Unruhige See vor Korsika

15.12.2017 | Von:
Felix Schürmann

Raum ohne Ort? Meere in der Geschichtsforschung

Akteure und Lebensräume

Obschon manche Forschungsstränge und Zugangsweisen noch gar nicht genannt sind – etwa aus der Umweltgeschichte oder der Alten und Mittelalterlichen Geschichte –, zeigt sich deutlich: Trotz ihrer relativen Ortsarmut entziehen sich die Meere dem Zugriff der Geschichtswissenschaft keineswegs. Den einen historischen Ort des Ozeans gibt es indes nicht, vielmehr scheinen sich die Perspektiven auf den Geschichtsraum Meer beständig zu vervielfältigen und auszudifferenzieren.

Und heute? Unter den in jüngster Zeit erstarkten Forschungsbereichen erkennt gerade die Globalgeschichte den Meeren eine eminente Bedeutung zu – resultierten doch Prozesse globaler Interaktion und Integration für den längsten Teil der Geschichte aus transmaritimen Bewegungen.[33] Globalgeschichtliche Untersuchungen, die in Anlehnung an Verfahren der mobilen Ethnografie den Bewegungen von Menschen, Objekten oder etwa Metaphern folgen,[34] vermögen die Meere aus dem Containerraum-Denken zu lösen, das manche Forschungen etwa zur atlantischen Geschichte noch immer durchwirkt. Allerdings durchdringen auch die globalhistorischen Studien die maritime Dimension ihrer Themen unterschiedlich tief. Durch den Rückgriff auf Einsichten der maritimen Geschichte gelangen manche frische Perspektiven auf das Gewordensein der globalisierten Gegenwart.[35] Viele Untersuchungen aber bringen die Meere kaum als distinktive Geschichtsräume zur Geltung. Der Schifffahrts- und Fischereihistoriker Ingo Heidbrink spricht von dieser Leerstelle als dem "blauen Loch" der Globalgeschichtsforschung; zu ihren Ursachen zählt er einen Mangel an meereskundlichem Wissen unter Historikerinnen und Historikern.[36]

Unterzieht man jenes meereskundliche Wissen seinerseits einer Historisierung, so erweitert sich der Blick auf den Geschichtsraum Meer um zusätzliche Facetten. Die Geschichte der wissenschaftlichen Exploration des Antarktischen Ozeans etwa offenbart, dass dieser den Forschenden eine Fülle von Antizipations- und Anpassungshandlungen abverlangte – vom Bau geeigneter Schiffe über die Konstruktion passender Instrumente bis hin zur Entwicklung angemessener Verfahren der Datenerhebung.[37] Studien zur Wissensgeschichte, einem derzeit ebenfalls stark beforschten Feld, legen es angesichts solcher Prägekräfte nahe, die Meere ihrerseits als Akteure in historischen Prozessen zu begreifen.[38]

Dazu kann die Wissensgeschichte – und nicht nur sie – an Ideen von Bruno Latour anknüpfen. Der französische Soziologe hat die soziale Welt als ein Netzwerk konzipiert, das auch Dinge und Tiere agierend ausgestalten.[39] Auf die Meere gewendet lässt sich das Handlungsvermögen nichtmenschlicher Entitäten etwa an der Geschichte des Walfangs zeigen: Indem Wale in ihrem Wanderungsverhalten die Routen ihrer Jäger maßgeblich vorbestimmten, gestalteten sie die ab Mitte des 18. Jahrhunderts global dimensionierte Topografie des Walfangs ihrerseits mit. Einen mittelbaren Anteil hatten die Tiere folglich auch am Provianthandel der Walfänger mit Küstengesellschaften, von denen manche dadurch erst in maritime Interaktionsnetze eingebunden wurden.[40]

Am Thema des Walfangs erweist sich zuletzt exemplarisch, wie die Geschichtsforschung über die Meere durch die Erweiterung ihrer Themen und Herangehensweisen ein vielversprechendes Potenzial für die inner- und interdisziplinäre Zusammenarbeit aufgebaut hat. So haben Forscherinnen und Forscher aus der Geschichtswissenschaft und der Meeresbiologie von 2000 bis 2010 gemeinsam Logbücher nordamerikanischer Walfänger ausgewertet, um Einsichten in die historischen Bestandsgrößen und Migrationswege von Walpopulationen zu gewinnen.[41] Ähnlich angelegte Kooperationsprojekte nutzen die auf Schiffen geführten Wetteraufzeichnungen, um historischen Klimaveränderungen nachzuspüren.[42] Im Zeichen des Klimawandels und der fortschreitenden Zerstörung mariner Lebensräume scheint die meeresbezogene Geschichtsforschung auch wieder unter Anwendungsgesichtspunkten gefragt zu sein. Der Marinegeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts ist sie damit näher gerückt, als ihre Vertreterinnen und Vertreter es selbst wohl erwartet hätten.

Fußnoten

33.
Vgl. Patrick Manning, Global History and Maritime History, in: International Journal of Maritime History 1/2013, S. 1–22.
34.
Vgl. Robert Harms, The Diligent. A Voyage Through the Worlds of the Slave Trade, New York 2002. Zur mobilen Ethnografie vgl. James Clifford, Routes. Travel and Translation in the Late Twentieth Century, Cambridge 1997; George E. Marcus, Ethnography in/of the World System, in: Annual Review of Anthropology 24/1995, S. 95–117.
35.
Vgl. Charles C. Mann, 1493. Uncovering the New World Columbus Created, New York 2011; Lincoln Paine, The Sea and Civilization. A Maritime History of the World, New York 2013.
36.
Vgl. Ingo Heidbrink, Closing the "Blue Hole". Maritime History as a Core Element of Historical Research, in: International Journal of Maritime History 2/2017, S. 325–332.
37.
Vgl. Pascal Schillings, Der letzte weiße Flecken. Europäische Antarktisreisen um 1900, Göttingen 2016.
38.
So einige Beiträge in Alexander Kraus/Martina Winkler (Hrsg.), Weltmeere. Wissen und Wahrnehmung im langen 19. Jahrhundert, Göttingen 2014.
39.
Zunächst in Bruno Latour, Les microbes. Guerre et paix suivi de irréductions, Paris 1984.
40.
Vgl. Felix Schürmann, Der graue Unterstrom. Walfänger und Küstengesellschaften an den tiefen Stränden Afrikas, 1770–1920, Frankfurt/M.–New York 2017.
41.
Vgl. Tim D. Smith et al., Spatial and Seasonal Distribution of American Whaling and Whales in the Age of Sail, in: PLoS ONE 4/2012.
42.
Siehe etwa http://www.oldweather.org« oder http://icoads.noaa.gov/reclaim«.
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