Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Britta Waldschmidt-Nelson

Traum oder Albtraum? Das Erbe von Martin Luther King Jr.

Fortschritte im sozialen und wirtschaftlichen Bereich

Ein bedeutender Fortschritt im Bildungsbereich ist, dass der Anteil von schwarzen und weißen Jugendlichen, die regelmäßig eine Schule besuchten, heute praktisch gleich hoch ist. Die Rate der schwarzen Schüler, die einen Highschool-Abschluss erwerben, stieg zudem seit 1964 von 25 auf 75 Prozent, und die Rate derjenigen Afroamerikaner, denen es gelang, ein Hochschulstudium abzuschließen, von fünf auf 22 Prozent.[9]

Auch im Gesundheitssektor gibt es spürbare Verbesserungen: 2017 verfügten – unter anderem wegen der Gesundheitsreform von Obama – fast 75 Prozent der schwarzen Bevölkerung über eine Krankenversicherung. 1960 waren es weniger als ein Drittel. Und die Kindersterblichkeitsrate unter der schwarzen Bevölkerung ist seit 1960 um die Hälfte zurückgegangen. Während damals noch die Hälfte aller Afroamerikaner unterhalb der Armutsgrenze lebte, betrifft dies jetzt "nur" noch ein Viertel, und die Arbeitslosenrate ist mit knapp sieben Prozent auf dem niedrigsten Stand seit 50 Jahren. Nicht zuletzt aufgrund des erhöhten Bildungsniveaus gibt es inzwischen auch eine aufstrebende schwarze Mittelklasse, und während es vor 50 Jahren nur relativ wenig reiche Afroamerikaner gab, leben jetzt mehr als 35.000 schwarze Millionäre in den USA.[10]

Im Bereich der Justiz beziehungsweise der Strafverfolgung hat es einige, wenn auch weniger beeindruckende Fortschritte gegeben. So ist man heute verstärkt darum bemüht, Diskriminierung bei Prozessen zu vermeiden, insbesondere bei der Auswahl der in den USA für Strafprozesse notwendigen Jurymitglieder. Außerdem hat sich die Anzahl der schwarzen Richter seit den 1960er Jahren stark erhöht, und bei der Polizei gibt es heute wesentlich mehr afroamerikanische Angestellte als früher, wodurch in einigen Städten ein spürbarer Rückgang von Polizeibrutalität gegenüber Minderheiten verzeichnet werden konnte.[11]

Verbesserungen in Kultur und Sport

Die größten Fortschritte in Bezug auf den Aufstieg, die Gleichberechtigung und Anerkennung von Afroamerikanern hat es vermutlich in den Bereichen Sport und Kultur gegeben. Viele der schwarzen Medien- und Sport-Superstars haben nicht nur beachtlichen finanziellen Wohlstand erreicht, sondern erfreuen sich auch beim weißen Publikum größter Popularität. Hierzu zählen Schauspieler wie Denzel Washington, Halle Berry oder Will Smith, Sportlegenden wie Michael Jordan, die Williams-Schwestern oder Tiger Woods, klassische Musiker wie Wynton und Branford Marsalis oder Jessye Norman und Sänger wie Queen Latifah, Beyoncé, Jay-Z oder Kanye West. Außerdem hat sich die genuin afroamerikanische Kunstform des Rap nicht nur zu einem Milliardengeschäft entwickelt, sondern auch die Musikkultur der jüngeren Generation weltweit nachhaltig geprägt.

Darüber hinaus wird schwarzer Geschichte und Kultur deutlich mehr Interesse entgegengebracht und Respekt gezollt als noch vor wenigen Jahren. So gehört die Geschichte der Sklaverei und Segregation zum Curriculum im Geschichtsunterricht aller öffentlichen Schulen, und es gibt an fast allen Universitäten eigene African American Studies Departments. Seit den 1980er Jahren wird an jedem dritten Montag im Januar, dem Martin Luther King Jr. Day, King und der Bürgerrechtsbewegung gedacht. Schließlich ist auch die Tatsache, dass eine Mehrheit der US-Bürger 2008 und 2012 einen Afroamerikaner in das höchste Amt ihrer Nation wählte, ein nicht zu vernachlässigendes Indiz für eine Verbesserung in den US-amerikanischen Rassenbeziehungen.

Aufgrund der bislang genannten Fakten und Entwicklungen könnte man nun durchaus denken, dass sich der Traum von Martin Luther King Jr. bereits weitgehend erfüllt hätte. Aber diese positive Bilanz ist nur eine Seite der Medaille. Auf der Kehrseite gibt es nach wie vor eine Reihe von Defiziten und Problemen in nahezu allen der oben genannten Bereiche, die nicht unberücksichtigt bleiben dürfen.

Defizite im Bereich der politischen Repräsentation

Die Gesamtsumme von gut 10.000 afroamerikanischen gewählten Amtsinhabern macht weniger als zwei Prozent aller gewählten Amtsinhaber in den USA aus. Es gibt zurzeit keinen einzigen schwarzen Gouverneur, nur zwei schwarze US-Senatoren, und auch die Tatsache, dass US-Präsident Donald Trump nur ein einziges afroamerikanisches Kabinettsmitglied hat, den Minister für Hausbau und Stadtentwicklung Ben Carson[12], zeigt, dass die afroamerikanische Bevölkerung weit von einer Parität der politischen Repräsentation entfernt ist.

Dies hat zum Teil strukturelle Gründe; etwa das Mehrheitswahlrecht, das sich im Vergleich zum Verhältniswahlrecht eher nachteilig auf die Repräsentation von Minderheiten auswirkt. Dazu kommt die Präferenz vieler weißer Amerikaner, vor allem im Süden, nur für weiße Kandidaten zu stimmen.[13] Außerdem gibt es immer noch Fälle von direkter Diskriminierung schwarzer Wähler: So wurden etwa bei der Präsidentschaftswahl in Florida 2000 mehr als 20.000 Afroamerikaner kurz vor der Wahl unrechtmäßig von den Wählerregistrationslisten gestrichen.[14] Eine später als "bedauerlicher Fehler" bezeichnete Aktion, für die Floridas Gouverneur Jeb Bush jede Verantwortung von sich wies, die jedoch für den Wahlsieg seines Bruders George W. Bush von entscheidender Bedeutung war.

Neben Schwierigkeiten bei der Ausübung ihres Wahlrechts ist für viele schwarze Amerikaner frustrierend, dass trotz der genannten Fortschritte viele für sie wichtige Gesetzesvorlagen bis heute nicht verabschiedet wurden. Dazu zählen zum Beispiel eine bereits von King geforderte Economic Bill of Rights, die das Recht auf eine staatliche Grundversorgung eingerichtet hätte, oder der Racial Justice Act als Maßnahme gegen Rassendiskriminierung im Justizwesen. Nicht nur, aber auch wegen des Scheiterns dieser und anderer politischen Bemühungen zur Förderung sozialer Gerechtigkeit gibt es in vielen Lebensbereichen weiterhin eklatante Unterschiede in den Lebensbedingungen schwarzer und weißer Amerikaner.

Fußnoten

9.
Vgl. Kenneth J. Meier/Amanda Rutherford, The Politics of African-American Education: Representation, Partisanship, and Educational Equity, New York 2017.
10.
Vgl. Harriette McAdoo (Hrsg.), Black Families, Thousand Oaks 2007; National Urban League, The State of Black America, New York 1976–2017, neueste Ausgaben online abrufbar unter http://soba.iamempowered.com«.
11.
Vgl. Abigail und Stephan Thernstrom, America in Black and White, New York 1997; Barry J. McMillion, Number of African American Judges Reaches All-Time High, Congressional Research Service Report IN10234, 23.2.2015, https://fas.org/sgp/crs/misc/IN10234.pdf«.
12.
Ben Carson war bis zum Sommer 2016 ein parteiinterner Rivale Trumps, der keinerlei Erfahrung im Bereich seines jetzigen Ressorts besaß. Viele vermuten deshalb, dass Trump sich 2016 mit dem Versprechen auf einen Kabinettsposten Carsons politische Unterstützung erkaufte.
13.
Vgl. Manfred Berg, From Disfranchisement to Minority Vote Dilution, in: Andreas Etges/Ursula Lehmkuhl (Hrsg.), Atlantic Passages: Constitution – Immigration – Internationalization, Berlin 2006, S. 73–86; Ronald W. Walters, Black Voters, Black Candidates, and American Presidential Politics, Lanham 2008.
14.
Siehe US Commission on Civil Rights, Voting Irregularities in Florida during the 2000 Presidential Election, Juni 2001, http://www.usccr.gov/pubs/vote2000/report/main.htm«.
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