Unruhige See vor Korsika

15.12.2017 | Von:
Felix Schürmann

Raum ohne Ort? Meere in der Geschichtsforschung

Netzwerke und Welten

Nicht nur diese Perspektivierung des Meeres sollte sich als wegbereitend erweisen. Auch die sie überwölbende Idee, die Ursprünge historischer Prozesse in transmaritimen Bewegungen und Beziehungen und mithin im transitären Dazwischen zu suchen – anstatt von einer territorialen Verwurzelung auszugehen –, inspiriert die Geschichtsforschung bis heute.

Nicht wenige der an Braudels Mittelmeerwelt orientierten Untersuchungen befassen sich ebenfalls mit Nebenmeeren, etwa mit der Ostsee oder dem Schwarzen Meer.[8] Bereits 1959 aber konturierte der US-amerikanische Historiker Robert Palmer auch einen der Ozeane als Geschichtsraum: Die demokratischen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts analysierte er als atlantisches Phänomen.[9] Diese und daran anknüpfende Beschwörungen des Atlantiks als historisches Band[10] standen zunächst unverkennbar im Zeichen des Kalten Krieges. Häufig auf den britisch-imperial geprägten Nordatlantik und ideengeschichtliche Fragen verengt, ließen sie sich unschwer als traditionsbildende Rechtfertigungserzählungen für das Konzept einer westlichen Wertegemeinschaft lesen.

Bald jedoch löste sich die Geschichtsschreibung zum Atlantik aus ihrem ideologischen Entstehungszusammenhang. Studien über die atlantischen Imperien der iberischen Seemächte[11] und die transmaritimen Beziehungen afrikanischer und lateinamerikanischer Gesellschaften erweiterten das Forschungsfeld nicht nur regional, sondern auch thematisch – unter anderem um religions- und migrationsgeschichtliche Aspekte.[12] Überdies bildete sich seit Ende der 1960er Jahre ein Forschungszweig zum atlantischen Sklavenhandel heraus,[13] dessen Einsichten in raumsystemische Zusammenhänge auch Studien zum Atlantikhandel etwa mit Zucker, Mais oder Tabak befruchtet haben.[14]

Parallel zu diesen Entwicklungen versuchten Historiker, auch den Widerstand gegen die beschriebenen westlichen Ordnungsmodelle atlantisch herzuleiten. 1986 identifizierte Julius Sherrard Scott die Kommunikation unter Seeleuten, Hafenarbeitern und weiteren Subalternen als entscheidenden Faktor dafür, dass sich Nachrichten über soziale Unruhen in der Zeit der Haitianischen Revolution in Windeseile über das Karibische Meer verbreiteten.[15] In Erweiterung dieser Perspektive legten Peter Linebaugh und Marcus Rediker 14 Jahre später den imposanten Entwurf einer "Geschichte des revolutionären Atlantiks" vor. Geteilte Erfahrungen und Motive vereinten demnach verschiedene Gruppen von Besitzlosen über das Meer hinweg zu einem atlantischen Proletariat, das im 17. und 18. Jahrhundert als Antagonist zur Formierung der kapitalistischen Weltwirtschaft auftrat.[16]

Betrachtungen der übrigen Weltmeere als Geschichtsräume ließen nicht lange auf sich warten. Bereits 1961 reüssierte der mauritische Archivar Auguste Toussaint mit einer Geschichte des Indischen Ozeans.[17] Daran anknüpfend und den Ansatz von Braudel erweiternd analysierte der indische Historiker Kirti Chaudhuri in den 1980er Jahren die Welt des Indischen Ozeans als ein räumliches System, in dem über Jahrhunderte gewachsene, durch die Monsunwinde rhythmisierte Fernhandelsbeziehungen weitreichende migratorische, religiöse und kulturelle Verflechtungen hervorgebracht haben.[18] Manche Gesellschaften, die weit entfernt voneinander am und mit dem afro-asiatischen Meer lebten, verband oft mehr untereinander als mit benachbarten Gesellschaften im Landesinnern. Von dieser Beobachtung her haben Historiker des Indischen Ozeans die "litorale Gesellschaft" (Küstengesellschaft) als spezifischen Typus historischer Gesellschaften konzeptualisiert.[19] Fragen nach der Übertragbarkeit dieses Ansatzes, den distinktiven Merkmalen des Indiks und seiner Stellung im globalen Zusammenhang haben viele weitere Studien angeregt.[20]

Ebenfalls in den 1960er Jahren avancierte der Pazifik zum Gegenstand der Geschichtsschreibung.[21] Unter dem Eindruck der zeitgleichen Unabhängigkeitswerdung weiter Teile der ozeanischen Inselwelt orientierten sich dahingehende Studien früh an postkolonialen Theorie- und Kritikansätzen. Ein in Canberra begründeter Forschungsstrang legte das Hauptgewicht auf das Handlungsvermögen indigener Inselgesellschaften; schulenbildende Kontroversen entbrannten um die Gewichtung der europäischen Kolonialpräsenz und um die Erklärung der Tötung des Seefahrers James Cook 1779 auf Hawaii.[22] Neben sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Untersuchungen, die meist auf Inseln fokussierten, entstanden bald auch kulturgeschichtliche Studien.[23] Diese griffen nicht nur die selbstreflexiven Ansätze der Kultur- und Sozialanthropologie auf, sondern konzeptualisierten auch Schiffe und Strände als spezifische Typen historischer Kontaktzonen.[24] Nicht zufällig finden sich unter den Vordenkern der historisch-anthropologischen Strömung der Geschichtsforschung manche Historiker des Pazifiks.[25]

Fußnoten

8.
Vgl. Charles King, The Black Sea, Oxford 2004; Michael North, Geschichte der Ostsee, München 2011.
9.
Robert R. Palmer, The Age of the Democratic Revolution. A Political History of Europe and America, 1760–1800, Bd. 1: The Challenge, Princeton 1959.
10.
Vgl. John G. A. Pocock, The Machiavellian Moment. Florentine Political Thought and the Atlantic Republican Tradition, Princeton 1975.
11.
Vgl. Pierre Chaunu/Huguette Chaunu, Séville et l’Atlantique (1504–1650), 12 Bde., Paris 1955–1960.
12.
Einen Überblick gibt Bernard Bailyn, Atlantic History, Cambridge 2005. Seither erschienen u.a. Thomas Benjamin, The Atlantic World. Europeans, Africans, Indians and their Shared History, 1400–1900, Cambridge 2009; Susanne Lachenicht, Hugenotten in Europa und Nordamerika. Migration und Integration in der Frühen Neuzeit, Frankfurt/M.–New York 2010; Ulrike Schmieder/Hans-Heinrich Nolte (Hrsg.), Atlantik. Sozial- und Kulturgeschichte in der Neuzeit, Wien 2010.
13.
Für einen Wegbereiter vgl. Philip Curtin, The Atlantic Slave Trade, Madison 1969.
14.
Vgl. Alfred Crosby, The Columbian Exchange: Biological and Cultural Consequences of 1492, Westport 1972; Sidney Mintz, Sweetness and Power. The Place of Sugar in Modern History, New York 1985; Marcy Norton, Sacred Gifts, Profane Pleasures: A History of Tobacco and Chocolate in the Atlantic World, Ithaca 2008.
15.
Vgl. Julius S. Scott, The Common Wind. Currents of Afro-American Communication in the Era of the Haitian Revolution, Dissertation, Duke University 1986.
16.
Vgl. Peter Linebaugh/Marcus Rediker, The Many-Headed Hydra. Sailors, Slaves, Commoners, and the Hidden History of the Revolutionary Atlantic, Boston 2000.
17.
Vgl. Auguste Toussaint, Histoire de l’Ocean Indien, Paris 1961.
18.
Vgl. Kirti N. Chaudhuri, Asia before Europe. Economy and Civilization of the Indian Ocean from the Rise of Islam to 1750, Cambridge 1990.
19.
Vgl. Michael Pearson, Littoral Society, in: Journal of World History 4/2006, S. 353–373.
20.
Einschlägig sind insbesondere die Arbeiten von Edward Alpers, Gwyn Campbell, Ashin Das Gupta, Kenneth McPherson und Michael Pearson. Zur in Deutschland und Österreich betriebenen Forschung siehe Roderich Ptak, Die maritime Seidenstraße. Küstenräume, Seefahrt und Handel in vorkolonialer Zeit, München 2007; Dietmar Rothermund/Susanne Weigelin-Schwiedrzik (Hrsg.), Der Indische Ozean. Das afro-asiatische Mittelmeer als Kultur- und Wirtschaftsraum, Wien 2004; Jan-Georg Deutsch/Brigitte Reinwald (Hrsg.), Space on the Move. Transformations of an Indian Ocean Seascape in the Nineteenth and Early Twentieth Centuries, Berlin 2002.
21.
Vgl. etwa Ron G. Crocombe, Land Tenure in the Pacific, Oxford 1971; Jim Davidson, Problems of Pacific History, in: Journal of Pacific History 1/1966, S. 5–21; Harry Maude, Of Islands and Men, Melbourne 1968; Dorothy Shineberg, They Came for Sandalwood. A Study of the Sandalwood Trade in the South-West Pacific, 1830–1865, Melbourne 1967.
22.
Vgl. Kerry Howe, The Fate of the "Savage" in Pacific Historiography, in: New Zealand Journal of History 2/1977, S. 137–154; Alan Moorehead, The Fatal Impact. An Account of the Invasion of the South Pacific, 1767–1840, New York 1966; Gananath Obeyesekere, The Apotheosis of Captain Cook. European Mythmaking in the Pacific, Princeton 1992; Marshall D. Sahlins, How "Natives" Think. About Captain Cook, for Example, Chicago 1995.
23.
Einen Überblick geben Donald Denoon et al. (Hrsg.), The Cambridge History of the Pacific Islanders, Cambridge 1997.
24.
Vgl. Greg Dening, Islands and Beaches. Discourse on a Silent Land – Marquesas 1774–1880, Honolulu 1980. Zum Konzept der Kontaktzone in der meeresbezogenen Geschichtsforschung siehe Gesa Mackenthun/Bernhard Klein (Hrsg.), Das Meer als kulturelle Kontaktzone, Konstanz 2003.
25.
Vgl. Greg Dening, History’s Anthropology. The Death of William Gooch, Lanham–London 1988; Marshall D. Sahlins, Historical Metaphors and Mythical Realities, Ann Arbor 1981.
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