Schlaraffenland. Farbdruck nach Zeichnung von Pauli Ebner

5.1.2018 | Von:
Ingrid Hoffmann
Carolin Krems
Thorsten Heuer
Maria Gose

Zum Ernährungsverhalten in Deutschland

Lebensmittelverzehr: Mann ungleich Frau?

Männer essen bevorzugt Fleisch, Frauen greifen dagegen häufiger zu Obst, Gemüse und Süßigkeiten. Das zumindest ist oft die erste – klischeebehaftete – Vermutung, wenn wir an die Ernährung von Männern und Frauen denken. Doch spiegelt das die Realität wider? Die Auswertungen der NVS II zeigen, dass Männer insgesamt im Durchschnitt 3,6kg und Frauen 3,2kg Lebensmittel pro Tag verzehren.[10] Zwei Drittel davon werden dabei über Getränke aufgenommen. Hinsichtlich des Anteils der verzehrten Lebensmittel unterscheiden sich jedoch Männer und Frauen. Im Vergleich zu den Frauen trinken Männer doppelt so viel Limonaden (198g/Tag vs. 90g/Tag) und mehr als sechsmal so viel Bier (299g/Tag vs. 47g/Tag) (Abb. a). Frauen bevorzugen hingegen Kräuter- und Früchtetees. Allerdings haben beide Geschlechter gemeinsam, dass der Großteil ihrer Flüssigkeitszufuhr über Wasser sowie Kaffee und Tee (grün/schwarz) gedeckt wird. Im Durchschnitt trinken Frauen 1,0 Liter und Männer 0,9 Liter Wasser pro Tag. Wird der Teekonsum hinzugerechnet, erreichen beide Geschlechter den von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung angegebenen Orientierungswert für die Flüssigkeitszufuhr von 1,5 Litern pro Tag.[11] Die Orientierungswerte stellen eine mögliche Lebensmittelauswahl im Rahmen einer vollwertigen Ernährung dar und müssen nicht aufs Gramm genau eingehalten werden.

Anteil (Prozent) von Lebensmittelgruppen am täglichen Lebensmittelverzehr von Männern und Frauen (Nationale
Verzehrsstudie II, 2005–07). a Getränke, b weitere LebensmittelAnteil (Prozent) von Lebensmittelgruppen am täglichen Lebensmittelverzehr von Männern und Frauen (Nationale Verzehrsstudie II, 2005–07). a Getränke, b weitere Lebensmittel (© Eigene Berechnungen)
Geschlechterspezifische Unterschiede zeigen sich nicht nur im Hinblick auf Getränke: Männer essen zu einem großen Anteil Brot/Getreideprodukte und Milch/-produkte (Abb. b). Auf dem dritten Platz liegen Fleisch und Wurstwaren. Bei den Frauen stehen Milch und Milchprodukte an erster Stelle, gefolgt von Obst und Brot/Getreide. Im Vergleich zu den Männern stehen bei den Frauen Fleisch und Wurstwaren also tatsächlich in einem deutlich geringeren Umfang auf dem Speiseplan. Umgerechnet auf die Woche verzehren Frauen 588g und Männer 1092g Fleisch und Wurstwaren.[12] Damit überschreiten Männer den Orientierungswert von 300 bis 600g pro Woche um fast das Doppelte.[13]

Frauen essen mehr Obst: 182g Obst durchschnittlich pro Tag.[14] Das sind im Vergleich zu den Männern 39g mehr Obst oder bildlich ausgedrückt: Frauen verzehren beispielsweise eine halbe Mandarine mehr pro Tag. In Bezug auf den Gemüseverzehr sieht die Sache anders aus: Beide Geschlechter liegen mit 124g Gemüse pro Tag gleich auf. Insgesamt essen aber sowohl Männer als auch Frauen zu wenig Obst und Gemüse. Die Orientierungswerte für den täglichen Verzehr von Obst und Gemüse liegen bei mindestens 250g beziehungsweise 400g pro Tag.[15]

Obwohl Frauen häufig als "Naschkatzen" gelten, unterscheidet sich der Süßwarenverzehr von Männern und Frauen nicht gravierend (70g vs. 63g/Tag).[16] Süßwaren umfassen dabei nicht nur Schokolade und Fruchtgummi, sondern unter anderem auch Fruchtaufstriche, Nuss-Nougat-Cremes und Speiseeis.

Das Klischee über den geschlechterspezifischen Unterschied in der Ernährung kann also dahingehend bestätigt werden, dass Männer zu viel Fleisch essen und Frauen eher zu Obst greifen. Frauen weisen insgesamt eine günstigere (gesündere/ausgewogenere) Lebensmittelauswahl auf als Männer. Jedoch stammen alle bisher aufgeführten Daten von der NVS II und beziehen sich damit nur auf den Zeitraum von 2005 bis 2007. Es könnte daher sein, dass sich die Ernährungsweise von Männern und Frauen im letzten Jahrzehnt geändert hat – immerhin scheint das Interesse an gesunder Ernährung in Deutschland gestiegen zu sein. Beispielsweise nimmt der Umsatz von Bio-Lebensmitteln oder vegetarischen Produkten von Jahr zu Jahr zu.[17] Doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier: Auch die Daten der Längsschnittstudie NEMONIT zeigen über die Jahre 2008 bis 2012 dieselben geschlechterspezifischen Unterschiede im Lebensmittelverzehr.[18] Die Verzehrmengen der einzelnen Lebensmittelgruppen variieren zum Großteil nur leicht von Jahr zu Jahr. Der Verzehr von Gemüse, Fleisch und Wurstwaren ist konstant geblieben. Nur der Verzehr von Obst und Obstsaft sowie Nektar nahm ab, während der Konsum von Wasser, Kaffee und Tee (grün/schwarz) bei Frauen als auch Männern zunahm. Alles in allem werden in Deutschland aber weiterhin im Durchschnitt zu wenig pflanzliche Lebensmittel und dafür zu viele Lebensmittel tierischen Ursprungs (insbesondere Fleisch und Wurstwaren) verzehrt – egal, ob von Mann oder Frau.

Fußnoten

10.
Vgl. Carolin Krems et al., Lebensmittelverzehr und Nährstoffzufuhr – Ergebnisse der Nationalen Verzehrsstudie II, in: Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) (Hrsg.), Ernährungsbericht 2012, Bonn 2012, S. 42–52.
11.
Vgl. DGE, DGE-Ernährungskreis, http://www.dge.de/ernaehrungspraxis/vollwertige-ernaehrung/ernaehrungskreis/«.
12.
Vgl. Krems et al. (Anm. 10).
13.
Vgl. DGE (Anm. 11).
14.
Vgl. Krems et al. (Anm. 10).
15.
Vgl. DGE (Anm. 11).
16.
Vgl. Krems et al. (Anm. 10).
17.
Vgl. GfK, Consumer Index Juli 2017, http://www.gfk.com/fileadmin/user_upload/dyna_content/; Institut für Handelsforschung, Vegan-Boom: Kernmarkt der vegetarischen und veganen Lebensmittel wächst auf 454 Millionen Euro, Pressemitteilung, 22.2.2016, http://www.ifhkoeln.de/pressemitteilungen/details/vegan-boom-kernmarkt-der-vegetarischen-und-veganen-lebensmittel-waechst-auf-454-millionen-euro«.
18.
Vgl. Gose et al. (Anm. 7).
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