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Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Christopher Vials

White Supremacy. Geschichte und Politik des Weißseins in den USA

Ursprünge der "weißen Rasse" in der Neuen Welt

Nach Ansicht des Historikers Theodore Allen gehen heutige Definitionen von Rasse auf die frühen kapitalistischen englischen Siedlungen in der Neuen Welt Ende des 17. Jahrhunderts zurück. In der Chesapeake Bay in Nordamerika sowie den Westindischen Inseln konstatierte die englische Bourgeoisie, dass sie in einem Umfeld, in dem alle Arbeiter gleichermaßen ausgebeutet wurden, keine soziale Kontrolle sicherstellen konnte. Das System der Zwangsarbeit, das sie Anfang des 17. Jahrhunderts entwickelt hatte und an das Europäer und Afrikaner gleichermaßen gebunden waren, brach mit Bacon’s Rebellion 1676 zusammen. In dem nach dem weißen Plantagenbesitzer Nathaniel Bacon benannten Aufstand kämpften schwarze und weiße Vertragsknechte und Sklaven gemeinsam. Dies alarmierte die britische Obrigkeit, und fortan sollten Sklavenkodizes die unteren Klassen spalten: Menschen schwarzer Hautfarbe hatten die entwürdigendsten Arbeitsformen zu verrichten. Damit entstand ein System, in dem Menschen, die als Nichtweiße klassifiziert wurden, in die unterste Schicht der Arbeiterschaft verbannt wurden.

Logische Folge dieses neuen sozialen Systems war die Schaffung einer Art Pufferzone, deren Angehörige das Recht hatten, Polizeiaufgaben zu übernehmen oder Waffen zu tragen. Angehörige dieser Schicht verbündeten sich aufgrund ihrer Rassenzugehörigkeit mit der Bourgeoisie und halfen ihr dabei, ihr Wirtschaftssystem umzusetzen und aufrechtzuerhalten. In den Westindischen Inseln bildeten die Kreolen diese Pufferzone, in Lateinamerika die Kaziken, in Nordamerika waren es Weiße aus der Unter- und Mittelschicht. Auf diese Weise entstand in der englischen Neuen Welt die "weiße Rasse".[3]

Eine auf Rassenzugehörigkeit basierende Hierarchie war, kurz gesagt, Grundstein für die Bildung des modernen Kapitalismus. Da Rassenzugehörigkeit wesentlich für die politische und kulturelle Elite der herrschenden Klasse war, wurde sie zu einer materiellen Kraft, die Reichtum ermöglichte. Das System der sozialen Kontrolle, das der Sozialanthropologe Cedric Robinson als "racial capitalism"[4] bezeichnet, dauert bis heute an. Das System herauszufordern, erweist sich als erstaunlich schwierig – aber nicht unmöglich.

Die zunächst in den britischen Siedlerkolonien von Nordamerika gebildeten, auf Rassenzugehörigkeit basierenden Hierarchien festigten sich nach der Amerikanischen Revolution vollends in der neuen Nation der Vereinigten Staaten, in der die Macht der Sklavenhalter aufrechterhalten blieb. Institutionell zeigte sich das Privileg des Weißseins am deutlichsten darin, wie das neu entstandene Land Staatsbürgerschaft definierte. Das Einwanderungsgesetz von 1790 legte fest, dass "jeder Ausländer, als freie und weiße Person [Hervorhebung durch den Verfasser], der für die Dauer von zwei Jahren in den Grenzen und unter der Gerichtsbarkeit der Vereinigten Staaten gelebt hat, als Bürger derselben zugelassen werden kann". Männern wurde mit der Staatsbürgerschaft im Allgemeinen das Wahlrecht, das Recht auf Eigentum, das Recht auf freie Meinungsäußerung und das Versammlungsrecht verliehen sowie das Recht auf Schutz durch das Gesetz und die Möglichkeit, als Polizist zu dienen und Schusswaffen zu besitzen.

Die Bedingung "freie und weiße Person" bildete von 1790 bis 1952 die Grundlage der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft, bis sie mit dem McCarran-Walter Act aus dem US-amerikanischen Einwanderungsgesetz gestrichen wurde. Doch da sich die Privilegien der Staatsbürgerschaft von 1790 bis 1952 explizit auf das Weißsein gründeten, lässt sich festhalten, dass die Vereinigten Staaten während des größten Teils ihrer Existenz de jure ein auf white supremacy basierender Staat gewesen sind.

Fußnoten

3.
Vgl. Theodore Allen, The Invention of the White Race. Volume 2: The Origin of Racial Oppression in Anglo-America, London 1997.
4.
Cedric Robinson, Black Marxism. The Making of the Black Radical Tradition, Chapel Hill 2000, S. 2.
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