Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Ousmane Power-Greene

Der Geist von King Cotton. Afroamerikaner und das Vermächtnis der Sklaverei im Reich der Baumwolle - Essay

Mangelndes Bewusstsein

Offensichtlich ist in der Vorstellung der US-Amerikaner und Briten bei King Cotton nur der romantische Mythos von magnolienumrankten Herrenhäusern geblieben, die hässliche Kleinigkeit namens Sklaverei bleibt außen vor. Ist den Menschen diese Verbindung nicht bewusst oder ziehen sie den Mythos vor, um sich nicht der Tatsache zu stellen, dass King Cotton einen unangenehmen Beiklang hat?

Betrachten wir die Interpretation der Jazzsängerin René Marie von "Strange Fruit" (2001), einem Song gegen die Lynchjustiz, der 1939 durch Billie Holiday berühmt wurde. Marie beginnt den Song mit einer A-cappella-Version von "Dixie", der Hymne der Konföderierten. Ihre künstlerische Entscheidung vermittelt einen Einblick, wie Afroamerikaner ihr Verhältnis zur Geschichte von King Cotton sehen. Selbst wenn schwarze Amerikaner eine Art Verbundenheit zum Süden als Region empfinden, vor allem aufgrund von Familienbanden und Erinnerungen an eine lebendige schwarze Gemeinschaft, fühlen sie sich doch gleichzeitig verfolgt von der gewalttätigen Vergangenheit, die sie mit dem assoziieren, was US-Präsident Donald Trump als "good old days" bezeichnet. Im Song "Dixie" heißt es:

Oh, I wish I was in the land of cotton,
Old times there are not forgotten.
Look away, look away, look away Dixie Land!

(…)
I wish I was in Dixie, Hooray! Hooray!
In Dixie’s Land I’ll take my stand,
To live and die in Dixie.
Away, away, away down south in Dixie!


Ich wünschte, ich wäre im Baumwoll-Land,
Die alten Zeiten sind dort nicht vergessen,
Schau in die Ferne, weit weg, nach Dixie Land!

(…)
Ich wünschte, ich wäre in Dixie, Hurra! hurra!
In Dixie’s Land, da will ich bleiben,[14]
Leben und sterben in Dixie.
Weit weg, weit weg im Süden, in Dixie!


In René Maries Interpretation folgen hiernach die Strophen von "Strange Fruit":

Southern trees bear a strange fruit,
blood on the leaves and blood at the root,
black body swinging in the Southern breeze,
strange fruit hanging from the poplar trees.


Die Bäume im Süden tragen seltsame Früchte,
Blut auf den Blättern und Blut an der Wurzel,
schwarze Körper baumeln in der südlichen Brise,
seltsame Früchte hängen von den Pappeln.


Die Jazzsängerin singt auf eine Weise, die man nur als zögernd, verunsichert und aufgewühlt beschreiben kann. Es ist nicht der Text per se, sondern die Art, wie sie singt, die vom verstörenden Vermächtnis der Sklaverei und Gewalt im Cotton Kingdom kündet. Warum verknüpft sie den Song "Dixie", der als Nationalhymne der Konföderierten gilt, mit "Strange Fruit", einem Lied gegen die Lynchjustiz? Marie will damit zeigen, dass rassistische Gewalt in Form von Lynchmorden untrennbar mit der Art von Gewalt verbunden ist, die Afroamerikaner unter der Herrschaft von King Cotton erdulden mussten.

In der US-amerikanischen Öffentlichkeit fehlt hierfür bislang das Bewusstsein – nicht so bei Corey Menafee, einem Angestellten der Yale University, der sich im Speisesaal des Wohnheims auf einen Tisch stellte und ein Buntglasfenster einschlug, das lächelnde schwarze Sklaven mit Baumwollballen auf dem Kopf zeigte.[15] Für Afroamerikaner ist Baumwolle ein Symbol für die Versklavung ihrer Vorfahren unter dem brutalen Tyrannen King Cotton. Diese Assoziation ist sehr stark, deutlich stärker als bei Zucker, obwohl für den Zuckerrohranbau ebenfalls unzählige Afrikaner versklavt wurden, um den europäischen Markt mit dem begehrten Süßungsmittel zu beliefern. Auch Reis wird in der Vorstellung der Amerikaner nur selten mit Versklavung in Zusammenhang gebracht. Nehmen wir etwa die Marke Uncle Ben’s, deren Reisschachteln ein würdevoller älterer Schwarzer mit freundlichem Grinsen ziert. Dieses Bild weckt bei weitem keine so negativen Assoziationen wie Baumwolle, obwohl auch Reis eine von Gewalt geprägte Vergangenheit hat und die Besitzer der Reisfelder in South Carolina damit reich wurden, dass sie Reis an die Plantagen in der Karibik verkauften, wo versklavte Afrikaner jeden Quadratmeter Land beackerten, um Zucker, Kaffee oder Indigo anzubauen. Baumwolle hat sich als das Anbauprodukt herauskristallisiert, das man am stärksten mit dem brutalen Sklavenregime der Südstaaten assoziiert, weshalb sich auch die schwarzen Amerikaner daran stören und darin ein Symbol für eine belastete Vergangenheit sehen.

Schluss

Es ist unvorstellbar, dass Corey Menafee "Dixie"-pfeifend in der Küche des Calhoun College Geschirr spült. Vermutlich ist seine Ablehnung vergleichbar mit dem Gefühl, das manche Afroamerikaner überkommt, wenn sie in eine Bar gehen und aus der Jukebox laut "Sweet Home Alabama" von Lynyrd Skynyrd plärrt oder wenn auf der Straße ein Auto an ihnen vorbeifährt, dessen Hupe die ersten Töne von "Dixie" ertönen lässt.

Die Demütigung, die Corey Menafee täglich empfand, als er an einem Bild vorbei musste, das den Baumwollanbau und die Sklaverei illustrierte, erinnert an die Erfahrungen der Menschen in New Orleans, Louisiana, und Charlottesville, Virginia, die an einer Statue der Konföderierten vorbeikommen oder eine Südstaatenflagge sehen, die an einem Pickup flattert. Diese Symbole machen King Cotton unsterblich und sind konkrete Beispiele dafür, wie die Vergangenheit Afroamerikaner noch heute immer wieder heimsucht.

Wann wird die Erinnerung an das Elend, das King Cotton über seine Untertanen gebracht hat, nicht mehr schmerzen? Und wann werden US-Amerikaner nicht mehr länger zulassen, dass der Mythos vom alten Süden sie von der Arbeit ablenkt, die sie leisten müssen, um das Land von dem schädlichen Übel zu befreien, das von den Flaggen und Statuen der Konföderierten verkörpert wird?

Aktuelle Arbeiten von Historikern heben hervor, dass der Baumwollanbau in den USA und die Baumwollindustrie nur deshalb florieren konnten, weil sie auf einem System basierten, das furchtbare Gewalttaten gegen Afroamerikaner beging. Diese Historiker erinnern uns daran, dass die in den USA angebaute Baumwolle stets im Zusammenhang mit der unmenschlichen Behandlung derer gesehen werden muss, die für die Produktion am wichtigsten waren. Baumwolle darf nie einfach nur als ökonomische Einheit betrachtet werden, die man wiegen, messen und auf britischen Märkten verkaufen kann. Und King Cotton als gewaltsamer Tyrann darf in der kulturellen Erinnerung nicht verloren gehen, in Anbetracht der Ansammlung von romantischen Filmen und Songs, die ihn ohne negative Assoziation feiern.

Übersetzung aus dem Englischen: Heike Schlatterer, Pforzheim.

Fußnoten

14.
Das Englische "take my stand" ist vieldeutiger, da es auch "Standpunkt vertreten" und "Widerstand leisten" enthält (Anm. d. Red.).
15.
Vgl. Lindsey Bever, A Yale Dishwasher Broke a "Racist" Windowpane. Now, He’s Fighting to Reclaim His Job, 19.7.2016, http://www.washingtonpost.com/news/grade-point/wp/2016/07/12/yale-dishwasher-resigns-after-smashing-racist-very-degrading-stained-glass-window«.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ousmane Power-Greene für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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