30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

31.10.2002 | Von:
Detlef Pollack

Religion und Politik in den postkommunistischen Staaten Ostmittel- und Osteuropas

IV. Wovon die Vitalität von Religion und Kirche abhängt

Alle hier angeführten Umstellungsprobleme werfen die Frage auf, welchen Einfluss die Regelung des Verhältnisses von Staat und Kirche und der Grad des religiösen Pluralismus auf die soziale Attraktivität von Religion und Kirche haben. Nützt es den einheimischen großen Kirchen, wenn sie kleinere Kirchen und Religionsgemeinschaften zurückdrängen und ihre eigene rechtliche und finanzielle Privilegierung anstreben, oder schaden sie sich durch ihr Bemühen um staatliche Bevorzugung - zumindest langfristig - nicht eher? Profitieren sie von der Ausschaltung kleinerer Konkurrenten auf dem religiösen Feld, oder hat die Einschränkung des religiösen Pluralismus nicht gerade negative Auswirkungen auf alle religiösen Gemeinschaften und damit auch auf die Mutterkirchen selbst?

Theoretisch betrachtet, sind die Effekte der Regulierung des Verhältnisses von Staat und Kirche und des Grades des religiösen Pluralismus auf Religion und Kirche umstritten. Es lässt sich denken, dass sich eine Kirche umso besser durchsetzt, je größer ihre rechtlichen und finanziellen Vorteile sind. Daneben wird in der religionssoziologischen Diskussion aber auch die Position vertreten, dass die soziale Mobilisierungsfähigkeit von religiösen Gemeinschaften steigt, wenn keine religiösen Gruppierungen bevorzugt werden und sich eine Konkurrenz gleichberechtigt agierender religiöser Anbieter herausbildet. [16] Ebenso lässt sich die Meinung finden, religiöse Überzeugungen und Verhaltensweisen würden dadurch gestärkt, dass andere sie teilen. Sie würden unter Bedingungen religiöser Homogenität also stabilisiert, während im Falle einer Pluralität von religiösen Traditionen sich diese in ihrem Wahrheitsanspruch wechselseitig relativieren und unterminieren. [17] Demgegenüber ist jedoch auch die Auffassung anzutreffen, dass im Falle der Dominanz einer Religionsgemeinschaft die religiösen "Anbieter" nachlässig und gegenüber den religiösen Bedürfnissen ihrer "Kunden" unsensibel würden, während bei einer Vielzahl unterschiedlicher miteinander konkurrierender religiöser Gemeinschaften die einzelnen Anbieter sich herausgefordert fühlten, ihre Anstrengungen zu verstärken, ihre Mitglieder zu halten und neue anzuziehen. [18] Welche Position die religiösen Wandlungsprozesse in den postkommunistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas besser zu erklären vermag, lässt sich auf der theoretischen Ebene allein nicht entscheiden. Es ist daher nötig, den Zusammenhang zwischen dem Grad der staatlichen Regulierung des religiösen Bereiches und dem Ausmaß des religiösen Pluralismus auf der einen und der Vitalität von Religion und Kirche auf der anderen Seite empirisch zu untersuchen.

Als Maß für religiösen Pluralismus sei hier der so genannte Herfindahlindex benutzt, der die Wahrscheinlichkeit misst, mit der in einem Land zwei Personen einer Konfession angehören, und insofern das Ausmaß religiöser Homogenität in einem Land abbildet. Um den Grad der rechtlichen Trennung von Staat und Kirche zu messen, werden folgende fünf Kriterien verwendet (vgl. Tab. 1):

- Existenz eines Staatskirchentums (2 Punkte),

- Existenz theologischer Fakultäten an staatlichen Hochschulen oder Universitäten (1 Punkt),

- staatlich finanzierter Religionsunterricht an öffentlichen Schulen (2 Punkte),

- Vorhandensein von Militär- bzw. Gefängnisseelsorge (1 Punkt),

- steuerliche Begünstigung der Kirchen, finanzielle Unterstützung (2 Punkte).

Neben der rechtlichen Regulierung des Staat-Kirche-Verhältnisses und dem Grad des religiösen Pluralismus beeinflussen natürlich auch andere Faktoren die Mobilisierungsfähigkeit von Religion und Kirche. So kann die Entwicklung von Religion und Kirche in einer Region zum Beispiel auch damit erklärt werden, welche Konfession dort die Mehrheitsreligion stellt. In Polen, Slowenien und Litauen, in denen die Mehrheit der Bevölkerung katholisch ist, hat die Kirche die repressive Kirchenpolitik des Staates in der sozialistischen Ära weitaus besser überstanden als in mehrheitlich protestantischen Ländern wie etwa in Estland oder in der früheren DDR. Zu untersuchen ist also auch, wie hoch der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung einer Region oder eines Landes ist, darf man doch traditionellerweise bei ihnen eine deutlich stärkere Glaubens- und Kirchenbindung als etwa bei Protestanten unterstellen.

Weiterhin dürfte auch das Modernisierungsniveau einer Gesellschaft Einfluss auf die Vitalität des religiösen Feldes haben. Die katholischen Länder, in denen die Modernisierung am weitesten vorangeschritten ist, sind häufig zugleich auch am stärksten entkirchlicht. In wirtschaftlich höher entwickelten, mehrheitlich katholischen Ländern wie Slowenien oder Ungarn ist auch die Kirchenbindung geringer als in stärker agrarisch geprägten katholischen Ländern wie Polen oder die Slowakei. Ebenso lassen sich Differenzen unter den dominant protestantischen oder ehemals dominant protestantischen Ländern ausmachen, wenn man sie nach ihrem Modernisierungsgrad miteinander vergleicht. So ist das höher entwickelte Ostdeutschland stärker säkularisiert als Lettland oder Estland. Zur Messung des Modernisierungsniveaus sei auf den Human Development Index zurückgegriffen. Mit ihm wird (wie häufig üblich) nicht nur das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf erfasst, sondern auch die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung sowie die Bildung, unter anderem gemessen an der Alphabetisierungsrate und dem Anteil der Studierenden an der Gesamtbevölkerung.

Selbstverständlich ließen sich weitere Faktoren benennen, die einen Einfluss auf die soziale Stellung von Religion und Kirche in den Ländern Ostmitteleuropas ausüben. [19] Für die hier anzustellende Untersuchung der sozialen Anziehungs- und Integrationskraft von Religion und Kirche soll die Benennung von Einflussfaktoren damit jedoch ihr Bewenden haben. Um ihre Wirkung auf die Vitalität von Religion und Kirche zu analysieren, die hier durch die Häufigkeit des sonntäglichen Kirchgangs, das Ausmaß des Vertrauens in die Kirche sowie die Verbreitung des Glaubens an Gott abgebildet wird, sei ein Vergleich ausgewählter osteuropäischer Länder mit einigen westeuropäischen Ländern vorgenommen. Ein solcher Vergleich ist notwendig, um die Fallzahl und damit die länderspezifische Varianz zu erhöhen. Zugleich kann er auch einige Besonderheiten Osteuropas gegenüber Westeuropa hervortreten lassen.

Fußnoten

16.
Vgl. R. Finke/R. Stark, Religious Economies and Sacred Canopies: Religious Mobilization in American Cities, in: American Sociological Review, 53 (1988), S. 41 - 49; dies., The Churching of America 1576 - 1990: Winners and Losers in our Religious Economy, New Brunswick 1992.
17.
Vgl. P. L. Berger, Zur Dialektik von Religion und Gesellschaft: Elemente einer soziologischen Theorie. Frankfurt/M. 1973; ders., Der Zwang zur Häresie: Religion in der pluralistischen Gesellschaft, Freiburg 1980.
18.
Vgl. L. R. Iannaccone (Anm. 1); R. Stark/L. R. Iannoccone (Anm. 1).
19.
Vgl. D. Pollack, Modifications in the Religious Field of Central and Eastern Europe, in: European Societies, 3 (2001), S. 135 - 166.