Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Britta Waldschmidt-Nelson

Traum oder Albtraum? Das Erbe von Martin Luther King Jr.

Probleme im Bereich der Rassenbeziehungen

Zwar gibt es große Fortschritte in den Bereichen Kultur und Sport, aber in den Rassenbeziehungen insgesamt herrscht heute fast genauso viel Misstrauen, Spannung und Aggression wie zu Lebzeiten Kings. Daran hat auch die Wahl des ersten afroamerikanischen Präsidenten nichts geändert. Es sei auch darauf hingewiesen, dass Barack Obama vermutlich von einer Mehrheit der weißen US-Amerikaner nicht gewählt worden wäre, wenn er keine weiße Mutter gehabt hätte und nicht von weißen Großeltern aufgezogen worden wäre. Es war gerade sein Status als biracial Amerikaner, der ihn für viele Wähler attraktiv machte, da sie hofften, er könne als Brückenbauer zwischen beiden Gruppen wirken und eine Verbesserung der Rassenbeziehungen herbeiführen. Trotz aller Bemühungen Obamas und seiner Familie hat sich diese Hoffnung leider kaum erfüllt.

Wie die immer dominanter werdende Opposition zu affirmative action und deren fast völlige Abschaffung zeigt, ist eine Mehrheit der weißen Amerikaner seit Ende des 20. Jahrhunderts der Meinung, dass Afroamerikaner heutzutage keinen Anspruch auf Bevorzugungen in der Ausbildung oder im Berufsleben mehr haben sollten. Sie glauben, dass 30 Jahre affirmative action ausreichend gewesen sind, um die Folgen von 300 Jahren Sklaverei und Segregation zu überwinden. Diese Ansicht wird allerdings von einer großen Mehrheit der schwarzen Amerikaner nicht geteilt. Laut aktuellen Umfragen halten rund 80 Prozent der Afroamerikaner Rassendiskriminierung in den USA für ein gravierendes Problem, und 61 Prozent schätzen die Rassenbeziehungen als "generell schlecht" ein. Dem stimmen nur 45 Prozent der Weißen zu, die außerdem der Ansicht sind, dass man dieser Frage zu viel öffentliche Aufmerksamkeit schenkt. Letzteres sehen 78 Prozent der Afroamerikaner genau andersherum. Die einzige mehrheitlich gemeinsame Überzeugung beider Seiten besteht darin, dass die Rassenbeziehungen in den USA sich in den vergangenen Jahren wieder verschlechtert haben.[20]

Der Grund für diese unterschiedlichen Einschätzungen liegt darin, dass die meisten schwarzen und weißen US-Bürger in verschiedenen Welten leben. Trotz der Abschaffung der gesetzlichen Segregation wohnt die große Mehrheit beider Gruppen in separaten Wohngebieten und besucht verschiedene Bildungseinrichtungen. Die Integration im Berufsleben hat zwar Fortschritte gemacht, aber nach der Arbeit gehen schwarze und weiße Kollegen fast immer getrennte Wege. Mit Ausnahme der Bereiche Sport und Musik gibt es im täglichen Leben nur wenige Berührungspunkte zwischen beiden Gruppen. Dies wird auch daran deutlich, dass die Rate von schwarz-weißen Eheschließungen immer noch mit Abstand die kleinste aller Interracial-Lebensgemeinschaften ist – nur 0,4 Prozent der weißen Amerikaner haben einen afroamerikanischen Ehepartner.[21]

Neben allgemeinen Vorurteilen gibt es zudem zahlreiche konkrete Konflikte in den Beziehungen zwischen schwarzen und weißen US-Amerikanern. Zwar ist die Anzahl der jährlich begangenen sogenannten hate crimes, das heißt der rassistisch motivierten Gewaltverbrechen, seit den 1960er Jahren zurückgegangen, aber Polizeibrutalität und die Tötung unbewaffneter junger schwarzer Männer durch weiße Polizisten oder selbsternannte "Ordnungshüter" ist ein nach wie vor gravierendes Problem. Während der Amtszeit von Obama häuften sich solche Fälle sogar.[22] Dabei erregten besonders die Tötung des 17-jährigen Trayvon Martin in Sanford, Florida, 2012 und die des 18-jährigen Michael Brown in Ferguson, Missouri, 2014 große öffentliche Empörung, nicht nur in den USA, sondern auch weltweit, zumal beide Täter vom Gericht nicht schuldig gesprochen wurden. Die nationale Protestbewegung gegen den Freispruch des weißen Polizisten, der Brown von hinten in den Rücken geschossen hatte, mündete schließlich in der Bewegung Black Lives Matter (BLM), einer von Millionen von Schwarzen, aber auch vielen progressiven Weißen unterstützten Initiative gegen Rassismus und Polizeibrutalität.[23] BLM hat ohne Zweifel die Aufmerksamkeit der Medien sowie das Problembewusstsein der Öffentlichkeit für Gewalt gegen Schwarze erhöht, aber ob dies langfristig zu einer Verbesserung der Situation führen wird, bleibt abzuwarten.

Außerdem scheint die Tatsache, dass mit Barack Obama ein Schwarzer die letzte bis dahin nur Weißen vorbehaltene Bastion der amerikanischen Macht – das Weiße Haus – einnahm sowie der öffentlichkeitswirksame Protest der BLM-Bewegung eine neue Welle des white backlash ausgelöst zu haben. So kam es in den vergangenen zwei Jahren wieder zu einem Anstieg von rassistischen Verbrechen, die ein schon lange nicht mehr gesehenes Maß von Hass und Brutalität aufwiesen. Im Juni 2015 betrat beispielsweise der damals 21-jährige white supremacist Dylann Roof die Emanuel African Methodist Episcopal Church, eine der ältesten afroamerikanischen Kirchen in Charleston, South Carolina, und tat so, als wolle er am Gottesdienst teilnehmen. Einige Minuten später zückte er eine Waffe und erschoss neun der schwarzen Betenden und verletzte drei weitere schwer. Seine Intention hierbei war laut eigener Aussage, einen "Rassenkrieg" zu provozieren.

Als unmittelbare Reaktion auf diese entsetzliche Tat beschloss das Parlament von South Carolina, die Konföderiertenflagge, die Fahne unter der die weißen Südstaatler während des Bürgerkriegs für den Erhalt der Sklaverei gekämpft hatten, von ihrem Ehrenplatz vor dem Kapitol entfernen zu lassen. Damit kamen sie einer schon lange von Bürgerrechtsorganisationen und der BLM-Bewegung erhobenen Forderung nach. Viele andere Städte und Staatsparlamente reagierten ähnlich, und neben der Entfernung der umstrittenen Konföderiertenflaggen wurden seit 2015 an vielen Orten der USA inzwischen Statuen und Monumente demontiert sowie Straßen, Gebäude und Plätze umbenannt, die Generäle der Südstaaten ehrten. Eine steigende Anzahl von US-Amerikanern lehnt mittlerweile ab, dass in ihrem Land öffentlich Personen geehrt werden, die sich vor 150 Jahren in einem Krieg gegen die Regierung der USA profilierten, weil sie Afroamerikaner für minderwertig hielten und die Sklaverei nicht aufgeben wollten.

Diese Entwicklung erzürnte weiße Rechtsradikale noch mehr: Im August 2017 organisierten Rechtsextreme in Charlottesville, Virginia, eine große Demonstration, bei der Neonazis, Ku-Klux-Klan-Mitglieder und ihre Sympathisanten gegen den ihrer Ansicht nach viel zu großen Einfluss von Afroamerikanern und anderen Minderheiten in den USA protestierten. Hierbei lieferten sie sich gewalttätige Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten, in deren Verlauf drei Menschen starben und mehr als 30 schwer verletzt wurden. Seither gab es zahlreiche weitere, wenn auch weniger blutige Demonstrationen beider Seiten. Eine wirklich nachhaltige Verbesserung der Rassenbeziehungen in den USA kann somit auch im Jahr 2018 nicht festgestellt werden.

Schluss

Es hat seit den 1960er Jahren viele beachtliche Fortschritte in der politischen, ökonomischen und sozialen Situation der afroamerikanischen Bevölkerung gegeben, und vor allem die Mitglieder der aufstrebenden schwarzen Mittelklasse genießen heutzutage nahezu den gleichen Zugang zu den Aufstiegschancen der amerikanischen Gesellschaft wie weiße US-Bürger. Aber für viele andere Afroamerikaner, insbesondere die Mitglieder der urban underclass, trifft dies nicht zu. Sie bleiben oft Zeit ihres Lebens in einem Teufelskreis von struktureller Benachteiligung, Arbeitslosigkeit, Drogensucht und Armut gefangen. Außerdem ist in gewissen Teilen der weißen Bevölkerung ein aggressiver, gewaltbereiter Rassismus immer noch tief verankert und stellt eine allgegenwärtige Bedrohung für alle Afroamerikaner dar.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind darum trotz vieler positiver Veränderungen auch 50 Jahre nach dem Tod von Martin Luther King Jr. immer noch weit von der Erfüllung seines Traums von Gleichberechtigung, sozialer Gerechtigkeit und einem respektvollen, friedlichen Zusammenleben aller Bevölkerungsgruppen entfernt. Aber das Vermächtnis Kings lebt weiter: als gesamtgesellschaftliche Herausforderung, Rassenhass, Diskriminierung, Armut und Gewalt zu überwinden, und als Aufgabe für jeden Einzelnen sich, allen Widerständen zum Trotz, für eine humane, gerechte Gesellschaft einzusetzen – und dies nicht nur in den USA.

Fußnoten

20.
Pew Research Center, On Views of Race and Inequality, Blacks and Whites are Worlds Apart, 27.6.2016, http://www.pewsocialtrends.org/2016/06/27/on-views-of-race-and-inequality-blacks-and-whites-are-worlds-apart«; Ryan Struyk, Blacks and Whites See Racism in the United States Very, Very Differently, 18.8.2017, https://edition.cnn.com/2017/08/16/politics/blacks-white-racism-united-states-polls/index.html«.
21.
Vgl. Kristen Bialik, Key Facts about Race and Marriage, 50 Years after Loving v. Virginia, Pew Research Center: Fact-Tank, 12.6.2017, http://www.pewresearch.org/fact-tank/2017/06/12/key-facts-about-race-and-marriage-50-years-after-loving-v-virginia«.
22.
Michael Eric Dyson, A Sermon to White America, New York 2017.
23.
Peggy J. Parks, The Black Lives Matter Movement, San Diego 2017. Siehe hierzu auch den Beitrag von Ibram X. Kendi in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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