Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Ousmane Power-Greene

Der Geist von King Cotton. Afroamerikaner und das Vermächtnis der Sklaverei im Reich der Baumwolle - Essay

Vergangenheit im öffentlichen Raum

Der Unmut über die fortgesetzte Verwendung historischer Symbole hat in den vergangenen Jahren überall in den USA zugenommen. Er richtet sich unter anderem gegen die Flagge der Konföderierten oder Gebäude und Einrichtungen, die wie das Calhoun College (bis 2017)[4] nach bekannten Befürwortern der Sklaverei benannt sind. Damit entspann sich eine landesweite Debatte über die Frage, wie die Vergangenheit im öffentlichen Raum dargestellt werden soll und was Statuen, Denkmäler und Gedenkstätten heutzutage überhaupt noch bedeuten. Es gibt die Haltung, die Relikte des 19. Jahrhunderts seien ein wichtiger Teil der US-amerikanischen Geschichte, selbst wenn sie Ansichten repräsentieren, die man heute als kränkend empfindet. Andere sind der Meinung, dass die Denkmäler Personen und politische Einrichtungen feiern, die grundlegend rassistisch und verabscheuungswürdig sind.

Die Debatte in den USA spiegelt eine weltweite Debatte um Reparationen und Traditionen wider, die mitunter als rassistisch empfunden werden. Auf der ganzen Welt, von Ghana bis Jamaica, von Japan bis Kenia, stehen Staaten vor ähnlichen Herausforderungen, wenn sie ihre Bürgerinnen und Bürger über die Rolle ihres Landes im Zusammenhang mit Sklaverei, Völkermord und Kolonialismus aufklären wollen. In den Niederlanden wurde gegen den Zwarte Piet (Schwarzer Peter) protestiert, den schwarzbemalten Nikolaushelfer, weil seine Darstellung eine rassistische Karikatur sei. Auch historische Persönlichkeiten sorgen immer wieder für Kontroversen, etwa wenn Denkmäler für Personen infrage gestellt werden, denen man eine rassistische Vergangenheit nachsagt. So forderten Lehrkräfte der Universität von Ghana im September 2016 in einer Petition die Entfernung einer Gandhi-Statue mit der Begründung, dass er eine rassistische Haltung gegenüber eingeborenen Afrikanerinnen und Afrikanern vertreten und als junger Mann den Begriff "Kaffir" verwendet hat, eine abwertende Bezeichnung für Schwarze ähnlich dem Begriff "Nigger". Daher sei es unangemessen, mit einer Statue seinen Einsatz für die Menschenrechte zu ehren. Ähnliche Proteste gegen Gandhi-Statuen gab es auch an US-amerikanischen Universitäten. All das zeigt, dass der Konflikt um Denkmäler zur Ehrung historischer Persönlichkeiten weitverbreitet ist.[5]

Für afroamerikanische Intellektuelle sowie Aktivistinnen und Aktivisten ist diese Infragestellung von Denkmälern nichts Neues. So äußerte sich der Philosoph und Bürgerrechtler W.E.B. Du Bois bereits 1931 über die wachsende Zahl der Statuen und Denkmäler für die Konföderierten: "Das Furchtbarste am Krieg, davon bin ich überzeugt, sind seine Denkmäler – diese schrecklichen Dinger, zu deren Aufstellung wir uns im Gedenken an die Opfer verpflichtet fühlen. Vor allem im Süden kennt der menschliche Einfallsreichtum bei den Denkmälern der Konföderierten keine Grenzen. Natürlich könnte man ganz schlicht und wahrheitsgemäß eine Inschrift wie die folgende verwenden: ‚Dem Andenken an jene geweiht, die für die Aufrechterhaltung menschlicher Sklaverei kämpften.‘ Aber so etwas liest man nach einiger Zeit höchst ungern. Andererseits wirkt es etwas übertrieben, wenn auf einem Denkmal für die Konföderierten in South Carolina steht: ‚Gestorben im Kampf für die Freiheit!‘"[6]

Du Bois’ Kommentar verweist auf die Schwierigkeit, eine Gemeinschaft oder eine Nation mithilfe von Denkmälern und Gedenkstätten über die Vergangenheit aufzuklären, vor allem, wenn es sich um Denkmäler handelt, bei denen die Glorifizierung wichtiger ist als die Aufklärung. Meist sollen Denkmäler die Toten ehren, anstatt die Lebenden über die furchtbaren Taten zu informieren, die von Menschen verübt wurden, deren Handeln nicht lobenswerter oder verachtenswerter war als das der Menschen, die das Monument betrachten.

Während über den Platz der Denkmäler für die Konföderierten im öffentlichen Raum gestritten wird und über die Verwendung von Steuergeldern für Monumente, die manche für unzumutbar halten, rückt die entscheidende Frage in den Hintergrund: Wie sollten die USA – und jedes andere Land – mit Verbrechen umgehen, die vom Staat verübt wurden? Auch andere Aspekte bleiben ungeklärt, etwa die Frage, ob die Entfernung der Konföderierten-Denkmäler in irgendeiner Weise dazu beiträgt, sich der Vergangenheit zu stellen. Veranlassen Denkmäler die Bürger dazu, vor allem die Angehörigen ethnischer Minderheiten, über vergangenes Unrecht und die auf Gewalt gründende Geschichte nachzudenken, sodass möglicherweise ein Prozess der Heilung in Gang gesetzt werden kann?[7]

Die öffentliche Auseinandersetzung mit Denkmälern und Gedenkstätten deutet auf ein neues Bewusstsein für einen problematischen Aspekt der Vergangenheit der USA hin. In dieser Debatte wird jedoch weitgehend ignoriert, dass das Vermächtnis der Sklaverei nicht nur in physischen Denkmälern und Monumenten weiterleben kann, sondern auch in Begriffen, Songs und Produkten. Bekanntes Beispiel hierfür ist der Begriff "King Cotton" ("König Baumwolle"), für dessen negative Assoziationen bislang bei vielen US-Amerikanern das Bewusstsein fehlt. Für Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner steht King Cotton für die Gewalt, Ausbeutung und Demütigung der Sklaverei im US-amerikanischen Süden des 19. Jahrhunderts.

Fußnoten

4.
John C. Calhoun war Vizepräsident der Vereinigten Staaten unter John Quincy Adams und Andrew Jackson, und er war starker Befürworter der Sklaverei. Im Frühjahr 2017 wurde das College in Grace Hopper College umbenannt.
5.
Vgl Jason Burke, "Racist" Gandhi Statue Banished from Ghana University Campus, 6.10.2016, http://www.theguardian.com/world/2016/oct/06/ghana-academics-petition-removal-mahatma-gandhi-statue-african-heroes«.
6.
W.E.B. Du Bois, The Perfect Vacation, in: The Crisis August/1931, S. 279.
7.
Eine erkenntnisreiche Diskussion dazu bietet die gesamte Ausgabe Foreign Affairs 1/2018 unter dem Titel "The Undead Past: How Nations Confront the Evils of History".
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ousmane Power-Greene für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.