Schlaraffenland. Farbdruck nach Zeichnung von Pauli Ebner

5.1.2018 | Von:
Ursula Hudson

Schlafende Riesen? Über den selbstwirksamen Verbraucher - Essay

Ernährungsvorschriften: so beliebt wie Fußpilz

Was wir gelernt haben: Wir sollten den Verbrauchern trotz allem nicht mit Zwang, Druck und Predigten kommen – das funktioniert nicht. Strenge Vorschriften, was man gefälligst zu essen habe, sind so beliebt wie Fußpilz. Wer sich bevormundet fühlt, der macht gern das Gegenteil dessen, was er eigentlich tun sollte. Auch die Versuche, mit Steuern oder Gesundheitszuschlägen das Einkaufs- und Konsumverhalten bei Nahrungsmitteln zu beeinflussen, sind oft genug gescheitert. Es bleibt meist nur das Bohren dicker Bretter, das kluge Argumentieren, das Vorleben, die Freude am Guten, das Charisma der Qualität. Und natürlich muss die Politik die für viele Entwicklungen notwendigen Rahmenbedingungen setzen. Manchmal braucht es auch noch gute Ideen.

Ein pfiffiger Berliner Gastronom hatte solch eine Idee. Weil auf den Tellern seines Restaurants häufig beachtliche Portionen vom halben gegrillten Hähnchen oder von der Haxe liegen blieben, wies er seine Bedienungen an, grundsätzlich und ohne Aufforderung den Gästen ein Doggybag[6] an den Tisch zu bringen und sie zu ermuntern, die Reste doch einzupacken. Hemmungen und Scham der Gäste, die nicht kleinlich oder geizig erscheinen wollten, wenn sie die Reste mitnehmen, sind seitdem elegant überwunden. Die freundliche Gestaltung des Doggybags mit dem dezent gehaltenen Hinweis, dass in Europa rund ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen werden, tut ein Übriges. Ergebnis: Deutlich mehr Essensreste werden seitdem mit nach Hause genommen. Dadurch wird im Restaurant weniger weggeworfen, weshalb sich die Entsorgungskosten des Gastwirts spürbar reduziert haben. Alle gewinnen. In Frankreich wurde inzwischen eigens ein Doggybag-Gesetz verabschiedet, alle großen Restaurants müssen neuerdings eine Schachtel für Essensreste vorhalten.

Lebensmittelverschwendung ist eines der typischen Themen, bei denen klar wird, dass nur das Zusammenspiel multipler Akteure Erfolge verspricht. Die Verschwendung in den Industrienationen summiert sich nach Aussagen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) auf einen Wert von 680 Milliarden Dollar im Jahr.[7] Wissenschaftliche Studien zeigen eindrucksvoll, dass nicht nur die Verbraucher, sondern bereits die Erzeuger und in der Folge viele weitere Akteure in der Verantwortung stehen. Die Erzeuger sortieren zum Beispiel bei der Karottenernte nach den Vorgaben des Markts Jahr für Jahr zwischen 25 und 40 Prozent "fehlerhafter" Exemplare aus, weil sie Risse, kleine Fraß- oder Faulstellen, Grünköpfigkeit und andere Mängel zeigen oder weil sie zu klein, zu dick, zu groß, zu lang, zu krumm, zu blass oder anderweitig schlecht gewachsen sind und nicht dem Prototyp der makellosen Musterkarotte entsprechen.[8] Bei der Lagerung, der Distribution und der Lebensmittelverarbeitung fallen weitere Abfälle und Verluste an. Die Verbraucher, aber auch Restaurants, Kantinen und Mensen stehen am Ende der Versorgungskette. In verschiedenen Studien zum Thema werden sie für den größten Teil der Verschwendung verantwortlich gemacht. Nach Zahlen der EU-Kommission sind die prozentualen Anteile der Lebensmittelabfälle wie folgt verteilt: 42 Prozent im Haushalt, 39 Prozent bei der Herstellung, 14 Prozent in der Gastronomie und 5 Prozent im Groß- und Einzelhandel.[9]

Um diese Zahlen zu reduzieren, braucht es auch hier die Unterstützung der Politik. Wir benötigen bessere Daten über Lebensmittelabfälle in der gesamten Kette, nationale Ziele für die Vermeidung, aber auch Maßnahmen gegen die Überproduktion. Zudem sollte das Mindesthaltbarkeitsdatum durch ein weicheres Verbrauchsdatum ersetzt werden. Moralische Appelle allein an die Verbraucheradresse greifen gerade bei diesem Thema zu kurz. Stattdessen muss es ein zentrales Ziel sein, die Wertschätzung von Lebensmitteln zu erhöhen. Das gilt für die gesamte Gesellschaft. Die Achtung der Esskultur und der kulinarischen Traditionen sind Teil dieser Wertschätzung, die einen achtsamen Umgang mit den Ressourcen und damit ein verantwortungsvolles Alltagshandeln befördert. Ernährung als Unterrichtsfach in den Schulen würde ebenfalls helfen, Kompetenz und Respekt im Umgang mit Nahrungsmitteln zu stärken.

Jeder Haushalt kann durch sein Alltagshandeln die Verschwendung in der eigenen Küche reduzieren und das sollte er auch. Aber erst die gesellschaftliche Anstrengung wird nachhaltige Erfolge bringen. Denn die Marktlogik und die Machtverhältnisse, Werbung und Preisgestaltung, die Verpackungsgrößen und anderes mehr setzen individuellen Strategien immer wieder Grenzen. Ein verantwortungsvolles Handeln und eine entsprechende kulinarische Orientierung werden zudem von der Lebensmittelindustrie oft genug unterlaufen, nicht nur beim Thema Verschwendung. Erinnert sei nur an die unzähligen Labels, Siegel und Qualitätszeichen, die meist nichts anderes sind als Marketingtricks. Glaubt man den Qualitätsversprechen im Lebensmittelhandel, dann gibt es heute nur noch hochwertige Lebensmittel aus natürlicher Umgebung, artgerechter Tierhaltung und von bestem Geschmack. Das jedenfalls ist die Botschaft, die uns in jedem Supermarkt begegnet. Etiketten und Verpackung versenden in Sekundenbruchteilen ihre positiven Botschaften, um den Kunden zu ködern. Dazu werden selbst verliehene Güte- und Pseudosiegel verwendet. Das Biozeichen ist zwar geschützt, aber Begriffe, die das Produkt in einen ähnlich ökologisch-natürlichen Kontext rücken, sind es nicht. Natürlich grast die auf Milchpackungen abgebildete Kuh auf einer saftigen Wiese, das Huhn pickt im Freiland, das Schwein wälzt sich wohlig im Dreck. Solche Aussagen auf den Verpackungen werden von der Lebensmittelaufsicht toleriert, schließlich, so wird argumentiert, wisse doch jeder, dass die Milch nicht direkt von der Kuh kommt, sondern pasteurisiert, homogenisiert und hocherhitzt in riesigen Abfüllstationen verarbeitet wird. Weil der Verbraucher angeblich alles weiß, ist auch alles erlaubt. So werden Verbraucher bei jedem Einkauf für dumm verkauft, consumer confusion ist eher die Regel als die Ausnahme. Gleichzeitig hat das ständige Qualitätsversprechen den Begriff "Qualität" weitgehend entwertet. Es geht nämlich nicht nur um die äußere optische Qualität. Lebensmittel haben auch eine innere ethische Qualität, die sich auf den gesamten Herstellungsprozess bezieht, auf die Tierhaltung und auf die Bezahlung der an der Herstellung beteiligten Personen.

Um die Kompetenz der Verbraucher zu stärken, damit sie bei der Lebensmittelauswahl zwischen "gut" und "böse" unterscheiden und durch ihr Alltagsverhalten tatsächlich das Lebensmittelsystem positiv mitgestalten können, brauchen wir ein ehrlicheres Bezeichnungsrecht. Solange aus Sägemehl hergestelltes Erdbeeraroma als "natürliches Aroma" im Packungsaufdruck stehen darf, sollten wir uns nicht über verwirrte Verbraucher wundern. Und erst wenn die Milch von natürlich gehaltenen Kühen mit regelmäßigem Weidegang auch als Weidemilch erkennbar und unterscheidbar ist, wird der Verbraucher überhaupt in die Lage versetzt, verantwortungsbewusst auszuwählen. Dann kann er mit seiner Kaufentscheidung dafür sorgen, dass nicht immer mehr Kühe aus unseren Landschaften in die Ställe verschwinden und dort mit brasilianischem Soja gefüttert werden, für dessen Herstellung ganze Urwälder von der Bildfläche verschwinden.[10]

Natürlich sollten die Verbraucher auch selbst ihre Kompetenz stärken. Wer sich für den Anfang vielleicht nur ein einziges Lebensmittel aussucht, bei dem er es etwas genauer wissen will und sich entsprechend informiert, der wird schnell dazulernen. Das Ur-Lebensmittel Brot wäre dafür ein guter Kandidat. Gutes Brot braucht viel Zeit in der Herstellung, die ihm die Industriebäcker nicht mehr gönnen. Wo finden Sie ein langsames Sauerteigbrot, das richtig gut nach "Zeitwohlstand" schmeckt? Machen Sie sich auf die Suche, es lohnt sich. Oder backen Sie doch einmal selbst ein Brot aus Homemade-Sauerteig. Regelmäßiges Selberkochen ist ein guter Kursus und zugleich ein Akt der Selbstbehauptung. Zumindest, solange unter Kochen nicht das Aufwärmen von Fertigprodukten verstanden wird. Wer seine Rohstoffe selbst einkauft und zubereitet, der weiß nicht nur, was er isst. Der macht sich im besten Fall auch lebensmittelschlau und entwickelt eine Leidenschaft für gutes Essen und authentische Erzeugnisse. Wer sich dann noch ein wenig Dreck unter die Fingernägel holt, weil er gärtnert und einen – vielleicht nur sehr kleinen – Teil seines Essens im Garten und auf dem Balkon selbst erzeugt, der ist weitgehend gefeit gegen die Entwertung von Lebensmitteln als reine Wirtschaftswaren, die mancherorts wie Ziegelsteine produziert werden.

Fazit

Verantwortungsvoll einkaufen und mitgestalten? Unbedingt – soweit wir das können. Eine einseitige Verantwortungszuschreibung an die Verbraucher halte ich aber für eine problematische Verengung und Vereinfachung, wie viele der obigen Beispiele gezeigt haben. Politik, Handel, Gastronomie und die Ernährungsindustrie sind machtvolle Player in diesem Spiel, die eine große Mitverantwortung tragen. Wenn wir das Ernährungssystem nachhaltig verändern wollen – und das müssen wir! –, dann können das nicht allein die Verbraucher und Verbraucherinnen richten. Deren Einkaufstasche nachhaltiger zu füllen, ihr Handeln verantwortungsbewusster zu machen, ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Eine mächtige Wirtschaftsbranche lässt sich nicht durch freiwillige Maßnahmen und Kaufentscheidungen der Verbraucher umkrempeln. Dass jeder Einzelne einen kleinen Teil der Verantwortung trägt, wird damit nicht bestritten. Politisches und gesellschaftliches Engagement sind dabei aber genauso wichtig wie individueller nachhaltiger Konsum. Dass es in jedem Fall sinnvoll ist, bei der Wahl der Lebensmittel darauf zu achten, dass sie gut, sauber und fair sind, dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Erstens schmeckt es besser, zweitens hat man ein gutes "Gefühl" im Bauch und im Kopf und drittens gilt, um es mit den Worten des Künstlers und Journalisten Jürgen Dahl zu sagen: Wer zuhause anfängt, verantwortungsbewusst zu handeln, der wird "vielleicht nicht die Welt retten, dafür aber die eigene Würde".[11]

Fußnoten

6.
Doggybag ist die englischsprachige Bezeichnung für Behälter, in denen Gäste Reste ihres bestellten, aber nicht vollständig verzehrten Essens mit nach Hause nehmen können. Der Begriff entstand erstmals in den USA im Jahr 1943, als Hundebesitzer begannen, Essensreste mit nach Hause zu nehmen, um trotz strenger Lebensmittelrationierung ihre Tiere füttern zu können. Vgl. Sophie Burfeind, Kommt in die Tüte, 13.1.2016, http://www.sz.de/1.2816234«.
7.
Vgl. FAO: Key Facts on Food Loss and Waste You Should Know!, 2017, http://www.fao.org/save-food/resources/keyfindings/en/«.
8.
Vgl. Kathrin Klockgether/Walter Dirksmeyer, Lebensmittelverluste in der deutschen Gemüseproduktion – Erkenntnisse aus Fallstudien zur Erzeugung von Möhre und Salat, Präsentation, Thünen-Institut für Betriebswirtschaft, Osnabrück 3.3.2017, S. 8, http://refowas.de/images/Refowas_DGG_2017.pdf«.
9.
Vgl. Europäische Kommission, Impact Assessment on Measures Addressing Food Waste to Complete SWD (2014)207 Regarding the Review of EU Waste Management Targets, SWD(2014) 289 final, 23.9.2014, S. 10ff., http://ec.europa.eu/environment/eussd/pdf/IA.PDF«.
10.
Vgl. Joan Reijs et al., Grazing Dairy Cows in North-West Europe. Economic Farm Performance and Future Developments with Emphasis on the Dutch Situation, Wageningen–Den Haag 2013.
11.
Jürgen Dahl, Zwölfzylinder schadstoffarm – von den Aporien des sogenannten Umweltschutzes, Jahresschrift für skeptisches Denken 21/1992, S. 228–245, hier S. 245.
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