30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Christian Werthschulte

Space is the Place. Kursorischer Trip durch den Afrofuturismus

Suche nach einer schwarzen Zukunft

Afrofuturismus umfasst neben Musik auch Literatur, bildende Kunst, Comics, Film und Video sowie Computerspiele. Diese Kunstformen stehen sowohl miteinander im Austausch als auch mit der Kulturtheorie. Als verknüpfte Felder wurden diese erstmals 1992 in einem Essay von Mark Dery sichtbar, der den Begriff des "Afrofuturismus" prägte: Dery fragte sich, warum in der Science-Fiction so wenige afroamerikanische Autoren und Autorinnen zu finden sind, obwohl das Genre samt seiner Entführungsgeschichten und Menschenexperimente sich gut dafür eigne, den "Science-Fiction-Albtraum" afroamerikanischer Menschen zu illustrieren.[4] Fündig wurde er an den Rändern: in den Romanen des schwulen Autors Samuel Delaney, der sich in seinen Romanen sowohl mit der Intersektion von Ethnizität und Klasse als auch mit der AIDS-Krise beschäftigte; bei der Autorin Octavia Butler, die in ihren Werken antihierarchische, multiethnische Communities zum Thema machte, oder beim Rapper Rammellzee, der bei seinen Liveauftritten eine Art Roboter-Schutzanzug trug.

Rückblickend bezeichnet Dery seinen Essay als Versuch, "manche der ungehörten Stimmen zu verbreiten, und – was genau so wichtig war – zu fragen, warum die elitäre, weiße, mit den großen Firmen kuschelnde Technologiekultur keinen Raum für Frauen und people of color bereitstellt".[5] Seine Arbeit hatte somit den Charakter einer Gegenerzählung.

Die kalifornischen Tech-Zentren sind bis heute kein Ort, an dem sich die Vielfalt der USA abbildet. Dennoch ist Derys Text ein Kind seiner Zeit. Sein Fokus auf Technologie spiegelte die treibende Kraft hinter Techno und Hip-Hop wider, den zwei wichtigsten Ausdruckformen afroamerikanischer Popkultur der späten 1980er und 1990er Jahre: das Sampling. Mithilfe eines Samplers können kurze musikalische Phrasen digitalisiert und beliebig wiederverwendet werden. Die meisten Hip-Hop-Stücke dieser Zeit samplten Klassiker der afroamerikanischen Popmusik, unterwarfen diese Samples aber der rigiden Quantisierung digitaler Sequencer und steigerten so die maschinelle, posthumane Anmutung der Musik. "Im Hip-Hop zeigt sich ein gesteigertes Bewusstsein der hergestellten, designten und posthumanen Existenz von Afroamerikanern, das durch Comics und Science-Fiction gefördert wird", schreibt Kodwo Eshun. "Afrikanische Aliens wurden von afrikanischen Sklavenhändlern entführt, (…) um als amerikanische Sklaven designet zu werden. (…) Wie der Roboter (…) wurde auch der Sklave nur hergestellt, um eine Funktion zu erfüllen: als Servomechanismus, als Transportsystem, als Möbelstück, als 3/5 eines Menschen, als ein bruchstückhaftes Subjekt. (…) Sklaven sind Aliens."[6]

In seinem Buch "More Brilliant than the Sun" (1998) und als Mitwirkender in der Dokufiktion "The Last Angel of History" (1996) theoretisiert Eshun Afrofuturismus als transnationales, afrodiasporisches Phänomen des "Schwarzen Atlantik". Der Breakbeat wird zum Brückenschlag zwischen US-amerikanischem Funk und britischem Jungle. Er vereint Technoproduzenten in Detroit mit denjenigen, die in kleinen Heimstudios in London und Bristol Drum’n’Bass-Stücke programmieren. Zugleich bilden die konstitutiven Erzählungen afroamerikanischer Kultur die Grundlage für neue, afrofuturistische Science-Fiction: "The Last Angel of History" nimmt den Mythos auf, dass der Gitarrist und Sänger Robert Johnson zu Beginn des 20. Jahrhunderts an einer Kreuzung dem Teufel seine Seele verkaufte. Im Gegenzug stattete der Teufel ihn mit der Fähigkeit aus, den Blues zu erfinden. So übernimmt der "Datendieb" in "The Last Angel of History" die Aufgabe, die verschiedenen Stränge afrofuturistischer Musik im späten 20. Jahrhundert zusammenzuführen. Gelingt ihm dies, erhält auch er – analog zu Robert Johnsons Blues – eine "geheime schwarze Technologie".[7]

Fußnoten

4.
Mark Dery, Black to the Future, in: Mark Dery (Hrsg.), Flame Wars: The Discourse of Cyberculture, Durham 1994, S. 179f.
5.
Ders., Black to the Future: Afrofuturism (3.0), 1.2.2016. http://www.fabrikzeitung.ch/black-to-the-future-afrofuturism-3-0«.
6.
Kodwo Eshun, More Brillant than the Sun, London 1998, S. 112f.
7.
"Black Secret Technology" ist der Name eines Albums des britischen Jungle-Produzenten A Guy Called Gerald aus dem Jahr 1995.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Christian Werthschulte für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.