Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Britta Waldschmidt-Nelson

Traum oder Albtraum? Das Erbe von Martin Luther King Jr.

Benachteiligung im sozialen und wirtschaftlichen Bereich

Im Bildungsbereich stellt vor allem die immer noch existierende Rassentrennung an Schulen ein gravierendes Problem dar: Zum einem liegt das an der de facto Segregation der Wohnbezirke, zum anderen am Nachlassen staatlicher Förderungsmaßnahmen zur Integration seit Ende der 1980er Jahre. So ist der Anteil schwarzer Schüler, die im Süden der USA integrierte Schulen besuchen, von 1964 bis 1990 zwar von drei auf 45 Prozent gestiegen, jedoch mittlerweile wieder auf unter 25 Prozent gesunken. Bundesweit besuchen heute rund 70 Prozent der afroamerikanischen Jugendlichen Bildungseinrichtungen, in denen es kaum weiße Mitschüler gibt. Da diese Schulen oft in einkommensschwachen Gebieten liegen und amerikanische Schulen aus lokalen Steuermitteln finanziert werden, sind sie meist chronisch unterfinanziert und die Bildungsmöglichkeiten entsprechend schlecht. Die Abbruchquote bei Schülern ist darum bei Afroamerikanern deutlich höher als bei ihren weißen Mitschülern, und die Rate schwarzer Hochschulabsolventen mit 22 Prozent liegt auch heute noch deutlich unter der Rate weißer Amerikaner (33 Prozent).[15]

Ein Viertel aller Afroamerikaner lebt ohne jegliche Krankenversicherung, und viele weitere haben nur einen unvollständigen Versicherungsschutz. Dies trägt wiederum dazu bei, dass die Kindersterblichkeitsrate doppelt so hoch ist wie die weißer Kinder. Aufgrund von Bildungsmangel, Armut und ungesunder Ernährung leiden Afroamerikaner auch besonders häufig unter Krankheiten wie Übergewicht, Herzinsuffizienz oder Diabetes, außerdem sind 44 Prozent aller HIV-Infizierten Afroamerikaner. Nicht zuletzt deswegen liegt die durchschnittliche Lebenserwartung weißer Amerikaner um gut sechs Jahre über der von Afroamerikanern.[16]

Zur Einkommenssituation ist anzumerken, dass trotz des derzeitigen Rekordtiefs der Arbeitslosenrate der schwarzen Bevölkerung sie von den 1950er Jahren bis heute konstant ungefähr doppelt so hoch gewesen ist wie die der weißen Amerikaner. Dies liegt zum Teil an der schlechteren Ausbildung schwarzer Jugendlicher, zum Teil aber auch daran, dass es bei vielen Firmen weiterhin belegbare Präferenzen für weiße Amerikaner bei Einstellungsverfahren gibt, insbesondere bei männlichen Bewerbern. Das Durchschnittseinkommen einer vierköpfigen schwarzen Familie betrug 2016 64 Prozent des Einkommens einer gleich großen weißen Familie. Der durchschnittliche Gesamtbesitz einer weißen Familie in den USA liegt fast zehnmal so hoch wie der einer afroamerikanischen Familie. Auch ist anzumerken, dass ein Viertel aller Afroamerikaner unterhalb der Armutsgrenze lebt, und die Armutsrate schwarzer Kinder mit 37 Prozent sogar mehr als dreimal so hoch ist wie die weißer Kinder.[17]

Neben anderen Faktoren führen Arbeitslosigkeit und Armut oft zu Drogensucht und Kriminalität. So ist es eine traurige Tatsache, dass sich heute fast ein Viertel aller afroamerikanischen Männer zwischen 18 und 28 Jahren in einer Haftanstalt befindet oder eine Bewährungsstrafe verbüßt. Dies ist nicht nur auf die relativ hohe Kriminalitätsrate schwarzer Jugendlicher zurückzuführen, sondern auch darauf, dass straffällig gewordene Afroamerikaner sich selten gute Anwälte leisten können und in den USA auch nicht gewalttätige Drogendelikte oft mit langen Gefängnisstrafen geahndet werden. Die USA haben mit fünf Prozent der Bevölkerung zurzeit die höchste Inhaftierungsquote der Welt. Afroamerikaner werden doppelt so oft wegen Drogenvergehens verhaftetet, obwohl Studien nachweisen, dass sie weder häufiger illegale Drogen konsumieren noch häufiger mit diesen handeln als weiße Amerikaner. Außerdem wird der Besitz beziehungsweise Handel mit bestimmten Drogen, die bevorzugt in schwarzen Ghettos konsumiert werden (Crack Cocaine), härter bestraft als der von primär in der weißen Mittelschicht benutzten Rauschmitteln (Powder Cocaine).[18]

Die Hautfarbe von Opfer und Täter spielt ebenfalls eine große Rolle bei der Verurteilung in Mordfällen, insbesondere im Süden der USA. So wurde nachgewiesen, dass in den USA schwarze Mörder mit einem weißen Opfer viermal so oft zum Tode verurteilt werden wie weiße Mörder mit schwarzen Opfern. Über 40 Prozent aller in den Todeszellen auf ihre Hinrichtung wartenden US-Amerikaner sind Schwarze (bei einem Bevölkerungsanteil von knapp 13 Prozent). So wundert es nicht, dass Bürgerrechtsorganisationen in den USA weiterhin für einen besseren Schutz vor Rassendiskriminierung im Justizsystem kämpfen.[19]

Offensichtlich haben es seit dem Tod Kings viele Mitglieder der schwarzen Mittelklasse zwar geschafft, die sozioökonomische Situation ihrer Familien nachhaltig zu verbessern, aber auf die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung trifft dies nicht zu. Seitdem die gesetzliche Gleichstellung der Schwarzen in den 1960er Jahren vollzogen wurde, ist es zunehmend schwieriger geworden, die Faktoren "Rasse" und "soziale Klasse" klar voneinander zu trennen. Das Problem der schwarzen Armut, insbesondere der sogenannten urban underclass, ist sehr komplex. Es hängt zum einen mit Globalisierungsprozessen und wirtschaftlichem Strukturwandel zusammen, zum anderen mit systeminhärenter oder persönlicher Rassendiskriminierung.

Ein noch schwerwiegenderes Problem im Kampf gegen die desolate Situation der schwarzen Unterschicht liegt darin, dass weitreichende, fundamentale Veränderungen in der wirtschaftlichen und sozialen Struktur der USA nötig wären, um in diesem Bereich wirklich nachhaltige Verbesserungen zu erzielen. Schon King hatte 1967 deshalb eine "Revolution der Werte", eine radikale Umkehr der gesellschaftlichen Prioritätensetzung, gefordert. Aber die meisten weißen Amerikaner, welche die Nutznießer des gegenwärtigen Systems sind, lehnen solche Veränderungen ab. Auch der durch Obama errungene Teilerfolg eines neuen nationalen Krankenversicherungssystems wird seit seiner Einrichtung von weißen Konservativen vehement kritisiert und bekämpft.

Fußnoten

15.
Vgl. Camille L. Ryan/Kurt Bauman, Educational Attainment in the United States: 2015, United States Census Bureau, März 2016, http://www.census.gov/content/dam/Census/library/publications/2016/demo/p20-578.pdf«.
16.
Vgl. US Center for Disease Control, Health of Black or African American non-Hispanic Population, 3.5.2017, http://www.cdc.gov/nchs/fastats/black-health.htm«.
17.
Siehe The State of Working America, Fact Sheets: African Americans, 30.1.2018, http://www.stateofworkingamerica.org/fact-sheets/african-americans«; Alon Ben-Meir, Center for Global Affairs, Child Poverty In America Is Indefensible, 27.10.2017, http://www.huffingtonpost.com/entry/child-poverty-in-america-is-indefensible_us_59f21fabe4b06acda25f485c«.
18.
Vgl. Bill Quigley, 18 Examples Of Racism In The Criminal Legal System, 4.10.2016, http://www.huffingtonpost.com/entry/18-examples-of-racism-in-criminal-legal-system_us_57f26bf0e4b095bd896a1476«; Joseph J. Palamar et al., Powder Cocaine and Crack Use in the United States: An Examination of Risk for Arrest and Socioeconomic Disparities in Use, 2.2.2015, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4533860«.
19.
Vgl. Death Penalty Information Center, The Death Penalty in Black and White: Who Lives, Who Dies, Who Decides, Washington D.C. 1998; Miriam DeLone et al., Race, Ethnicity, and Crime in America, Belmont 2012; Quigley (Anm. 18).
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