Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Astrid Franke

Rassenordnung als Machtordnung. Diskriminierung im Bildungs- und Rechtssystem der USA

Rassenordnung in Bildung und Wirtschaft

Die Erfahrungen von Unterdrückung und Widerstand, von wiederholten Versprechen, Hoffnungen und Enttäuschungen, von gespaltenem Bewusstsein und der Formierung kollektiven Widerstands sind nicht nur tief in die afroamerikanische Literatur eingeschrieben, die somit von der Rassenordnung Zeugnis ablegt. Literatur kann diese auch an vielen Stellen reproduzieren: Die Literaturkritik, der Literaturunterricht, die Literaturtheorie und die Literaturwissenschaft überhaupt waren sicher und sind möglicherweise immer noch Komplizen in der Aufrechterhaltung dieser Ordnung.

Diese unbequeme Einsicht existiert schon lange, aber erst in den 1960er Jahren hat sie zu massiven Veränderungen an US-amerikanischen Universitäten geführt: zur Revision des Literaturkanons, zur Einrichtung neuer Studiengänge und neuer Departments, zur statistischen Erfassung der Zusammensetzung der Studentenschaft, zur aktiven Rekrutierung afroamerikanischer Studenten und Dozenten. Gleichwohl hat dies nicht zu einer gleichen und gerechten Verteilung der Ressource Bildung geführt: Unter Studierenden sind Afroamerikaner wie auch Hispanics gemessen am Bevölkerungsanteil in der entsprechenden Altersgruppe weiterhin unterrepräsentiert. Die Entwicklung der Studierendenzahlen verdeutlicht, dass affirmative action zwar den Anteil dieser Minderheiten steigern, aber die Kluft nicht schließen kann.[5]

Die fortlebende Unterrepräsentation deutet darauf hin, dass ihre Ursachen nicht allein in den Quotenregelungen der Universitäten zu suchen sind, sondern tiefer liegen: im Bildungssystem insgesamt, in der Verteilung von Wohlstand und Armut, in den Bildungsambitionen einzelner Familien und in der Geschichte all dieser Faktoren. Um dieses Zusammenspiel in aller Kürze darzulegen: Qualität und Ausstattung selbst staatlicher Kindergärten und Grundschulen sind in den USA stark standortabhängig, nämlich vom Wohlstand des Schulbezirkes. Familien, die Wert auf gute oder auch nur gewaltfreie Bildungseinrichtungen legen, werden ihren Wohnort entsprechend wählen, wenn sie sich dies leisten können. Der Sozialwissenschaftler Thomas Shapiro zeigte, dass die Einkommensdiskrepanz zwischen schwarzen und weißen Amerikanern seit den 1960er Jahren zwar gesunken, die Schere bei Kapital und Vermögen sowie Immobilieneigentum jedoch gewachsen ist.[6] Dies hat vor allem damit zu tun, dass weiße Arbeitnehmer vom Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit sehr viel stärker profitierten als Afroamerikaner und dass dieser Vorteil immer weiter vererbt wird. Viele weiße Familien nutzen ererbtes Vermögen oder Hauseigentum für Entscheidungen, die letztlich die Segregation von Wohngebieten und Bildungseinrichtungen fortführen und ihren Kindern Chancen geben, die Kinder aus schwarzen Familien mit demselben Einkommen nicht haben: Die Unterschiede im Vermögen verstärken die soziale Ungleichheit zwischen schwarzen und weißen Familien und erhalten so die Rassenordnung aufrecht. Maßnahmen wie affirmative action ändern nichts an der Ungleichheit der Chancen, diese sind das Resultat historischer Ungleichheit, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird.

Offenbar wohnt der Rassenordnung als Machtordnung eine Trägheit inne, die vergangene Benachteiligung in der Gegenwart weiterleben lässt – und zwar trotz der Versuche, in der Gegenwart Ungleichheiten zu verringern. Zugespitzt: Selbst wenn es möglich wäre, eine Reset-Taste zu drücken und eine historisch lang anhaltende systematische Ungleichheit im Verhältnis zweier Gruppen heute auf Null zu stellen, so würde es morgen immer noch systematische Ungleichheiten geben. Diese Trägheit der Ordnung findet ihre Entsprechung in der Trägheit der Einstellungen und Wahrnehmungsdispositionen einzelner Menschen und Gruppen. Pierre Bourdieu spricht hier von der "Hysteresis" des Habitus, der die Vergangenheit in der Gegenwart weiterleben lässt.[7] Er hat dieses Phänomen zuerst in einem postkolonialen Kontext untersucht, was wie die Hinweise auf die Geschlechterordnung darauf hindeutet, dass wir es mit zum Teil verallgemeinerbaren Beobachtungen über ungerechte Ordnungen zu tun haben.

Festzuhalten ist auch, dass die Stabilisierung durch das Zusammenwirken verschiedener gesellschaftlicher Bereiche geschieht, in die Ungleichheiten in jeweils bereichsspezifischen Weisen eingeschrieben sind. In dem geschilderten Beispiel der Bildung ist es der rechtliche Rahmen von Privateigentum, der über wirtschaftliches Handeln von Familien zum Erhalt der Rassenordnung beiträgt, obwohl die Gesetze zu affirmative action sie gleichzeitig abschwächen sollen. Weil Gesetze und ihre Umsetzungen viele soziale Beziehungen regeln, spielt das Rechtssystem in Hinblick auf die Rassenordnung eine besondere Rolle. Je unabhängiger es ist, desto mehr Möglichkeiten bietet es zur Gegenwehr.

Fußnoten

5.
Vgl. Jeremy Ashkenas/Haeyoun Park/Adam Pearce, Even With Affirmative Action, Blacks and Hispanics Are More Underrepresented at Top Colleges Than 35 Years Ago, 24.8.2017, http://www.nytimes.com/interactive/2017/08/24/us/affirmative-action.html«. Affirmative action bezeichnet die gezielte Bevorteilung von sozialen Gruppen, um gesellschaftliche Benachteiligung zu kompensieren.
6.
Vgl. Thomas M. Shapiro, The Hidden Cost of Being African American: How Wealth Perpetuates Inequality, Oxford 2004, S. 1–18.
7.
Pierre Bourdieu, Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Frankfurt/M. 1976, S. 168 und S. 183.
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