Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Michael Hochgeschwender

Zur Geschichte von Black America

Reconstruction, Jim-Crow-Gesetze und Lynchjustiz

Die befreiten Schwarzen versuchten, ihre teilweise in alle Winde zerstreuten Familien zu sammeln und neu aufzubauen,[26] strebten nach Bildung und politisch-gesellschaftlicher Teilhabe. Die reconstruction (1866–1877) erlaubte ihnen dies im Rahmen der Republikanischen Partei.[27] Selbst nach dem Ende der reconstruction gelang es schwarzen Politikern, teilweise in Zusammenarbeit mit den rassistischen Demokraten, bis in die 1880er Jahre an der Macht zu bleiben. In den Augen der weißen Südstaatler haben diese Regierungen bis heute den Geruch der Korruption und politischen Unfähigkeit. Dabei haben historische Untersuchungen gezeigt, dass die Regierungen nicht korrupter und unfähiger waren als die Regierungen der weißen Rassisten zuvor und danach. Die befürchteten Racheakte nach 200 Jahren Sklaverei und grausamer Unterdrückung blieben hingegen weitgehend aus, wozu einerseits die Präsenz der Unionsarmee beigetragen haben mag, andererseits und vor allem aber der religiös-ethische Einfluss der black church, die bis zum heutigen Tag das moralische Rückgrat der black community darstellt.[28]

Die Weißen im Süden reagierten auf diese Partizipationsversuche der Schwarzen mit rechtlicher Ausgrenzung: den black codes, die zugleich die ökonomische Abhängigkeit von den weißen Großgrundbesitzern durch das System des sharecropping zementierten. Schwarze erhielten mehrheitlich keine Bewegungsfreiheit und mussten für dieselben Herren arbeiten wie zu Zeiten der Sklaverei. Da die liberalen Republikaner nicht bereit waren, die Eigentumsverhältnisse im Süden zu verändern, kehrten die Großgrundbesitzer rasch an die Macht zurück. Ihre nominell freien Arbeiter wurden schlecht bezahlt und in permanenter wirtschaftlicher Abhängigkeit gehalten. So waren sie verpflichtet, Güter des alltäglichen Bedarfs in den Warenhäusern der Grundbesitzer zu überteuerten Preisen einzukaufen und deswegen beständig neue Kredite aufzunehmen.[29]

Begleitet wurden diese Maßnahmen von einer entsetzlichen Gewaltkultur. Allein 1868 brachten der Ku-Klux-Klan und verwandte Terrororganisationen im tiefen Süden weit über tausend Republikaner und freie Schwarze um. Diese Massaker zogen sich bis 1873 hin, ehe das militärische Eingreifen der Unionsgruppen die gewaltsame Opposition gegen die Reconstruction-Regimes beendete.[30] Danach aber gab die Union die reconstruction auf, und zwischen 1877 und 1896 setzten sich die lokalen und einzelstaatlichen Rassentrennungsgesetze, die Jim-Crow-Gesetze, im Süden auf breiter Front durch. Zwischen 1866 und 1967 waren Mischehen gesetzlich verboten (Entscheidung des Obersten Gerichtshofs "Loving v. Virginia"). Bald wurden das Schulsystem, die Verkehrssysteme, die Restaurants, Schwimmbäder, Trinkbrunnen, Toiletten und Kirchen nach Rassen getrennt. 1896 erklärte der Oberste Gerichtshof mit der Entscheidung "Plessy v. Ferguson" ("separate but equal") das System der Rassentrennung für verfassungskonform.

Der solid south mit seinem auf die Demokratische Partei gegründeten Einparteienregime entstand.[31] Ganz wesentlich basierte er auf der color line, die selbst armen Weißen die Möglichkeit eröffnete, sich als tragende Säulen einer "Herrenvolk democracy" zu fühlen, ohne indes sozioökonomisch wirklich von Belang zu sein.[32] Selbst der reformfreudige Franklin D. Roosevelt musste bei seinen Maßnahmen zum New Deal während der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre auf die rassistischen Vorbehalte seiner weißen südstaatlichen Wähler Rücksicht nehmen, wie überhaupt die Demokratische Partei bis in die 1960er Jahre von den sogenannten lily whites abhängig blieb.

Dies war Ausdruck und Folge der weiterhin außerordentlichen Brutalität, mit der die Rassentrennung durchgesetzt wurde. Zwischen 1890 und 1920 wurden über 3.000 schwarze Männer, nicht selten wegen des imaginierten Vorwurfs der Vergewaltigung, rituell gelyncht. In aller Öffentlichkeit wurden sie gefoltert, getötet, zerstückelt, verbrannt und Körperteile verkauft. Man nahm sogar Eintrittspreise zu diesen keineswegs spontanen Ereignissen. Die Justiz des Südens akzeptierte diese Formen extralegaler Volksgewalt vorbehaltlos. Erst als ab den 1920er Jahren vermehrt Schwarze legal (und bis 1935 öffentlich) hingerichtet wurden, ging die Zahl der lynchings deutlich zurück, um dann im Kampf gegen die Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre wieder zuzunehmen.[33]

Die Gewaltkultur des Südens vermochte es indes nicht, die Rassensegregation auf Dauer aufrechtzuerhalten. Insbesondere zwang die ökonomische Entwicklung zum Umdenken. Um 1916 begann, vor dem Hintergrund des sich abzeichnenden Eintritts der USA in den Ersten Weltkrieg und die damit verknüpften Rüstungsanstrengungen, die sogenannte Große Migration vieler Schwarzer in den industrialisierten Norden.[34] Dort stießen sie zwar auf rassisch motivierte Barrieren – weiße Familien weigern sich teilweise bis heute, Schwarze in der Nachbarschaft zu akzeptieren, weil dann die Grundstückspreise sinken –, insgesamt aber besserte sich ihre Situation. Eine schwarze Mittelklasse entstand, die sich dann mit weißen Aktivisten, darunter vielen Juden, verbündete, um etwa die Anti-Lynchbewegung im Norden institutionell abzusichern.

Fußnoten

26.
Siehe Herbert G. Gutman, The Black Familiy in Slavery and Freedom, 1750–1925, New York 1977.
27.
Vgl. Richard White, The Republic for which it Stands. The United States during Reconstruction and the Gilded Age, 1865–1896, New York 2017; Steven Hahn, A Nation under our Feet. Black Political Struggles in the Rural South from Slavery to the Great Migration, Cambridge MA 2003.
28.
Vgl. Curtis J. Evans, The Burden of Black Religion, Oxford 2008.
29.
Vgl. R. Douglas Hurt, African American Life in the Rural South, 1900–1950, Columbia 2003.
30.
Vgl. James G. Hollandsworth Jr., An Absolute Massacre. The New Orleans Race Riot of July 30, 1866, Baton Rouge 2001; Hahn (Anm. 27), S. 290–303, S. 455–458.
31.
Der Begriff "Solid South" beschreibt die kulturelle Geschlossenheit des US-amerikanischen Südens.
32.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Christopher Vials in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
33.
Vgl. Manfred Berg, Lynchjustiz in den USA, Hamburg 2014; Grace Elisabeth Hale, Making Whiteness: The Culture of Segregation in the South, 1890–1940, New York 1999.
34.
Siehe Alferdteen Harrison (Hrsg.), Black Exodus. The Great Migration from the American South, Jackson 1991.
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