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Schlaraffenland. Farbdruck nach Zeichnung von Pauli Ebner

5.1.2018 | Von:
Tamara Pfeiler

Du bist, was du isst? Psychologische Forschung zum Fleischkonsum

Wahrnehmung der Gegessenen

Geschlachtete Tiere in Deutschland, 2012, in Millionen pro SymbolGeschlachtete Tiere in Deutschland, 2012, in Millionen pro Symbol (© bpb, Abb. 3: Heinrich-Böll-Stiftung/BUND/Le monde diplomatique (Hrsg.), Fleischatlas 2014. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel, Berlin 2015, S. 35.)
Jährlich werden über 65 Milliarden Tiere (nicht mit eingerechnet sind erjagte Tiere sowie Fischarten und Meerestiere) weltweit für die Fleisch-, Milch- und Eierindustrie getötet. Es werden also in anderthalb Jahren mehr Tiere für den menschlichen Konsum getötet, als je Menschen auf der Erde gelebt haben.[36] Die Produktion von tierlichen Nahrungsmitteln stellt eine Form von institutionalisierter Gewalt gegen Tiere dar, da diese empfindungsfähigen Subjekte in der Haltung, dem Transport zum Schlachthof und dem letztendlichem Akt der Tötung physisch geschädigt werden und leiden.[37] Andererseits gehen Menschen emotionale Bindungen mit Tieren ein; Gewalt gegen bestimmte Tiere (wie Haustiere) ist sozial nicht akzeptiert.[38] Die meisten Menschen möchten also nicht, dass Tiere leiden, dennoch konsumieren sie tierliche Produkte. Beide sich widersprechenden Motive können zu einem moralischen Konflikt führen.[39] Dieser moralische Konflikt wurde als das Fleisch-Paradox beschrieben.[40] Es lassen sich verschiedene Prozesse beschreiben, die Menschen nutzen, um sich moralisch von der Gewalt gegen Tiere im Kontext von Ernährung zu distanzieren.[41] Eine Möglichkeit ist es, den Konsum von Fleisch und anderen tierlichen Produkten aufzugeben. Eine andere, essbaren Tieren die Eigenschaften abzusprechen, die sie mit Menschen teilen – Intelligenz, Emotionen und andere geistige Fähigkeiten wie Handlungs- und Empfindungsfähigkeiten.[42] Beispielsweise ist die Bereitschaft, bestimmte Tiere zu essen, negativ mit der Zuschreibung von geistigen Fähigkeiten assoziiert.[43] Darüber hinaus sprechen Fleisch essende Menschen Tieren, die traditionell als essbar kategorisiert sind (zum Beispiel Schweinen), eher einzigartig menschliche Eigenschaften und sekundäre Emotionen ab.[44] Auch einer unbekannten Spezies, die als essbar beschrieben wird, wird weniger Leidensfähigkeit und moralische Berücksichtigung zugesprochen, wenn diese unbekannte Tierart lediglich als Tier beschrieben wird.[45] Die Kategorisierung als essbar kann sogar die sehr basale Wahrnehmung von Gesichtern bei Primaten negativ beeinflussen.[46] Liegt dagegen der Fokus auf den psychologischen Eigenschaften von Tieren, kann das eher Ekel hervorrufen und zu einer abnehmenden Bereitschaft, diese Tiere zu essen, führen.[47]

Zudem lassen sich weitere Distanzierungsmechanismen aufführen, die die psychologische Auseinandersetzung mit dem moralischen Konflikt unterbinden. Orte, an denen strukturelle Gewalt gegen Tiere ausgeübt wird (zum Beispiel Schlachthöfe), sind geografisch ausgelagert und räumlich distanziert und somit psychologisch nicht präsent. Auch die Verwendung von Euphemismen in der Sprache (zum Beispiel Geflügel statt Huhn, Produktionsprozess statt Schlachtung, Fleisch statt Körperteil) kann als ein Distanzierungsmechanismus gedeutet werden. Derartige Euphemismen maskieren die Gewaltausübungen, degradieren Tiere zu leblosen Objekten und verhindern eine psychologische Bewusstheit über die Gewalt gegen das Subjekt Tier.[48]

Viele psychologische Arbeiten verdeutlichen, wie institutionalisierte Gewalt gegen Tiere psychologische Prozesse auf Seiten des Menschen beeinflussen. Die erläuterten Distanzierungsstrategien, aber auch Überzeugungen, die dem Essen von Tieren zugrunde liegen, unterstützen ein moralisches Disengagement und rechtfertigen den eigenen als auch allgemeinen Fleischkonsum.

Fazit

Eine psychologische Perspektive auf den Konsum von Tieren beziehungsweise dessen Ablehnung unterstreicht individuelle Unterschiede der Essenden in Persönlichkeit, Überzeugungen und Einstellungen, aber auch in der Wahrnehmung von Tieren. Dennoch fehlen bislang Studien zum Einfluss von strukturellen, gesellschaftlichen sowie situativen Faktoren, die den Konsum von Tieren unterstützen und die erklären, wie diese Faktoren zusammenwirken. Werden die negativen Auswirkungen des Konsums von Tieren berücksichtigt, scheint es von Bedeutung zu sein, mehr über die psychologischen Prozesse im Kontext von Fleischkonsum zu wissen, um zukünftig Verhaltensveränderungen auf individueller und struktureller Ebene anstoßen zu können.

Fußnoten

36.
Vgl. Hilal Sezgin, Angst. Qual. Tod. Warum ist Gewalt gegen Tiere erlaubt, wenn sie gegen Menschen verboten ist? Ein Plädoyer für ein Ende des Gemetzels, in: Die Zeit, 30.1.2014, S. 54.
37.
Vgl. Sonja Buschka/Julia Gutjahr/Marcel Sebastian, Gewalt an Tieren, in: Christian Gudehus/Michaela Christ (Hrsg.), Gewalt: Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart-Weimar 2013, S. 75–82.
38.
Vgl. Tamara Pfeiler/Mario Wenzel, Psychologie: Von Mensch zu Tier, in: Reingard Spannring et al. (Hrsg.), Disziplinierte Tiere, Bielefeld 2015, S. 189–228.
39.
Vgl. Joy (Anm. 31); Hal Herzog, Some We Love, Some We Hate, Some We Eat: Why It’s So Hard to Think Straight About Animals, New York 2010.
40.
Vgl. Steve Loughnan/Nick Haslam/Brock Bastian, The Role of Meat Consumption in the Denial of Moral Status and Mind to Meat Animals, in: Appetite 55/2010, S. 156–159.
41.
Vgl. Bilewicz et al. (Anm. 38); Graça et al. (Anm. 33).
42.
Vgl. Steve Loughnan/Brock Bastian/Nick Haslam, The Psychology of Eating Animals, in: Current Directions in Psychological Science 2/2014, S. 104–108; Brock Bastian/Steve Loughnan, Resolving the Meat Paradox: A Motivational Account of Morally Troublesome Behavior and its Maintenance, in: Personality and Social Psychology Review 3/2017, S. 278–299.
43.
Vgl. Brock Bastian et al., Don’t Mind Meat? The Denial of Mind to Animals Used for Human Consumption, in: Personality and Social Psychology Bulletin 2/2012, S. 247–256.
44.
Vgl. Bilewicz et al. (Anm. 38).
45.
Vgl. Boyka Bratanova/Steve Loughnan/Brock Bastina, The Effect of Categorization as Food on the Perceived Moral Standing of Animals, in Appetite 1/2011, S. 193–196.
46.
Vgl. Michal Bilewicz/Jakub Michalak/Olga K. Kaminska, Facing the Edible. The Effects of Edibility Information on the Neural Encoding of Animal Faces, in: Appetite 105/2016, S. 542–548.
47.
Vgl. Matthew B. Ruby/Steven Heine, Too Close to Home. Factors Predicting Meat Avoidance, in: Appetite 1/2012, S. 47–52.
48.
Vgl. Joy (Anm. 32); Scott Plous, Psychological Mechanisms in the Human Use of Animals, in: Journal of Social Issues 1/1993, S. 11–52.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Tamara Pfeiler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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