakteristika bedürften einer präziseren empirischen Überprüfung. Dennoch zeichnet sich ein idealtypisches Bild ab, das sich in spezifischer Ausprägung von Außenbeziehungen ebenso wie in besonderen inneren Strukturen ausdrückt. Die europäische Hafenstadt repräsentiert eine jahrhundertelang gewachsene Tradition des Austauschs, des wechselseitigen Voneinander-Lernens und der pragmatischen Balance von Kooperation und Konkurrenz. Nach innen wirkt die in der maritimen Tradition verankerte Fähigkeit zum Konsens und zur sozialen und kulturellen Integration als ein Mechanismus, der bis heute eine Gemeinsamkeit von Interessen herstellt, reproduziert und zu ihrer Durchsetzung beiträgt. So wird etwa für Hamburg festgestellt, dass hier "eine politische Kultur, die zum Konsens fähig ist und die große Vergangenheit in die Gegenwart integriert", Teil eines "über Jahrhunderte stabilen Selbstverständnisses von der Stadt" sei.[15]

Während der vergangenen Jahrzehnte hatte dieses nach wie vor lebendige maritime kulturelle Erbe als Ressource der Erneuerung eine wichtige Funktion für die Bewältigung der Strukturwandelkrise in den Hafenstädten. Gleichzeitig repräsentiert die lokale Kultur der Hafenstadt aber auch einen wesentlichen Bestandteil gemeinsamer europäischer Kultur und Identität, und insofern könnte die Rückbesinnung darauf geeignet sein, das Bewusstsein für die historischen Prozesse der kulturellen Konvergenz in Europa zu stärken und den aktuell sich krisenhaft verschärfenden Tendenzen der Divergenz in Europa zu begegnen.

Das Motto "Einheit in Vielfalt", das sich die Europäische Union auf die Fahnen geschrieben hat, ist historisch am ehesten in und zwischen den europäischen Hafenstädten realisiert worden. Kulturelle Ressourcen spielen dabei insofern eine wesentliche Rolle, als sie nach wie vor dazu beitragen, die Handlungsfähigkeit einer Stadt nach innen wie nach außen zu erhalten oder zu stärken und damit gleichzeitig die Basis für produktive Kooperationsbeziehungen zu schaffen. Gleiches gilt für die Staaten, die sich zu einem Verbund wie der EU zusammenschließen. Aus der Entwicklung der europäischen Hafenstadt ließe sich vor diesem Hintergrund unter anderem lernen, dass selbstbewusstes Beharren auf Eigenständigkeit und die pragmatische "Kooperation der Egoisten" keinen Gegensatz darstellen müssen, sofern die wechselseitigen Beziehungen nicht durch einseitiges Dominanzstreben geprägt werden und gemeinsame Institutionen tatsächlich als Träger gemeinsamer Interessen funktionieren und anerkannt werden.

Fußnoten

15.
Marianne Rodenstein, Die Eigenart der Städte – Frankfurt und Hamburg im Vergleich, in: Helmuth Berking/Martina Löw (Hrsg.), Die Eigenlogik der Städte. Neue Wege für die Stadtforschung, Frankfurt/M.–New York 2008, S. 261–311, hier S. 299.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Günter Warsewa für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.