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Schlaraffenland. Farbdruck nach Zeichnung von Pauli Ebner

5.1.2018 | Von:
Tamara Pfeiler

Du bist, was du isst? Psychologische Forschung zum Fleischkonsum

Individuelle Unterschiede der Essenden

Warum entscheiden sich manche Menschen für eine vegane oder vegetarische Ernährung und andere nicht? Die am häufigsten genannten Gründe für eine ganz oder teilweise pflanzliche Ernährung sind ethische Bedenken in Bezug auf Tiere oder gesundheitliche Überlegungen.[9] Zudem werden Umweltbedenken und Ekel vor Fleisch häufig genannt.[10] Fragt man dagegen Personen, warum sie Fleisch essen, ist der am häufigsten genannte Grund, dass sie den Geschmack mögen, gefolgt von Gewohnheit, Einfluss vom sozialem Umfeld beziehungsweise gesundheitlichen Überlegungen (eine Ernährung ohne Fleisch wird als ungesund angesehen).[11]

Darüber hinaus wird ein Zusammenhang mit soziodemografischen Faktoren wie Geschlecht, Alter und sozioökonomischem Status diskutiert.[12] Fleisch als Symbol von Maskulinität, Stärke und Dominanz über die Natur gilt auch heutzutage noch als archetypisches Essen für Männer.[13] Der Verzehr von pflanzlichen Nahrungsmitteln dagegen ist eher mit Femininität und Schwäche assoziiert.[14] Daher überrascht es nicht, dass Frauen im Vergleich zu Männern durchschnittlich weniger Fleisch konsumieren und häufiger berichten, vegetarisch zu leben.[15] Für die deutsche Bevölkerung repräsentative Studien ergaben, dass Vegetarierinnen und Vegetarier zwar im Durchschnitt jünger sind als fleischessende Personen; jedoch konsumieren von den fleischessenden Personen die Jüngeren mehr Fleisch als Ältere.[16] Vor allem der Bildungsstand ist darüber hinaus ein wichtiger Einflussfaktor auf die Ernährung. Hier zeigt sich konsistent ein negativer Zusammenhang zu Fleischkonsum, das heißt je niedriger das Bildungsniveau, desto mehr Fleisch wird konsumiert. Personen, die sich vegetarisch ernähren, haben dagegen häufiger einen höheren Bildungsstand als Omnivore.[17]

Im Kontext von Fleischkonsum wurden auch die Big-Five-Persönlichkeitseigenschaften (Offenheit für neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus) untersucht.[18] Offenheit für Erfahrungen umfasst die Tendenz, neue Dinge auszuprobieren, gegenüber Emotionen offen zu sein und Ästhetik zu schätzen. Gewissenhafte Personen sind eher diszipliniert, pflichtbewusst und bevorzugen es, Handlungen zu planen. Extravertierte Individuen sind enthusiastisch und tendieren mehr zu Aktion, unterhalten sich gerne und setzen sich eher durch. Verträglichkeit zeigt sich in dem Wunsch nach sozialer Harmonie und darin, dass es als ein wichtiger Wert angesehen wird, mit anderen gut auszukommen, vertrauensvoll und hilfsbereit zu sein. Neurotizismus zeichnet sich dadurch aus, dass mehr negative Emotionen erlebt werden und eine eher geringe Toleranz gegenüber Stress und aversiven Reizen sowie eine Tendenz zu emotionaler Instabilität vorliegen. Diese Eigenschaften werden in der Forschung üblicherweise abgefragt, indem die Befragten angeben sollen, wie sehr sie bestimmten Aussagen zustimmen. Eine einzelne Eigenschaft wird dabei mit einem Set mehrerer Aussagen abgefragt.

Selbstdefinierte Vegetarierinnen und Vegetarier weisen bei solchen Studien im Vergleich zu Fleischessenden höhere Werte in puncto Offenheit und geringere im Bereich der Gewissenhaftigkeit auf.[19] Darüber hinaus deuten internationale Studien darauf hin, dass vegane Menschen offener, gewissenhafter und emotional stabiler sind im Vergleich zu Personen, die sich vegetarisch ernähren.[20] Andersherum konsumieren Personen, die sich in Persönlichkeitstests als offener, verträglicher und gewissenhafter als der Bevölkerungsdurchschnitt erwiesen, weniger Fleisch.[21]

Zusätzlich wurde das Empathieempfinden als Persönlichkeitseigenschaft untersucht. Dabei zeigte sich eine geringere emotionale Empathie Fleisch essender Personen gegenüber Tieren im Vergleich zu Personen, die vegetarisch und vegan leben.[22] Darüber hinaus zeigen sich omnivor ernährende Menschen im Vergleich mit vegetarisch und vegan lebenden Menschen in bildgebenden Verfahren eine geringere Aktivität in empathiebezogenen Arealen des Gehirns, wenn sie ein Video über Gewalt an Tieren sehen. Dasselbe Phänomen tritt bei dieser Personengruppe auf, wenn sie ein Video zu Gewalt an Menschen ansehen.[23] Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass über verschiedenen Studien hinweg empirische Evidenz dafür gefunden wurde, dass Persönlichkeitseigenschaften mit dem Konsum von Fleisch zusammenhängen. Allerdings ist bisher noch nicht abschließend geklärt, ob hier kausale Mechanismen vorliegen und wenn ja, in welche Richtung sie wirken: Beeinflussen Persönlichkeitseigenschaften das Ernährungsverhalten oder wirkt sich das Ernährungsverhalten auf Persönlichkeitseigenschaften aus?

Fußnoten

9.
Vgl. Nick J. Fox/Katie Ward, You Are What You Eat? Vegetarianism, Health, and Identity, in: Social Science & Medicine 12/2008, S. 2585–2595.
10.
Vgl. Joop deBoer/Hanna Schösler/Harry Aiking, Towards a Reduced Meat Diet: Mindset and Motivation of Young Vegetarians, Low, Medium, and High Meat-Eaters, in: Appetite 113/2017, S. 387–397; Daniel M.T. Fessler et al., Disgust Sensitivity and Meat Consumption: A Test of an Emotivist Account of Moral Vegetarianism, in: Appetite 1/2003, S. 31–41.
11.
Vgl. Emma Lea/Anthony Worsley, The Cognitive Context of Beliefs about the Healthiness of Meat, in: Public Health Nutrition 1/2002, S. 37–45; Emma Lea/Anthony Worsley, Benefits and Barriers to the Consumption of a Vegetarian Diet in Australia, in: Public Health Nutrition 5/2003, S. 127–136.
12.
Vgl. Sabine Stoll-Kleemann/Uta J. Schmidt, Reducing Meat Consumption in Developed and Transition Countries to Counter Climate Change and Biodiversity Loss: A Review of Influence Factors, in: Regional Environmental Change 5/2016, S. 1–17.
13.
Vgl. Carol Adams, The Sexual Politics of Meat: A Feminist-Vegetarian Critical Theory, New York 2000; Paul Rozin et al., Is Meat Male? A Quantitative Multimethod Framework to Establish Metaphoric Relationships, in: Journal of Consumer Research 39/2012, S. 659–643.
14.
Vgl. Alan Beardsworth/Alan Bryman, Meat Consumption and Vegetarianism among Young Adults in the UK: An Empirical Study, in: British Food Journal 4/1999, S. 289–300.
15.
Vgl. Christina Tobler/Vivianne H.M. Visschers/Michael Siegrist, Eating Green. Consumers’ Willingness to Adopt Ecological Food Consumption Behaviors, in: Appetite 3/2011, S. 674–682.
16.
Vgl. Pfeiler/Egloff (Anm. 7); dies., Personality and Attitudinal Correlates of Meat Consumption: Results of Two Representative German Samples, unveröffentlichtes Manuskript 2017.
17.
Vgl. René Mõttus et al., The Association between Personality, Diet and Body Mass Index in Older People, in: Health Psychology, 4/2013, S. 353–360.
18.
Vgl. John M. Digman, Personality Structure: Emergence of the Five Factor Model, in: Annual Review of Psychology 41/1990, S. 417–440.
19.
Vgl. Pfeiler/Egloff (Anm. 7).
20.
Vgl. Christian Kessler et al., Personality Profiles, Values and Empathy: Differences between Lacto-Ovo-Vegetarians and Vegans, in: Forschende Komplementärmedizin 2/2016, S. 95–102.
21.
Vgl. Pfeiler/Egloff (Anm. 7); Carmen Keller/Michael Siegrist, Does Personality Influence Eating Styles and Food Choices? Direct and Indirect Effects, in: Appetite 84/2015, S. 128–138.
22.
Brooke D. Preylo/Hiroko Arikawa, Comparison of Vegetarians and Non-Vegetarians on Pet Attitude and Empathy, in: Anthrozoös 4/2008, S. 387–395.
23.
Massimo Filippi et al., The Brain Functional Networks Associated to Human and Animal Suffering Differ Among Omnivores, Vegetarians, and Vegans, in: Plos One 5/2010, S. e10847.
Creative Commons License

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