Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Michael Hochgeschwender

Zur Geschichte von Black America

Schwarze Bürgerrechtsbewegung

Auf diese Weise entstanden die ersten Bürgerrechtsorganisationen, etwa 1909 die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), kurz darauf die sehr moderate National Urban League (NUL) sowie schwarze Gewerkschaften.[35] Gerade die NAACP entwickelte eine streng rechtsstaatliche Strategie und kämpfte vor allem ab den 1930er Jahren erfolgreich gegen die Benachteiligung der Schwarzen im Süden. Gleichzeitig brachte die Große Migration schwarze Kultur in den Norden. Nach dem Bordellverbot in New Orleans 1910 zogen Jazzmusiker nach Chicago und New York, später nach Paris und Berlin. In New York entwickelte sich um 1925 die Harlem Renaissance, eine genuin schwarze Kulturbewegung, die Musik, bildende Künste, Theater, Kabarett und Literatur verband und bei Weißen für großes Aufsehen sorgte.[36] Mit W.E.B. Du Bois und Booker T. Washington traten, erstmals seit Frederick Douglass, wieder hochgebildete schwarze Intellektuelle an eine breitere Öffentlichkeit.

Dies war allerdings mit Spaltungen und Fraktionsbildungen verbunden: Unter dem Einfluss von Du Bois gründete Marcus Garvey die United Negro Improvement Association (UNIA), die in Abgrenzung zum liberalen, auf Integration bedachten Universalismus der NAACP einem schwarzen, panafrikanisch-äthiopistischen Nationalismus huldigte.[37] In den 1930er Jahren sollte die Nation of Islam diese partikularistische Perspektive übernehmen.[38] Der schwarze Nationalismus hatte oft antisemitische und homophobe Züge, die sich in den 1930er Jahren bemerkbar machten, als viele radikale Schwarze im Norden offen mit dem Antisemitismus Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten sympathisierten.

Mit den beiden Weltkriegen nahm die schwarze Bürgerrechtsbewegung Fahrt auf. Nach dem Ersten Weltkrieg waren viele schwarze Veteranen empört, dass sie von den Franzosen besser behandelt wurden als von ihren Vorgesetzten. Zudem kam es 1918 und 1919 wiederholt zu lynchings an schwarzen Veteranen, die im Süden in Uniform wählen gehen wollten. Der Zweite Weltkrieg war noch weitaus entscheidender. Außerhalb des Südens ließ sich der Öffentlichkeit nicht mehr erklären, warum man gegen den nationalsozialistischen Rassenwahn zu Felde zog, im eigenen Land die Schwarzen aber aus offen rassistischen Motiven unterdrückte. Hinzu kam ab 1947 der Kalte Krieg und in den 1950er Jahren die Dekolonisierung Afrikas. Die Sowjetunion zog aus der "Negerfrage"[39] propagandistischen Nutzen, und schwarze Diplomaten aus Guinea, dem Senegal oder Ghana waren empört, als sie in Motels oder Diners nicht bedient wurden, weil sie schwarz waren. Die USA liefen Gefahr, den Propagandakrieg mit den Kommunisten, die sich bereits in den 1930er Jahren an die Seite der Bürgerrechtsbewegung gestellt hatten, zu verlieren. Dennoch reagierte der Bundesstaat mehr als zögerlich, vor allem wegen des anhaltenden Widerstands der demokratischen lily whites im tiefen Süden.

Immerhin verfügte Präsident Harry S Truman 1948 die Desegregation der US-Armee, was jedoch im Vietnamkrieg der 1960er Jahre den Effekt hatte, dass nun nicht mehr schwarze Einheiten als erstes in feindliche Dörfer einrückten, um das feindliche Feuer auf sich zu ziehen, sondern die schwarzen Soldaten gemischter Einheiten. Außerdem erfreute sich nun plötzlich die lange aus der Öffentlichkeit verschwundene konföderierte Kriegsflagge der 1860er Jahre bei weißen Soldaten aus dem Süden größter Beliebtheit, die damit, unterstützt von ihren Politikern, gegen ihre schwarzen Kameraden demonstrierten.[40] Im Laufe der 1950er Jahre nahmen einige Südstaaten die konföderierte Kriegsflagge in ihre Staatenfahne auf oder hängten sie auf ihre Staatslegislaturen, um gegen Bürgerrechtsbewegung und Rassenintegration zu mobilisieren.

1954 kam es zu einem folgenreichen Durchbruch, den so niemand, am allerwenigsten der moderat konservative Präsident Dwight D. Eisenhower, erwartet hatte: Der neu ernannte republikanische Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten, Earl Warren, erklärte am 17. Mai mit dem ersten Urteil im Fall "Brown v. Board of Education" den juristischen Grundsatz von "Plessy v. Ferguson" ("separate but equal") für verfassungswidrig. Die Südstaatensenatoren protestierten heftig, und die Bundesregierung tat erst einmal nichts, aber der Gerichtshof drängte nun auf Reformen, um die Rassensegregation zu beenden. Angesichts der Ineffizienz der Bundesregierung nahm die schwarze Bürgerrechtsbewegung im Süden den Kampf in die eigenen Hände: 1955 provozierte die NAACP-Sekretärin Rosa Parks ihre Verhaftung in einem Bus in Montgomery, Alabama, als sie sich weigerte, zugunsten eines Weißen aufzustehen. Die schwarze Bevölkerung reagierte mit einem massiven Boykott, an dessen Spitze sich der schwarze Klerus in der Southern Christian Leadership Conference stellte.[41] Neben Fred Shuttlesworth und Ralph Abernathy stach dabei insbesondere der charismatische, medienwirksame Prediger Martin Luther King Jr. hervor. Bald wurde er zum unumschränkten Anführer.[42]

Eine Welle von lokalen Kämpfen gegen die Rassentrennung und die Jim-Crow-Gesetze sowie für ein integriertes Schulsystem überrollte den Süden. Schwarze und weiße Aktivisten aus dem Norden und Süden kämpften für das Wahlrecht der Schwarzen. Die weißen Südstaatler reagierten mit neuerlichen Gewaltexzessen gegen diese, wie sie es nannten, "second reconstruction". Die weiße Polizei setzte Tränengas und Hunde gegen Schulkinder ein. Immer wieder mussten Regierungstruppen oder die Nationalgarde die Ordnung wiederherstellen. Selbst das streng konservative FBI begann gegen Ende der Amtszeit von John F. Kennedy (1961–1963) auf Befehl des Justizministers Robert F. Kennedy, die Bürgerrechtsbewegung zu unterstützen. Am Ende war es Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson, der als Südstaatler aus Texas 1964 den Civil Rights Act und 1965 den Voting Rights Act durchsetzte.

Noch 1965 begann die Abwanderung konservativer Südstaatendemokraten in die Republikanische Partei, wo sie in den 1990er Jahren dann die Mehrheit übernahmen. Der solide demokratische Süden wurde solide republikanisch, blieb aber konservativ. Dennoch zeitigten Bürgerrechtsbewegung und Bürgerrechtsgesetze im Süden die größten Erfolge. Der offene Rassismus der Segregationszeit brach zusammen. Problematischer war die Lage in den urbanen Zentren des Nordens, wo die Rassengrenzen fluider und verdeckter definiert waren und entsprechend die Frustration der Schwarzen groß war. Martin Luther Kings Gegenspieler Malcolm X symbolisierte diese Mischung aus Zorn und Frustration wie kein anderer. Er trat für den bewusst separatistischen Begriff "African-American" ein – anstelle des überkommenen, universalistisch-integrativ konnotierten Ausdrucks "American Negro". In den Städten kam es ab 1964 zu gewaltsamen Aufständen, die nach der Ermordung Martin Luther Kings und Robert F. Kennedys 1968 eskalierten. Anders als im Süden hatten hier nicht die liberalen Universalisten und die Kleriker der black church das Sagen, sondern schwarze Nationalisten und radikale Gruppen wie die Black Panther Party, die vom FBI mit gnadenloser Gewalt zerschlagen wurde.

Schluss

Trotz der unbestreitbaren Erfolge der Bürgerrechtsbewegung ab den 1930er Jahren blieb die color line für die amerikanische Gesellschaft konstitutiv. Gewiss, die schwarze Mittelklasse wurde breiter, entfernte sich aber auch geistig und materiell, zum Teil auch örtlich von der Masse der black community in den großstädtischen Slums oder den ländlichen Distrikten des Südens. Schwarze Politiker, Firmeninhaber, Akademiker, Polizisten und Kleriker teilen nicht mehr zwangsläufig die Lebenswelt der schwarzen Mehrheit, die wirtschaftlich, sozial, bildungspolitisch, am Arbeitsmarkt und gesundheitlich sowie im Lebensstandard hinter allen anderen amerikanischen Ethnien zurückbleibt, weil sie weiterhin strukturell durch offenen und verdeckten Rassismus sowie durch interne Fehlentwicklungen benachteiligt wird. Und so tragen die USA immer noch schwer am Erbe ihrer rassistischen Vergangenheit.

Fußnoten

35.
Vgl. Manfred Berg, The Ticket for Freedom. The NAACP and the Struggle for Black Political Integration, Gainesville 2005.
36.
Vgl. Mark Whalan, The Great War and the Culture of the New Negro, Gainesville 2008.
37.
Vgl. Colin Grant, Negro with a Hat. The Rise and Fall of Marcus Garvey, London 2009.
38.
Vgl. Mattias Gardell, In the Name of Elijah Mohammed. Louis Farrakhan and the Nation of Islam, Durham 1996.
39.
"Negerfrage" ist ein Quellenbegriff, der auf den deutschen Diskurs über die sozioökonomischen Probleme der schwarzen Minderheit in den USA zwischen den 1920er und 1960er Jahren verweist. Obwohl "Neger" im späten 18. Jahrhundert als ausdrücklicher Wertungsbegriff das nicht diskriminierende, ältere Wort "Mohr" ersetzt hatte, büßte es im Laufe seines Gebrauchs den streng rassistischen Wertungscharakter ein und wurde im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts zum allgemein gebrauchten Begriff für Schwarze, der auch von politisch Progressiven bis in die 1980er Jahre hinein verwendet wurde.
40.
Siehe zu dieser Problematik John M. Coski, The Confederate Battle Flag. America’s Most Embattled Emblem, Cambridge 2005.
41.
Vgl. Pete Daniel, Lost Revolutions. The South in the 1950s, Chapel Hill 2000; Kevern Verney, The Debate on Black Civil Rights in America, Manchester 2006; Gary Gerstle, American Crucible. Race and Nation in the Twentieth Century, Princeton 2001.
42.
Zu Martin Luther King und seinem radikalen Gegenspieler aus den Reihen der Nation of Islam siehe Britta Waldschmidt-Nelson, Gegenspieler. Martin Luther King – Malcolm X, Frankfurt/M. 2000; dies. Malcolm X. Eine Biographie, München 2015.
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