Schlaraffenland. Farbdruck nach Zeichnung von Pauli Ebner

5.1.2018 | Von:
Ursula Hudson

Schlafende Riesen? Über den selbstwirksamen Verbraucher - Essay

Veggie-food im Dorfwirtshaus

Zu den erfreulichen Entwicklungen im Lebensmittelsektor zählt neben dem Trend zur Regionalität das breitere vegetarische Angebot – sogar in dörflichen Wirtshäusern, in denen sonst das Schnitzel breitflächig über den Tellerrand wabert. Der Höhepunkt des Fleischverzehrs könnte in einigen Industrieländern tatsächlich überschritten sein. Längst haben auch die Supermärkte die Zeichen der Zeit erkannt und stellen reichlich Veggie-Food – wenn auch mitunter von zweifelhafter Qualität und Zusammensetzung – in ihre Regale. Gleichzeitig hält in der Spitzengastronomie der Gemüsetrend an, Fleisch wird neuerdings sogar eher als Beilage serviert.

Die Verbraucher haben diese Entwicklung ganz wesentlich mit angeschoben und mitgetragen: Gerade junge Leute ernähren sich zunehmend vegetarisch und teilweise auch vegan.[3] Als Folge ist der Fleischverzehr in Deutschland gleich mehrere Jahre hintereinander zurückgegangen, er liegt jetzt ziemlich genau bei 60 Kilogramm pro Kopf und Jahr.[4] Das gilt allerdings nicht für die Fleischproduktion. Die deutsche Agrarindustrie konnte – auch dank Exportsubventionen – den Rückgang des Fleischkonsums auf dem heimischen Markt nicht nur durch stärkere Exporte ausgleichen, sondern sogar überkompensieren. Für Klima und Umwelt sowie für bessere Haltungsformen ist also trotz des eindrucksvollen und seit einigen Jahren anhaltenden Rückgangs in den Verbrauchsziffern nichts gewonnen worden. Dieses Beispiel zeigt die Grenzen der Verbrauchermacht in unserem Land deutlich auf.

Auch der Bio-Boom und das Aufblühen der ökologischen Landwirtschaft in den vergangenen Jahren zeigen beispielhaft, wie politische Initiativen und Verbraucherverhalten zusammenwirken. "Bio" brauchte und braucht auch heute noch politischen Anschub durch Förderung und Umstellungshilfen für Bauern, durch Zielvorgaben und nicht zuletzt durch ein öffentliches Klima, das die Vorzüge einer bäuerlichen Landwirtschaft ohne den großflächigen Einsatz von Pestizid-, Dünger- und Arzneimitteln sowie einer artgerechteren Tierhaltung klar benennt und anerkennt. Und natürlich braucht diese Form der Landwirtschaft auch Käufer, die bereit und in der Lage dazu sind, für die umwelt- und klimafreundlich hergestellten Lebensmittel mehr zu bezahlen. Es braucht Kunden, die mit ihrem Alltagshandeln mithelfen, einen neuen Markt zu etablieren, egal ob sie es aus einem gesellschaftlichen Verantwortungsgefühl oder aus Eigennutz tun. Wir Deutschen gehören übrigens zu jenem knausrigen Dutzend europäischer Länder, die mit am wenigsten für Lebensmittel ausgeben.

Gerade das Beispiel Bio zeigt aber auch die Steifnackigkeit der oft beschworenen Verbrauchermacht. Sobald nämlich der Preisabstand zwischen biologisch und konventionell erzeugten Lebensmitteln zu groß ist, werden die zuvor in allerlei Umfragen artikulierten Ideale geopfert und mehrheitlich doch lieber die günstigeren Lebensmittel eingekauft. Das gilt vor allem für Fleisch. Anders als bei Milchprodukten, Obst und Gemüse dümpelt der Verkauf von Biofleisch in Deutschland noch immer in Nischenregionen und erreicht bei Schweinefleisch gerade mal die Ein-Prozent-Marke.[5] Das würde sich ändern, wenn die Haltungsvorschriften auch in konventionellen Betrieben anspruchsvoller wären und einer Billigproduktion auf Kosten der Tiere und der Umwelt Grenzen gesetzt wären. Auch bei diesem Thema sieht man, wie Politik und Verbraucherverhalten zusammenwirken.

Die große Mehrheit der Deutschen spricht sich immer wieder für eine bessere Tierhaltung aus und äußert die Bereitschaft, mehr Geld auszugeben, damit es den Tieren besser geht. Wie können wir diese Menschen nun beim Wort nehmen und sie ermuntern, ihr Budget für Lebensmittel ein wenig zu erhöhen und lieber woanders zu sparen? Schließlich geben wir für ein superelastisches Motorenöl, das im Bauch unseres Autos verschwindet, bereitwillig 30 oder 40 Euro aus – für ein Öl, das für unseren eigenen Bauch bestimmt ist, darf es dann die Billigware für 2,99 Euro sein. Der Magen braucht den guten Stoff offenbar nicht.

Ausgaben für Essen und nichtalkoholische Getränke im Jahr 2016, Anteil an den Verbraucherausgaben eines Haushalts in Prozent.Ausgaben für Essen und nichtalkoholische Getränke im Jahr 2016, Anteil an den Verbraucherausgaben eines Haushalts in Prozent. (© United States Department of Agriculture, Economic Research Service, Percent of Consumer Expenditures on Food, Alcoholic Beverages and Tobacco that Were Consumed at Home, by Selected Countries, 2016, www.ers.usda.gov/data-products/food-expenditures. Verbra)

Ausgaben für Essen und nichtalkoholische Getränke im Jahr 2016 in US-Dollar pro Person.Ausgaben für Essen und nichtalkoholische Getränke im Jahr 2016 in US-Dollar pro Person. (© United States Department of Agriculture, Economic Research Service, Percent of Consumer Expenditures on Food, Alcoholic Beverages and Tobacco that Were Consumed at Home, by Selected Countries, 2016, www.ers.usda.gov/data-products/food-expenditures.)


Fußnoten

3.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Tamara Pfeiler in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
4.
Vgl. Deutsches Fleischerhandwerk, Weniger Schwein, dafür mehr Rind und Geflügel auf dem Teller, Pressemitteilung, 18.5.2017, http://www.fleischerhandwerk.de/presse/pressemitteilungen/weniger-schwein-dafuer-mehr-rind-und-gefluegel-auf-dem-teller.html«.
5.
Vgl. Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft, Zahlen, Daten, Fakten – Die Bio-Branche 2017, S. 3, http://www.boelw.de/fileadmin/media/pdf.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ursula Hudson für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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