Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Ousmane Power-Greene

Der Geist von King Cotton. Afroamerikaner und das Vermächtnis der Sklaverei im Reich der Baumwolle - Essay

Cotton Kingdom

Sklavenhalter, die das als "Cotton Kingdom" bezeichnete Baumwollimperium aufgebaut hatten, waren die treibende Kraft bei der Sezessionskrise 1860. Sie sind auch die politischen und militärischen Anführer, an die man am häufigsten mit Denkmälern und Statuen erinnert, die nun überall in den Südstaaten der USA für Diskussionen sorgen. Natürlich gab es unter den Hunderttausenden, die im Bürgerkrieg ihr Leben ließen, auch viele, die nicht zu den Sklavenhaltern zählten, doch der Beweggrund für den Krieg war nun einmal die Sklaverei und die Befürchtung, dass die Wahl Abraham Lincolns eine Bedrohung für das Cotton Kingdom darstellte, dem alle angehörten, auch die, die keine Sklaven hielten. Karikaturisten, Liedkomponisten und Theaterautoren verwendeten in den 1850er Jahren gerne den Begriff "King Cotton", und schon bald wurde er zum Synonym für die Sklavenhalter mit ihren riesigen Baumwollplantagen, die die Konföderation anführten.[8]

Als der US-Senator und Baumwollplantagenbesitzer James Henry Hammond (1807–1864) in seiner berühmten Rede vor dem US-Senat 1858 verkündete: "Keine Macht auf Erden wagt es, ihr den Krieg zu erklären. Die Baumwolle ist König", brachte er damit die Haltung seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger in den Südstaaten zum Ausdruck, die sich zwei Jahre später von den Vereinigten Staaten lossagen und in den Krieg ziehen sollten, um am System der Sklaverei festzuhalten und so die Herrschaft von King Cotton zu bewahren. Hammond und andere Plantagenbesitzer dominierten wie Monarchen sämtliche Aspekte der Gesellschaft, auch wenn in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten andere, demokratische Grundsätze verkündet worden waren.[9]

Diese Geschichte ist zwar allgemein bekannt, doch das Vermächtnis von King Cotton in der US-amerikanischen und britischen Kultur wird kaum untersucht. Populäre Songs wie "Sweet Home Alabama" von Lynyrd Skynyrd aus den 1970er Jahren oder Bücher wie Robert Penn Warrens Klassiker "Das Spiel der Macht" (1946) romantisieren den alten Süden, auch wenn sie gelegentlich einräumen, dass die Sklaverei ein "problematisches" Vermächtnis darstellt. Der Begriff "King Cotton" wird als Titel für Romane, Theaterstücke und Filme verwendet, die sich weniger mit der Brutalität der Sklaverei befassen und mehr mit der Faszination der Baumwolle und dem Reichtum der Plantagenbesitzer und Textilfabrikanten. Sogar in der Werbung wird "King Cotton" für Baumwollprodukte verwendet, als eine Art Referenz zur bedeutenden, wenn nicht sogar entscheidenden Rolle der Baumwolle in der US-amerikanischen Wirtschaft einst und heute.[10] Doch im Gegensatz zu Uncle Sam, der als Personifikation der USA fungiert, muss das Vermächtnis von King Cotton noch eingehend untersucht und vielleicht verurteilt werden.

Der Begriff "King Cotton" als Personifikation des US-amerikanischen Südens wurde erstmals von David Christy in seinem Buch "Cotton is King" verwendet, das Mitte der 1850er Jahre erschien. Obwohl Christy die Bezeichnung satirisch gebrauchte, verkörperte sie die Antithese zur US-amerikanischen Demokratie. Darüber hinaus beruhte die Herrschaft von King Cotton auf Gewalt in Form von Vergewaltigungen, Auspeitschungen, Brandzeichen und dem Verkauf von Menschen zur Steigerung des individuellen und nationalen Wohlstands. Während sich einige wenige Weiße im Glanze von King Cotton sonnten, litten Schwarze unter seiner Peitsche.

Die Bedeutung der Baumwolle für die US-amerikanische Wirtschaft wurde in jüngster Zeit von Vertretern der "New History of Capitalism" betont: Historiker wie Walter Johnson und Edward Baptist sehen Baumwolle und die Sklaverei als wesentliche Faktoren für den Aufstieg des Kapitalismus in den USA. Sven Beckerts Werk "Empire of Cotton" bietet eine globale Perspektive auf die Rolle der Baumwolle für die Industrialisierung, mit einem Schwerpunkt auf die Entwicklung in Großbritannien. Bei diesen Untersuchungen stehen die Sklaverei und der Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter im Mittelpunkt, wodurch die Rolle der Baumwolle differenzierter betrachtet wird als in den statistischen Analysen der vorherigen Generation von Historikern.[11]

Fußnoten

8.
Einen nützlichen Überblick über die Haltung der US-Amerikaner zum Bürgerkrieg liefert David Blight, Race and Reunion: The Civil War in American Memory, Cambridge MA 2002.
9.
Senator James Henry Hammond, On the Admission of Kansas, Under the Lecompton Constitution Speech Before the United States Senate 4.3.1858, http://teachingamericanhistory.org/library/document/cotton-is-king«.
10.
Anthony Burton, The Rise and Fall of King Cotton, London 1984.
11.
Siehe Walter Johnson, River of Dark Dreams: Slavery and Empire in the Cotton Kingdom, Cambridge MA 2013; Edward Baptist, The Half Has Never Been Told: Slavery and the Making of American Capitalism, New York 2014; Sven Beckert, Empire of Cotton: A Global History, New York 2014. Ein Beispiel für die älteren Arbeiten wäre etwa Harold Woodman, King Cotton and His Retainers: Financing and Marketing the Cotton Crop of the South, Lexington 1968.
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