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Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Christian Werthschulte

Space is the Place. Kursorischer Trip durch den Afrofuturismus

Afrofuturismus und Politik

Die neue Popularität afrofuturistischer Themen stößt jedoch auch auf Kritik: "Der Black-Panther-Film löst Glücksgefühle bei einer großen Masse an Menschen aus, die ansonsten einer konstanten Unterdrückung durch den Staat ausgesetzt sind," sagt Ingrid LaFleur, Künstlerin aus Detroit. "Das mag alles aufregend sein, aber die Debatte darf nicht mit dem Hype um den Film enden. Ich will sichergehen, dass wir Zukunftsentwürfe haben, in denen schwarze Körper sicher sind und Schwarze ihr eigenes Schicksal in die Hand nehmen können." 2017 kandidierte sie als Bürgermeisterkandidatin – mit einem afrofuturistischen Programm. LaFleur setzte sich etwa für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein, mit dessen Hilfe sie die Folgen der Arbeitsplatzverluste eindämmen wollte. Finanziert werden sollte dies mit einer afroamerikanischen Kryptowährung. "Wir haben diese lange Ahnenreihe an Afrofuturisten in Detroit. Heute sehen wir, dass Menschen an Problemlösungen mithilfe von Technologie arbeiten, die sie gerade zur Hand haben, damit unsere Communities widerstandsfähiger werden und wir die Probleme lösen, die die Regierung nicht löst", meint LaFleur. Die Bevölkerung von Detroit ist zu fast 85 Prozent schwarz, rund ein Drittel lebt unterhalb der Armutsgrenze, es gibt Probleme bei der Versorgung mit Trinkwasser, aber auch mit Kommunikationstechnologien wie WLAN. Für LaFleur bedeutet Afrofuturismus daher zuerst eine Form von Community-Arbeit mit Technologie, so wie sie der Detroiter Musiker Onyx Ashanti betreibt. Er hat sich mit dem 3-D-Drucker eine Art Skelett gedruckt, das er über seine Arme und Hände streift, um damit seine Musiksoftware zu steuern. Ashanti gibt Workshops zum Thema 3-D-Drucken und wohnt im armen Norden Detroits in einem sozialen Wohnprojekt.

Ashanti und LaFleur verkörpern damit einen Teil der Forderungen, die die Künstlerin Martine Syms 2013 in ihrem "Mundane Afrofuturist Manifesto", dem Manifest des irdischen Afrofuturismus, aufstellte.[11] Syms weist den Weltraum als Metapher für die afroamerikanische Existenz zurück: "Die Erde ist alles, was wir haben, was stellen wir damit an?", fragt sie und fordert einen neuen Fokus auf eine "schwarze Humanität", die Wissenschaft, Technologie, Politik, Kultur und Religion umfasst. Schauplatz ihrer Literatur ist der Alltag und seine Rituale und Widersprüche.

In Philadelphia hingegen, der letzten Wirkungsstätte von Sun Ra, verbinden afrofuturistische Künstler und Künstlerinnen derzeit politische Graswurzelinitiativen mit Science-Fiction: Der afrofuturistische Elektronikproduzent King Britt etwa betreut junge Musiker in einem schwarzen Community-Projekt in North Philadelphia. Unter seinem Pseudonym "Fhloston Paradigm" malt er sich die Zukunft in psychedelischen Texturen aus: "Mit Fhloston Paradigm will ich den rauen Straßen Philadelphias, auf denen ich aufgewachsen bin, eine Vision voller Liebe entgegensetzen", erklärt King Britt. "Das Mittel dazu sind analoge Synthesizer." Es ist elektronische Weltflucht für eine Zeit, in der die Dystopie real geworden ist und fast schon unüberwindbar wirkt. "Scheiße – wie die Polizeigewalt – ist Alltag für Schwarze in Amerika. Eine Reaktion darauf ist, sich zu fragen, was das für die Zukunft bedeutet", sagt er. "Und meine musikalische Antwort ist: Es wird kein Happy End geben, es wird einfach nur zu Ende gehen."

Fußnoten

11.
Siehe http://martinesyms.com/the-mundane-afrofuturist-manifesto«.
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