Unruhige See vor Korsika

15.12.2017 | Von:
Felix Schürmann

Raum ohne Ort? Meere in der Geschichtsforschung

Gegenräume und Eigenwelten

Die in der Historiografie zum Pazifik früh beobachtbare Polarisierung zwischen einer empirisch ausgerichteten Sozialgeschichtsforschung und einer hermeneutisch orientierten Kulturgeschichtsforschung entwickelte sich in den 1980er Jahren zu einem zentralen Spannungsfeld innerhalb der Geschichtswissenschaft. Wahlweise in Opposition oder Ergänzung zu der Tendenz, maritime Welten und Netzwerke den Panoramaperspektiven sozialhistorischer Großentwürfe einzuverleiben, erkundeten Historiker – und immer häufiger auch Historikerinnen – den Geschichtsraum Meer verstärkt in kultur-, alltags- und mikrogeschichtlichen Betrachtungen.

In einer Kulturgeschichte der Küste zeigte Alain Corbin 1988, wie sich in Europa der lange als bedrohlich gefürchtete Grenzraum zwischen Land und Meer im Zuge von Aufklärung und Romantik in einen Sehnsuchtsort verwandelte. Wie die neuzeitliche "Meereslust" über die Ebene populärer Imaginationen hinaus die materielle Gestalt von Küsten verändert hat, legte der Landschaftshistoriker John Stilgoe am Fall Neuenglands eindrucksvoll dar.[26] Untersuchungen, die Meeres- und Küstenräume in Anlehnung daran als Projektionsflächen für Phantasien, Wünsche und Emotionen in den Blick nehmen, können sich auf eine Überlegung von Michel Foucault stützen. Schon in den 1960er Jahren hatte der französische Philosoph die Bedeutung der neuzeitlichen Seefahrt als "Reservoir für die Phantasie" herausgestellt und Schiffe als idealtypisches Beispiel für sein Konzept der "Heterotopien" benannt: randständige Orte, die in einer Gesellschaft als normabweichend gelten und sich deshalb in besonderem Maße eignen, Illusionen einer anderen Wirklichkeit anzuregen.[27]

Einen kulturgeschichtlichen Zugriff auf das Meer, der dieses in ähnlicher Weise als Gegenraum begreift, legte 1993 der britische Soziologe Paul Gilroy vor. In seiner Studie über die Herausbildung der Schwarzen Diaspora in der Folge des Sklavenhandels konzipierte er den Atlantik als Entstehungsraum einer Gegenkultur zur westlichen Moderne.[28] Gilroys "Black Atlantic" begründete einen Forschungszweig zur Geschichte afro-atlantischer Selbstverständigung und inspirierte weitere Diasporastudien, etwa über die Iren in der Atlantischen Welt ("Green Atlantic").[29] In seiner großen Frage- und Beobachtungsreichweite steht Gilroys Ansatz den sozialhistorischen Studien über die Welten der Weltmeere durchaus nahe. Als lohnender Weg, kultur- und sozialgeschichtliche Perspektiven zusammenzuführen, sollte sich indes das mikrogeschichtliche Verfahren erweisen. So hat der australische Historiker Greg Dening in einer Studie über die berühmt gewordene Meuterei auf der "Bounty" 1789 im Südpazifik das Schiff als eine Bühne metaphorisiert, auf der sich neuzeitliche Sozialpraktiken und Kulturtechniken in nuce studieren lassen.[30]

Das in den 1980er Jahren zunehmende Forschungsinteresse an Schiffen – in Deutschland als "Schifffahrtsgeschichte" gefasst – speiste sich auch aus aufsehenerregenden Funden der Unterwasserarchäologie, Nachbauten historischer Wasserfahrzeuge und außerwissenschaftlichen Impulsen wie der Präsenz maritimer Sujets in der Populärkultur. Im Zusammenspiel mit der Restaurierung historischer Segel- und Dampfschiffe in einer wachsenden Zahl maritimer Museen erfuhren zugleich die Technik- und Wirtschaftsgeschichte der Seefahrt einen Aufschwung.[31]

Aus der Beschäftigung damit kam 1986 der Anstoß für die Gründung einer internationalen Maritime Economic History Group, aus der die heutige International Maritime History Association hervorging. Um die Vereinigung und ihre Zeitschrift, das "International Journal of Maritime History", formierte sich eine neuartige Forschungsrichtung, die maritime Geschichte. Ihr geht es gewissermaßen um Spezialisierung ohne Verengung: Mit der Marinegeschichtsschreibung verbindet sie der Anspruch, das meeresbezogene historische Geschehen in seinen spezifischen Eigenheiten zu durchdringen – anstatt die Meere bloß ergänzend in sozial- oder kulturgeschichtliche Großerzählungen zu integrieren. Anders aber als die klassische Marinegeschichte bietet die maritime Geschichte eine breite thematische Offenheit. Zu ihren Dauerthemen zählen der Arbeits- und Lebensalltag auf Schiffen, meeresbezogene Gesetzgebungen und Rechtsordnungen, Schifffahrtsunternehmen, Hafen- und Transportinfrastrukturen sowie die Geschlechterkultur der Seefahrt – letztere popularisiert etwa durch die britische Historikerin Jo Stanley.[32] Jüngere Forschungszweige befassen sich mit der Geschichte von Tauchen und Surfen, von Yachtsport und Kreuzfahrttourismus, vom Lesen und Schreiben an Bord, von Schiffstieren, Meeresgöttern, Musikkulturen – die Liste ließe sich schier endlos fortführen.

Fußnoten

26.
Vgl. Alain Corbin, Le territoire du vide. L’occident et le désir du rivage, 1750–1840, Paris 1988; John R. Stilgoe, Alongshore, New Haven–London 1994.
27.
Vgl. Michel Foucault, Die Heterotopien, der Utopische Körper. Zwei Radiovorträge, Berlin 2013, S. 7–22.
28.
Vgl. Paul Gilroy, The Black Atlantic. Modernity and Double Consciousness, Cambridge 1993.
29.
Vgl. Peter D. O’Neill/David Lloyd (Hrsg.), The Black and Green Atlantic, Basingstoke 2009.
30.
Vgl. Greg Dening, Mr Bligh’s Bad Language, Cambridge 1992.
31.
Vgl. Lars U. Scholl (Hrsg.), Technikgeschichte des industriellen Schiffbaus in Deutschland, 3 Bde., Hamburg–Wiefelstede 1994–2014.
32.
Vgl. Jo Stanley, Women and the Royal Navy, New York 2017.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Felix Schürmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.