Schlaraffenland. Farbdruck nach Zeichnung von Pauli Ebner

5.1.2018 | Von:
Harald Lemke

Eine konviviale Menschheit? Zur Zukunft einer planetaren Tischgesellschaft

Abenteuerliche Ankunft in besseren Welten

Wer genauer hinschaut, sieht, wie die rettenden Kräfte und die notwendigen Bewegungen des neuen Gastro-Kosmopolitismus "von unten" wachsen. Den Futurismus einer konvivialen Menschheit überall wahrzunehmen und zu verstärken, wo dieser nicht in ferner Zukunft oder in unmenschlich-außerirdischer Entfernung liegt, sondern bereits hier und jetzt – durch eine abenteuerliche Ankunft in besseren Wirklichkeiten – alltäglich praktiziert wird, ist die weltrettende Aufgabe der Gastrosophie.

All die Initiativen und Ernährungswende-Politiken versuchen die erst 2015 von den Vereinten Nationen erneut bekräftigten und erweiterten "Ziele für nachhaltige Entwicklung" praktisch umzusetzen (Von-oben-Politik und Von-unten-Bewegungen zusammenführend). Viele Aktivitäten der gastropolitischen Weltretter gehen aber weit über die SDG-Ziele hinaus (denen ein unkonkretes "Leben in Würde" aller Menschen auf diesem Planeten vorschwebt): Sie verbinden die Zukunft einer nachhaltigen Gesellschaft mit der neohumanen Entwicklung eines besseren Essens aller Erdbewohner – einer planetaren Tischgesellschaft.

Trotzdem darf man angesichts der moralischen und völkerrechtlichen Selbstverpflichtungen der SDG seitens der Staatengemeinschaft durchaus etwas staunen: Ein Großteil dieser utopischen Ziele lassen sich durch nichts anderes erreichen als durch eine umfassende Verbesserung der globalen Ernährungsverhältnisse. Trotzdem bleibt beispielsweise die viel beschworene Energiewende ein bloßer Wunschtraum, solange nicht einer ihrer Hauptfaktoren – die Landwirtschaft – ins Zentrum der gesellschaftspolitischen Aufmerksamkeit rückt. Oder wurden im Zuge der diversen Klimaabkommen und Energiewende-Politiken entsprechende Programme verabredet, die die konsequente Umstellung auf eine ökologisch und ökonomisch nachhaltige, solidarische Landwirtschaft in allen Ländern und Städten der Erde ermöglichen? Dabei ist die Agrarwende bloß einer der vielen Not-Wendigkeiten einer globalen Ernährungswende und einer humanen Politik des Essens.[19]

Halten wir also fest, dass sich wie vielerorts rund um den Erdball auch hierzulande allmählich ein kosmopolitisches "Food Movement" formiert.[20] Dagegen wird zwar in den Medien bereits polemisiert (mit absatzförderlichen Schlagzeilen wie: "Ernährung wird zur Ersatzreligion!"). Diese oft ideologisch motivierte Abwehrreaktion wird jedoch kaum etwas daran ändern, dass immer mehr Menschen als sich ihrer Verantwortung bewusste "erdverbundene Wesen"[21] den Tatsachen ins Auge sehen: Zahlreiche Krisensymptome unserer Zivilisation lassen den drohenden Weltuntergang – sollte es zu keiner umfassenden Ernährungswende kommen – von Tag zu Tag wahrscheinlicher werden.

Gastrowissenschaften und gastropolitische Bildung

Wer sich also als Politikerin oder als einfacher Bürger ein wenig mit unserer menschlichen Essistenz beschäftigt, merkt bald, dass längst ausgereifte praktische und wissenschaftliche Diskurse darüber existieren, was im Sinne eines "guten Essens für alle" getan werden müsste. Es lässt sich beobachten, dass zurzeit so etwas wie neuartige Gastrowissenschaften entstehen, das heißt innovative und vernetzte Formen des Wissens, der wissenschaftlichen Forschung und Lehre, die sich mit gastrosophischen Erkenntnissen, Techniken und Praktiken der Ernährungswende beschäftigen. Sie können diverse Erkenntnisse und normative Standards, die bereits etablierten Gerechtigkeitskonzepten oder der Tierethik, den Nachhaltigkeits- und Gesundheitswissenschaften zugrunde liegen, für sich nutzen.

Um die detailreichen Zusammenhänge dieses gesellschaftlichen Wandels (inklusive der gastropolitischen Strategien) zu erfassen und in ihrer Komplexität aufeinander zu beziehen, bedarf es jedoch einer eigenständigen multidisziplinären Wissenschafts- und Forschungspraxis, wie sie auch bei anderen Themen und Bereichsethiken inzwischen üblich ist. Zweifelsohne werden sich die Gastrowissenschaften mithilfe einer entsprechenden Förderung ähnlich erfolgreich etablieren können, wie dies bei anderen bereichsspezifischen Ethiken und multidisziplinären Wissenschaften festzustellen ist. Noch aber leidet dieser junge Hoffnungsträger an chronischer Unterversorgung und mangelnder wissenschafts- und bildungspolitischer Anerkennung. Während Bioethik oder Neurowissenschaften inzwischen zum etablierten Wissenschaftskanon gehören, glauben viele weiterhin, dass kaum ein größerer und unüberbrückbarer Gegensatz vorstellbar ist als der zwischen Wissen und Essen. Allzu fraglos lebt in den Köpfen – und Küchen – der meisten die Unvernunft fort, dass so etwas Lebensweltliches wie das Essen nichts mit strenger Wissenschaft zu tun habe; zumindest nichts, was nennenswert über die vorhandene Ernährungswissenschaft hinaus weise. Angesichts der skizzierten Entwicklungen in Wissenschaft und Gesellschaft ist jedoch abzusehen, dass die abschätzige Haltung gegenüber gastrosophischen Denkweisen und Wissensformen sich selbst als eine ebenso unzeitgemäße wie unethische Mentalität ins Abseits stellt.

Fußnoten

19.
Vgl. auch Lemke (Anm. 8).
20.
Michael Pollan, The Food Movement, Rising, The New York Review of Books, 10.6.2010, http://www.nybooks.com/articles/2010/06/10/food-movement-rising/«.
21.
Bruno Latour, Der Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime, Berlin 2017, S. 475.
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