Schlaraffenland. Farbdruck nach Zeichnung von Pauli Ebner

5.1.2018 | Von:
Harald Lemke

Eine konviviale Menschheit? Zur Zukunft einer planetaren Tischgesellschaft

Fast-Food-Platonismus – posthumaner Fortschritt?

Woher rührt nun diese abschätzige Haltung? Es sei daran erinnert, dass die heute selbstverständliche Fast-Food-Mentalität, die eine andere, bessere Welt des Essens und die tägliche Kultur einer konvivialen Lebensart für uninteressant und wenig erstrebenswert hält, auf wirkungsmächtige Traditionen und tief verwurzelte Denkgewohnheiten der abendländischen Kulturgeschichte verweist. Sie versetzt uns zurück in die Geburtsstunde der westlichen Philosophie, als der Platonismus einen fatalen Grundgedanken unserer Kultur zur Welt brachte. Das Menschenbild, das die klassische Metaphysik damals entwarf und das in den darauf folgenden Jahrhunderten vom christlichen Heilsversprechen eines ewigen Lebens im Himmel aufgegriffen und durchgesetzt wurde, errichtete eine weltanschauliche Distanz zu den ganz irdischen "leiblichen Bedürfnissen" – speziell den vernunftlosen, animalischen "Lüsten des Essens und Trinkens".[22] Vernünftige Wesen würden ihre richtige Lebensweise, die Tugend (virtus) und die geistige Potenz (sapiens) ihres wahren Menschseins, dadurch unter Beweis stellen, dass sie die kulinarischen Dinge für niedrig und dem wahren Menschen unwürdig erachten. Als intelligente Wesen möchten sie sich stattdessen mit angeblich höheren, geistigen Dingen beschäftigen. Die geschichtliche Bestimmung der Menschheit sei, so will es diese Anti-Gastro-Philosophie, die Weltflucht in eine göttliche Transzendenz; die kosmische Wesenserfüllung des Homo sapiens verlange die ultimative Befreiung von den Zwängen einer erdgebundenen Essistenz hin zu der tugendhaften oder buchstäblich virtuellen Sphäre einer künstlichen Intelligenz, die – endlich – ganz ohne Essen und Trinken auskäme.

Dieser Fast-Food-Platonismus ist keine Sache der Vergangenheit. Das althergebrachte Bild des Menschen als eines denkenden Dings (res cogitans, wie der Rationalist René Descartes Jahrhunderte später an der Schwelle zur modernen Gesellschaft bekräftigte) beherrscht bis heute die intensiv geförderte Neurophilosophie und Hirnforschung nicht weniger als das kollektive Bewusstsein und treibt nun, durch digitale Technologien forciert, die futuristischen Bestrebungen einer Selbsttranszendierung des Menschen in den virtuellen Cyberspace oder in das himmlische Weltraum-Jenseits an.

Worin wird der Unterschied zwischen Menschen und Maschinen, zwischen uns als denkenden Dingen und anderen künstlichen Intelligenzen bestehen, die, wie manche Extropianer und andere Futuristen frohlocken, die humane Intelligenz irdischen Ursprungs in absehbarer Zeit übersteigen könnte? Sollten wir nicht besser ab morgen (statt unsere Lebenszeit im Weiter-so-Modus mit Arbeit zu vergeuden, die in Zukunft ohnehin Maschinen für uns verrichten) intensiv über das erdgeschichtlich bedeutende Ereignis nachdenken, dass derzeit mithilfe immenser öffentlicher und privater Gelder die wissenschaftlich-technischen Voraussetzungen für diesen "posthumanen Fortschritt" geschaffen werden – für eine illusorische Selbstabschaffung des Homo sapiens als Erdbewohner und esskulturellem Wesen. Konfrontiert mit einer total digitalisierten Welt der Algorithmen und Dataismen wird uns gar nichts anders übrig bleiben, als wieder einmal unbekannte Formen, Praktiken und Denkweisen der Menschlichkeit zu erfinden.

Statt des einseitigen Fokus und Förderungsschwerpunkts auf "gesunde Ernährung" sollte dabei im Sinne des gesellschaftstheoretischen und -politischen Weitblicks stärker die Glücksdimension des Themas zur Sprache kommen. Indem die Ernährungswende vielmehr als eine (gar nicht so unangenehme) Alltagspraxis eines "guten Lebens" vermittelt wird, kann "gutes Essen" sogar dafür gut sein, die uns überfordernd erscheinende Menschheitsaufgabe, ein ethisches Leben zu gestalten, ebenso interessant wie erstrebenswert zu machen.

Außerdem sollte die kulturelle Dimension des Themas Essen stärker berücksichtigt werden. Statt gesellschaftlichen Wandel primär von ökonomischen und technischen Entwicklungen zu erwarten, würde die kulturelle Evolution vor allem durch eine gastrosophische Bildungsoffensive auf allen Ebenen profitieren.[23] Ebenso stecken unendlich erneuerbare Ressourcen einer humanen Entwicklung darin, die zeitgenössische Kunstpraxis, trendige Experimentalküchen, Mitesszentralen und alle anderen innovativen Kräfte einer Kunst des Essens bestmöglich zu fördern und gutzuheißen.[24] Dazu gehört die Option, dass wir das, was wir sowieso jeden Tag tun, endlich ins Zentrum unserer Vorstellung von einem guten Leben rücken. Die Utopie, zu der die Gastrosophie also einlädt, lautet in einem weiteren aufrüttelnden Zuruf schlicht: "Lasst uns zu konvivialen Menschen werden!"

Fußnoten

22.
Platon, Phaidros, 96a; vgl. auch ausführliche Darstellung in: Lemke 2016 (Anm. 2), S. 63–106.
23.
Vgl. Harald Lemke, Philosophie der allgemeinen Ernährungsbildung oder: Bildungsoffensive für eine Ernährungswende, in: Steffen Wittkowske/Michael Polster/Maria Klatte (Hrsg.), Essen und Ernährung. Herausforderungen für Schule und Bildung, Bad Heilbrunn 2017, S. 207–225.
24.
Vgl. ders., Kunst des Essens. Zur Ästhetik des kulinarischen Geschmacks, Bielefeld 2007.
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