Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Christopher Vials

White Supremacy. Geschichte und Politik des Weißseins in den USA

Weiße und "Weiße auf Probe"

Zwischen 1790 und 1952 musste jede Einzelperson bei der Einreise ins Land nachweisen, dass er oder sie weiß war. Grundlegendes Kriterium für die Einwanderungsbehörde war dabei das Herkunftsland des Einwanderers: Eine Geburt in Europa war im Allgemeinen eine Garantie. Allerdings gab es Grauzonen, und die US-amerikanische Rechtsgeschichte ist gespickt mit Fällen, bei denen Einzelpersonen vor dem Obersten Gerichtshof Klage erhoben, normalerweise erfolglos, um aufgrund ihrer nationalen Herkunft als weiß eingestuft zu werden. So wurde beispielsweise in Sachen Saito (1894) geurteilt, dass Japaner nicht weiß sind, in Sachen Halladjian (1909), dass Armenier weiß sind und, in Sachen Majour (1909), dass Syrer weiß sind. Allerdings hoben die Gerichte letzteres Urteil wieder auf und entschieden 1914, dass Syrer doch nicht weiß sind.[5]

Es ist wichtig festzuhalten, dass zwischen 1790 und 1921 keine Obergrenzen existierten, was die Anzahl der Europäer anging, die in die Vereinigten Staaten einwandern durften. Aus Sicht der Behörden war es notwendig, dass so viele "freie weiße Personen" wie möglich ins Land gelassen wurden, damit die Grenzgebiete besiedelt wurden und später, während der Industriellen Revolution, damit Fabrikanten billige Arbeitskräfte zur Verfügung standen.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts, als Neuankömmlinge die US-amerikanische Kulturlandschaft veränderten, wurde den etablierten europäischen Amerikanern allerdings klar, dass nicht alle "freien weißen Personen" gleich waren. Neu angekommene Europäer, vor allem aus Ländern, in denen bittere Armut herrschte, erlebten gesellschaftliche Ächtung und bekamen es mit einer nativistischen, einwandererfeindlichen Gegenbewegung zu tun. Um Menschen dieser Kategorie zu beschreiben, prägte der Historiker Matthew Frye Jacobson den Begriff "probationary whites" (Weiße auf Probe). Letztere gehörten Gruppen an, die von Gesetzes wegen weiß waren und die rechtlichen Vorteile der Staatsbürgerschaft genossen (und daher im Vergleich zu people of color privilegiert waren), jedoch diverse Formen der Ausgrenzung und Marginalisierung erfuhren.[6] Diese gesellschaftliche Kategorie umfasste in der Regel die ärmsten europäischen Einwanderer in den Vereinigten Staaten: irische Katholiken von den 1840er bis zu den 1860er Jahren sowie von den 1890er bis zu den 1930er Jahren Italiener, Osteuropäer und Juden. Ob asiatische Amerikaner heute einer ähnlichen gesellschaftlichen Kategorie entsprechen oder nicht, wird unter Wissenschaftlern kontrovers diskutiert.[7]

Einwanderungskontingente und Neubestimmung der Staatsbürgerschaft

Die vor allem katholische und jüdische Einwanderungswelle an der Schwelle zum 20. Jahrhundert war in Relation zur Gesamtbevölkerung die größte in der US-amerikanischen Geschichte und verursachte eine starke Gegenbewegung seitens der etablierten weißen Protestanten. Teils angeheizt vom Ku-Klux-Klan und der Pseudowissenschaft der Rassenhygiene, forderten diese "Nativisten" mit Nachdruck Einwanderungsbeschränkungen. Ihre Bemühungen führten zur Verabschiedung des Emergency Quota Act von 1921 und zum Johnson-Reed Act 1924, den Adolf Hitler in "Mein Kampf" lobend erwähnte. Sie schränkten die Einwanderung der "Weißen auf Probe" stark ein – insbesondere die von Süd- und Osteuropäern – und schlossen Asiaten gänzlich aus. Ihre länger anhaltende Wirkung jedoch bestand in der Einführung von Einwanderungskontingenten.

Diese Gesetze legten mithin Obergrenzen fest, die seitdem fester Bestandteil der US-Immigrationspolitik sind. Im Verbund mit strengen administrativen Maßnahmen, etwa der Gründung der Grenzschutzbehörde United States Border Patrol 1924, schufen sie zudem die soziale und rechtliche Kategorie des "illegalen Ausländers", die bis heute im politischen Diskurs der USA als Gegenpol zum Staatsbürger herhalten muss.[8] Der illegale Ausländer entstand mit anderen Worten Anfang des 20. Jahrhunderts aufgrund zunehmender Schwierigkeiten bei der Definition von Weißsein.

Obschon die Staatsbürgerschaft gemäß dem Gesetz von 1790 explizit Weißen vorbehalten war, gab es natürlich auch vor seiner Abschaffung Nichteuropäer in den Vereinigten Staaten. Menschen afrikanischer Abstammung wurden bereits ab dem 17. Jahrhundert als Sklaven nach Nordamerika verschifft, ab 1848 wanderten in großer Zahl chinesische Hilfsarbeiter ein und im weiteren Verlauf des Jahrhunderts Japaner. Nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846–1848), als die Vereinigten Staaten große Teile mexikanischen Territoriums annektierten, darunter die heutigen Staaten Texas und Kalifornien, wurden mexikanische Bürger in den Vereinigten Staaten aufgenommen.

Diesen Nichteuropäern stand vor dem Zweiten Weltkrieg die Möglichkeit offen, die Staatsbürgerschaft zu erlangen und auf diese Weise Fuß im Land zu fassen. Kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) ratifizierte der US-Kongress den 14. Zusatzartikel zur Verfassung, der "allen Personen, die in den Vereinigten Staaten geboren oder eingebürgert sind" die Staatsbürgerschaft gewährte. Dank dieser Maßnahme wurde die Staatsbürgerschaft auf ehemalige Sklaven und, ungewollt, auch auf US-amerikanischem Boden geborene Kinder asiatischer Einwanderer ausgeweitet.[9]

Nach den Bestimmungen des Gesetzes von 1790 galten Mexikaner als Weiße, und mexikanische Staatsbürger, die vor dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg auf US-Staatsgebiet lebten, konnten ebenfalls US-Bürger werden. Doch ob Staatsangehörige oder nicht, das Gros dieser Nichteuropäer belegte für gewöhnlich den gleichen Platz in der Klassenhierarchie, wie er nach Bacon’s Rebellion Nichtweißen zuteil geworden war. Ob sie nun als Sklaven, Saisonarbeiter auf dem Feld oder Eisenbahnarbeiter schufteten, sie waren häufig die am stärksten ausgebeuteten Arbeiter in einer expandierenden US-Wirtschaft, einer Wirtschaft, die sowohl auf ihre Arbeitskraft als auch auf ihre Rechtlosigkeit angewiesen war.

Fußnoten

5.
Siehe Ian Haney Lopez, White by Law. The Legal Construction of Race, New York 1996.
6.
Matthew Frye Jacobson, Whiteness of a Different Color. European Immigrants and the Alchemy of Race, Cambridge MA 1999.
7.
Vgl. etwa Gary Okihiro, Margins and Mainstreams: Asians in American History and Culture, Seattle 1994.
8.
Vgl. Mae Ngai, Impossible Subjects. Illegal Aliens and the Making of Modern America, Princeton 2004.
9.
Diese umstrittene Gesetzeslücke existiert bis heute. Kritiker der politischen Rechten beklagen, dass Kinder von Einwanderern ohne Papiere als "Ankerkinder" die Staatsbürgerschaft erlangen können.
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